„Cinematic Bubble Grunge“ ist nicht nur der Titel des Debütalbums der in Tirol wohnhaften Berlinerin Lucy Fair, ist es auch gleichzeitig das Genre, in das sie sich nonchlanat selbst verortet. Im Gespräch mit der „Krone“ erklärt sie uns, was sie nach Österreich trieb, wieso sie eine zweite Karriere startet und weshalb das Teuflische gar so weit ausgeprägt wirkt.
Auf Tour mit Rea Garvey und Bosse, ein Kompliment von Beatles-Legende Sir Paul McCartney und unzählige Erfahrungen zwischen Bayern und Berlin – Valentine Romanski hat bereits eine durchaus erfolgreiche Karriere hinter sich, doch das letzte Jahrzehnt stand ganz im Zeichen einer Neukalibrierung. Seit dem letzten Jahr firmiert die Künstlerin unter dem Namen Lucy Fair und veröffentlicht dieser Tage ihr Debütalbum „Cinematic Bubble Grunge“. „Den Namen Lucy Fair habe ich als Pseudonym dafür erfunden, wenn ich für andere Künstlerinnen – wie etwa Conchita Wurst – Songs schrieb“, erzählt sie im gemütlichen „Krone“-Gespräch, „ich fand auch das Wortspiel witzig, weil nicht jeder checkt, dass hier ein kleiner Teufel im Detail steckt. Ich habe meine Karriere und meine Social-Media-Profile aufgeräumt und bin für manche jetzt eine Art Newcomer. Das kann Fluch und Segen zugleich sein, für mich hatte die Veränderung bislang aber nur positive Seiten.“
Zwischen alter und neuer Heimat
Nach einigen Jahren bei einem Majorlabel entdeckte Valentine vor allem eines: Es fehlt bei allem Erfolg vor allem an der Selbstbestimmung. Wenn man all seine Energie und sein kreatives Schaffen voll in etwas reinlegt und man nur ein Tröpfchen Anerkennung zurückbekommt, dann kann das einen zermürben. Ich musste mich erst einmal selbst wiederfinden.“ Im Hintergrund schrieb sie weiter an Songs, entscheidend war dann ein Umzug ins österreichische Tirol. Die Beziehung, für die sie den Lebenswandel wagte, hielt nicht, wohl aber fand sie hier neue Kreativpartner und eine Umgebung, von der aus sich die alten Brücken endlich abreißen und neue Steine aufbauen ließen. Heute pendelt sie zwar noch zwischen alter und neuer Heimat, tendiert aber stark dazu, lieber morgen als übermorgen endgültig im Tiroler Land zu bleiben. „Ich leide, wie so viele, am Hochstapler-Syndrom und dachte immer, meine Songs können mit anderen nicht mithalten. Aber in Tirol wurde ich ermutigt, meine Ideen weiterzuverfolgen. Dranzubleiben und was daraus zu machen. Dass ich meine Musik nicht mehr als Valentine präsentiere, hat mir auf jeden Fall geholfen, neu starten zu dürfen.“
Während Künstlerinnen normalerweise unter ihrem echten Namen die ehrlichsten Songs veröffentlichen, macht Valentine es kurioserweise als Lucy Fair. „Es ist ein bisschen stringent in meinem Leben, dass ich immer kleine Umwege gehe, um dann auf den geebneten Weg zurückzukommen. Um ihr neues Alter Ego zu präsentieren, setzt die Wahl-Tirolerin mannigfaltige Stärken ein. Da sie auch in der Schauspielerei firm ist, hat sie für die ohrwurmträchtige Single „Broken Hearted“ einen knapp siebenminütigen Kurzfilm mit Storyboard und Liebe zum Detail gedreht. „Das Visuelle ist mir wichtig. Ich bin riesengroßer Coldplay-Fan und habe ihren Song ,Paradise‘ erst richtig geschätzt, als ich das Video dazu sah. So etwas erschafft noch einmal eine ganz andere Tiefe und ermöglicht den Hörern und Sehern, die Geschichte mit ganz anderen Augen zu sehen. Und das Coole: Ich habe ja immer Hollywood im Kopf und während in Berlin alle vorgeben als ob, wurde in Innsbruck in die Hände gespuckt und gemacht. Wahnsinn, was dort bei kreativen Menschen für eine Energie herrscht. Berlin ist schon viel zu ausgelaugt.“
Mannigfaltige Inspirationsquellen
Mit dem Album und seinem Titel hat sich Lucy Fair nicht nur einen langgehegten Traum erfüllt, sondern auch gleich ihr eigenes Sub-Genre begründet. „Ich will nicht einfach nur Indie-Pop dazu sagen, um meinen Sound zu beschreiben und irgendwann kam mir dieser Begriff. Zwei Monate später habe ich dann geträumt, wie ich auf einer Seifenblase sitze mit einer Sicherheitsnadel in der Hand. Die Botschaft dahinter ist, dass ich mich oft ein bisschen selbst boykottiere. Ich realisiere unheimlich viel, will mit dem Kopf aber trotzdem oft durch die Wand.“ Inspiriert ist Lucy Fair von unzähligen Künstlerinnen und Epochen. Radiohead, The Verve, Jeff Buckley und die Cardigans finden da genauso ihren Platz wie Filmmusik von Danny Elfman, das glamouröse Hollywood der 50er-Jahre oder die zeitlose Kate Bush. Lieblingsband? „Muse. Wenn man mein Album dreimal hört, dann checkt man das aber schnell ab“, lacht sie.
Die Unterschiede zwischen Valentine Romanski und Lucy Fair sind trotz allem weniger stark ausgeprägt, als das so mancher vielleicht glauben würde. „Der Kern meiner artifiziellen Auslegung war immer da und im Grunde kann ich jetzt auf all das zurückblicken, was mir früher schon wichtig war. Ich wurde früher mit 16 oft als deutsche Björk bezeichnet. Das war nett, aber es fühlte sich nie so an, als wäre es direkt aus meinem Inneren gekommen. Es wurde trotzdem künstlich aufgeblasen, verzerrt und schräg wiedergegeben. Ich war zu jung und hatte vor der Bühne richtig Angst. Heute gibt es für mich nichts Schöneres, als dort zu stehen und die Leute mitzunehmen. Ich spiele oft sogar absichtlich nicht Klavier, sondern lagere das aus, damit ich mehr Energie und Konzentration dafür aufwenden kann, mich mit dem Publikum an der Bühnenfront direkt zu verbinden.“ Wie „diabolisch“ das Album für Lucy Fair ausgefallen ist, wurde ihr auch erst später klar. „Lieder heißen ,Burning‘, ,Hellfire‘, ,Burn Yourself‘ oder ,See You In Hell’”, lacht sie, „es hat aber nichts mit dem Teuflischen zu tun. Es ist halt Kunst und wer sich davon provoziert fühlt, der muss damit leben.“
Selbstfindung auf eigene Art und Weise
Wer sich das Album durchhört, könnte eine auf- und abgehende Liebesgeschichte als konzeptionellen Unterbau verorten, doch streng genommen ist „Broken Hearted“ der einzige Lovesong auf „Cinematic Bubble Grunge“. „,Burning‘ ist zum Beispiel ein Song über Depressionen und ,The First Day I Fall In Love‘ handelt vom Schmerz des Abgelehntwerdens und der Erkenntnis, dass man jemand anderen für sein eigenes Glück gar nicht braucht. Es gibt zig Trilliarden Bücher über Selbstfindung, aber am Ende muss jeder für sich den richtigen Weg finden.“ Lucy Fair will mit ihren Songs nicht immer das Rad neu erfinden. „Es muss auch nicht immer super-tiefgründig und um den heißen Brei herumgetextet sein. David Lynch erklärt seine Filme auch nicht und wenn jeder zu jedem Song etwas anderes fühlt, passt das auch.“ Der Terminkalender ist jedenfalls voll, nur mit den Liveshows hapert es noch, doch auch die werden kommen. Lucy Fair hat jedenfalls Lunte gerochen – und steht erst ganz am Anfang ihres nächsten, rasant wachsenden Karrierekapitels.
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