Vier Tage allein im Studio, Tränen und jede Menge Emotionen: Die in Wien lebende Musikerin Phoebe Violet verarbeitet auf ihrem neuen Album „Tomorrow“ das Leid der Welt. Vor ihrer Albumpräsentation am 23. Oktober im Wiener Porgy & Bess sprach sie mit der „Krone“ über ihre Sorgen, Hoffnungen und die Zukunft ihrer Kinder.
Sängerin, Geigerin, Komponistin und Malerin: Die gebürtige Costa-Ricanerin Phoebe Violet ist eine Künstlerin mit vielen Talenten. Normalerweise überlässt sie musikalisch nichts dem Zufall. Jeder Ton, jede Melodie und jedes noch so kleine Detail wird genau geplant. Doch für ihr neues Album „Tomorrow“ warf sie ihre gewohnte Arbeitsweise kurzerhand über Bord. Vier Tage lang zog sie sich in ein kleines Studiozimmer zurück, spielte sämtliche Instrumente selbst ein und ließ ihren Gefühlen freien Lauf. Was dabei herauskam, war nicht nur Musik, sondern auch eine emotionale Grenzerfahrung. „Manche Lieder musste ich abbrechen, weil ich zum Heulen angefangen habe“, erzählt sie im Gespräch mit der „Krone“.
Der Grund dafür liegt in den erschütternden Ereignissen der vergangenen Jahre. Die Kriege in der Ukraine, in Gaza und im Sudan haben die Musikerin tief bewegt. „Ich habe nur gespürt, dass irgendwas raus muss aus mir“, erinnert sie sich an die Entstehung der Platte. Als Künstlerin habe sie sich angesichts des Leids oft hilflos gefühlt. „Da gibt es Krieg, da gibt es Hunger, da gibt es Not, und ich kann so wenig machen. Ich kann nicht verstehen, wie ein Mensch einen anderen Menschen umbringen kann.“ Ihre Antwort auf all diese Gefühle: Musik.
Mit „Tomorrow“, das am 9. Oktober erschien, setzt die Sängerin ein deutliches Zeichen für Menschlichkeit und Frieden. In elf Songs beschäftigt sie sich mit Gewalt, Angst, Hoffnung und der Frage, wie unsere Welt von morgen aussehen könnte. Besonders eindringlich wird sie in „Que no maten“, in dem sie fordert, Kinder und ihre Familien zu verschonen. In „Jamais“ wiederum übt sie Kritik an Krieg und dem Umgang mit Waffen.
Zwischen Hoffnung und Zukunftsängsten
Doch wie viel Hoffnung steckt angesichts dieser düsteren Themen tatsächlich in ihrem Albumtitel? „Ich werde ein bisschen pessimistisch jetzt klingen“, kündigt sie an. Ihrer Meinung nach habe sich die Menschheit im Grunde kaum verändert, lediglich die Mittel seien andere geworden. Besonders die Digitalisierung und die zunehmende Geschwindigkeit unserer Gesellschaft bereiten ihr Sorgen.
Als Mutter blickt sie mit noch größerer Besorgnis auf die Zukunft. „Du willst eigentlich einen guten Ort für deine Kinder schaffen, und ich weiß aber nicht, ob das grad der Fall ist“, gesteht Violet nachdenklich. Ganz verloren hat sie ihren Optimismus allerdings nicht. Schließlich habe es die Menschheit immer wieder geschafft, sich nach schweren Zeiten neu aufzurichten.
Von Costa Rica nach Wien
Dass die heute in Wien lebende Musikerin einmal diesen Weg einschlagen würde, war übrigens keineswegs geplant. Geboren 1988 in Costa Rica, kam sie durch ihren österreichischen Stiefvater nach Linz, wo sie die Schule beendete. Mit 18 Jahren zog sie schließlich nach Wien, um zu studieren. Schon als Dreijährige hatte sie Geige gespielt, doch die Musik sollte ursprünglich nur ein Hobby bleiben. Stattdessen beschäftigte sie sich mit Architektur, Philosophie und Soziologie. Irgendwann wurde ihr die Arbeit am Computer allerdings zu eintönig. „Ich liebe die Bühne“, erklärt sie ihre Entscheidung für die Musik.
Ihre lateinamerikanischen Wurzeln sind dabei bis heute hörbar. „Das kommt alles von meiner Heimat“, sagt sie über die Rhythmen und Emotionen ihrer Lieder. Gesungen hat sie bislang überwiegend auf Spanisch, ihrer Muttersprache. Für „Tomorrow“ wagte sie sich aber auch an andere Sprachen. So entstand mit „Traum, sei jetzt still“ erstmals ein deutschsprachiger Song. „Ich finde Deutsch ist eine unfassbar schöne und ein wenig düstere Sprache.“
Musik, die keine Grenzen kennt
Wie sehr Musik auch ohne gemeinsame Sprache verbinden kann, erlebte Violet bei einem Konzert in einem alten Amphitheater im türkischen Bodrum. Obwohl das Publikum ihre spanischen Texte nicht verstand, kam nach ihrem Auftritt eine etwas ältere Dame auf sie zu und umarmte sie. Ein Moment, den Violet bis heute nicht vergessen hat. „Die Sprache der Musik. Sie ist so universell.“
Genau dieses Gefühl möchte sie auch am 23. Oktober im Wiener Porgy & Bess (Tickets auf der Webseite www.porgy.at) vermitteln, wenn sie „Tomorrow“ erstmals live präsentiert. Gemeinsam mit Kenji Herbert, Jakob Schneidewind und András Dés wird sie die Stücke neu interpretieren. „Es wird eine emotionale Reise sein“, verspricht die Musikerin. Ihr größter Wunsch? „Ich hoffe, die Menschen fühlen es genauso wie ich.“
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