Seit knapp eineinhalb Jahrzehnten stehen die beiden New Yorker Brüder Brian und Michael D‘Addario für Rock‘n‘Roll in Reinkultur. Mit ihrem neuen Album „Look For Your Mind!“ und alten Krachern in der Tasche, kommen die nostalgisch angehauchten Power-Rocker wieder nach Wien. Die „Krone“ hat sich vorher nach dem werten Befinden und der bisherigen Karriere erkundet.
Wenige Tage vor Weihnachten 2024 gaben die Lemon Twigs ihre Österreich-Live-Premiere im Wiener Flucc und wirkten bewusst wie aus der Zeit gefallen. Die beiden Brüder Brian und Michael D’Addario beweisen seit mittlerweile zwölf Jahren, dass sie zu den frechsten und offensivsten Power-Pop-Rock-Bands der Gegenwart zählen. Wobei das mit der Gegenwart so eine Sache ist. Die Frisuren erinnern an AC/DC anno 1977, für die Bühnenkleidung bedient man sich aus diversen Vintage-Shops in den coolen europäischen Metropolen und der Sound der Lemon Twigs bewegt sich zwischen Power Pop, Glam Rock, Indie-Zitaten oder Elementen des eher seltenen Barock-Rock. Dass die zwei größten und unverrückbaren Säulenheiligen die Beatles und die Beach Boys sind, können die Brüder, die sich live um zwei Musiker verdoppeln, nicht verbergen, auch wenn man sich mit Mühe und Entschiedenheit versucht, sich von den Fesseln der eigenen Idole zu befreien. Vielleicht ist das aber auch gar nicht nötig, denn wenn es die Originale nicht mehr gibt, dann muss eben die nächste Generation in die Bresche springen und mit engen Röhrenjeans durch die Clubs springen.
Songs, die atmen können
Auf dem letzten Album „A Dream Is All We Know“ aus 2024 haben sich die Lemon Twigs noch hauptsächlich aufeinander besinnt. Die Songs entstanden im gegenseitigen Jonglieren von Ideen und erst während des Prozesses merken sie so wirklich, wohin die Reise gehen wird bzw. soll. Veränderungen sind immer wichtig, den Korpus der Band will man deshalb aber nicht verrücken. So kam es, dass man damals alle Instrumente zu zweit einspielte und die beiden Livemitglieder nicht ins Studio mitnahm. Das hat man für das diesen Juni veröffentlichte Album „Look For Your Mind!“ wieder verändert. Mehr kollektiv, breitere Ideen, musikalisch auch wieder ein minimaler Richtungswechsel, aber das Feeling der guten alten Analog-Tage hat man sich freilich behalten. „Wir lieben es, wenn die Songs atmen können und wenn sie genug Raum haben, um sich zu entfalten. Weniger Beach Boys, mehr Power im Pop und mehr New-Wave-Anleihen war dieses Mal großgeschrieben.
„Am wichtigsten ist uns ohnehin, dass der analoge, traditionelle Touch immer Grundstein der Lieder bleibt“. Da werden bei den New Yorkern schon einmal die alten Kondensatoren-Mikrofone ausgepackt, wenn der Vintage-Gedanke in der Realität so richtig davongaloppieren möchte. Die Lemon Twigs verstehen sich aber nicht als Wurlitzer-Nostalgiecombo, sondern ehren diese Zeit der musikalischen Aufbruchstimmung mit echter Liebe und Hingabe. Gestählt wurden sie bereits im künstlerischen Elternhaus. Beide wuchsen in einem kleinen Apartment von Queens auf und am Plattenteller des Vaters rotierten ohne Unterlass unterschiedlichste Platten der Beatles. Die Bühne lernten sie schon früh kennen. Beide Brüder fungierten über viele Jahre hinweg als beliebte Musical-Darsteller, nebenbei erlernten sie alle möglichen Instrumente, um sich ihrer wahren Liebe Rock’n’Roll irgendwas als würdig zu erweisen. „Es war schon cool, dass wir von Anfang an Aufmerksamkeit bekamen“, erzählen sie der „Krone“, „wir haben mittlerweile auch eine gewisse musikalische Konsistenz hineingebracht und scheuen uns trotzdem nicht vor Veränderungen.“
Fokus auf die Persönlichkeit
Mit ihrem Look und ihrem Sound stehen die D’Addarios auch diametral gegen die immer breiter grassierende KI-Welle im Musikbusiness. „Wir sind jetzt Trends nicht per se abgeneigt, aber diese Trends, die uns interessieren, sind handgemacht. Durch viel Übung und ständiges Proben steigert man seine Fertigkeiten und wird immer besser. Wir versperren uns dem Digitalismus aber nicht. Gerade im technischen Aufnahmesektor hat sich da enorm viel zum Positiven verändert und dagegen streben wir nicht an. Wir sind keine musikalischen Archäologen, aber wir bevorzugen es, die Gitarren normal durch die Verstärker sprechen zu lassen. Die KI hat alle Unterlagen und Komponenten, um auch einen analogen Sound so gut wie möglich zu reproduzieren, aber sie schafft es – bislang – trotzdem nicht. Natürlich schickt man sich heute keine Tapes mehr über den Postweg, aber das heißt nicht, dass man seine Ideale und die Arbeitsschritte ganz aufgeben muss. Einer KI-Produktion wird es am Ende immer an Persönlichkeit fehlen und echte Musikfans hören das.“
Wenn die Lemon Twigs an Musik bzw. an einem neuen Album arbeiten, dann begeben sie sich meist direkt in ein „Rabbit Hole“ und versinken für einige Zeit in ihrem aktuellen Projekt. „Seit wir das erste Mal Instrumente in die Hand genommen haben, absorbieren wir jede Art von Musik, die wir hören oder kennenlernen. Es geht gar nicht so sehr darum, Retro zu sein oder den eigenen Helden nachzueifern, sondern die Musik so gut und durchschlagskräftig wie möglich zu gestalten. Es gibt so Meilenstein-Alben wie ,Sunflower‘ von den Beach Boys oder ,Revolver‘ von den Beatles, die immer ein bisschen mehr waren als nur ein neues Album oder ein gelungenes Stück Musik. Wo Bands und Musiker über sich hinausgewachsen sind und etwas erschaffen haben, das man erst später als derart genial wahrnahm. Es macht aber keinen Sinn, diese Größen zu kopieren. Man muss sich davon inspirieren lassen, Anleihen herausnehmen, aber den eigenen Sound finden. Das ist die wichtigste Vorgabe – und das Ergebnis muss extrem gut klingen.“
Eine fordernde Stadt
Der Faktor New York ist im kreativen Prozess bei den Lemon Twigs weniger wichtig, als man vermuten möchte. „Wir haben mehr gute Freunde in Los Angeles als in New York“, lachen die beiden auf, „in Los Angeles sind wir die Karriereleiter intensiver raufgestiegen, haben bei anderen Künstlern und Freunden mitgespielt und viel mehr experimentiert. Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir an jedem Zipfel Amerikas Leute kennen und die Szene so vielseitig und fruchtbar ist. New York ist trotz allem unsere Homebase. Es ist die Stadt, die am lebendigsten ist, wo es das beste Essen gibt und man die meisten Auftrittsmöglichkeiten hat. Aber wir definieren uns nicht darüber.“ Apropos Beatles – mit John Lennons Sohn Sean Lennon hat man schon gearbeitet. „Das war natürlich cool. Er ist ein großartiger Musiker, ungemein witzig und sehr generös. Aber das ist das Schöne in New York - dort gibt es tonnenweise Musiker und er ist einer davon. Keiner bildet sich was auf sich ein, denn so nimmt dich dort keiner ernst.“
Live in Wien
Mit ihrem neuen Album „Look For Your Mind!” und den besten Songs aus ihrer reichhaltigen Diskografie kommen die Lemon Twigs endlich wieder zu uns. Am 30. September sind sie im Wiener Flex zu Gast und unter www.ticketmaster.at gibt es noch Karten und alle weiteren Infos zur Show.
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