Vor vier Jahren erschein der Australier Jude York mit seinen sanften Pop-Songs auf der Bildfläche und ist gekommen, um zu bleiben. Am Dienstag gibt er im randvollen Wiener B72 seine erste Headliner-Show in Österreich. Mit der „Krone“ blickt er zurück zu den Anfängen seiner Karriere und erzählt auch, welchen Plan B er im Falle eines musikalischen Misserfolgs zurechtgelegt hat.
Wenn Jude York daheim in der Küche steht und mit seiner Mutter Songs intoniert, dann geht das Internet steil. 2022 kam der Australier aus Toowoomba in Queensland das erste Mal breiter in die Öffentlichkeit, als mit der Ballade „I Won’t Need To Dream“ zum Vorausscheid für den Song Contest für Australien antrat und den beachtlichen achten Platz erreichte. Track wie „Mr. Porcelain“, „Cashew“ und „All My Friends Hate Me” und York eroberte damit flugs die Streaming-Playlisten und reüssierte auch live auf der Bühne immer stärker. Sein Markenzeichen: sensible, niemals aus dem sicheren Bereich der Gemächlichkeit austrabende Pop-Songs über Beziehungsprobleme, die eigene Verletzlichkeit oder schwer zu erfüllende Sehnsüchte. Die mit seiner Mutter gedrehten Videos sind nicht nur ein Marketing-Gimmick, die Frau Mama reist auch gerne mit dem Sohn und beehrt ihn auf den großen Konzert- und Festivalbühnen dieser Welt. Von seiner Mutter hat er mitunter die unbändige Liebe zur Musik geerbt.
Startschwierigkeiten in Österreich
„Beide meiner Eltern sind leidenschaftliche Musiker“, erzählt er uns im „Krone“-Interview, „als ich acht oder neun war, habe ich schon auf Bühnen gesungen, mit zwölf hat mir mein Vater gezeigt, wie man Musik produziert. Die Musik war immer so stark in meinem Alltag integriert, dass es für mich jetzt nicht so speziell ist wie für andere Menschen. Das Auftreten vor anderen Menschen und das Performen seiner Songs sieht York nicht als Belastung, sondern als pure Freude. Auch wenn es nicht immer leicht ist. Seine Österreich-Livepremiere gab er 2025 beim Frequency Festival in St. Pölten, wo er sich u.a. mit den Größen Chappell Roan und Post Malone die Bühne teilte. Bei der Megahitze wurde ihm auf der Bühne schwummrig, er musste kurzzeitig ins medizinische Zelt und wurde dort wieder aufgepeppt. „Mir war schwindlig, ich war ausgelaugt und dehydriert, aber alles gut. Sowas kann auf Tour schon mal passieren, wir hatten immer alles im Griff.“
Vor etwas mehr als zweieinhalb Jahren veröffentlichte der Australier seine EP „Heartstrings“, bei der er einen interessanten Ansatz verfolgte. „Ich habe auf meinem Patreon-Account damals Song-Snippets und Ideen präsentiert und die Fans konnten sich miteinbauen, weitere Ideen liefern und Inputs geben. So sind die Songs mehr oder weniger interaktiv entstanden. Als das Projekt fertig war, war ich supernervös, weil die Herangehensweise eine sehr spezielle war und ich mir nicht sicher sein konnte, ob alles so klappen würde, wie ich es mir anfangs vorgestellt habe.“ Frei nach dem Motto „Ende gut, alles gut“ hat sich die EP zu einem vollen Erfolg entwickelt. Auf ein Studio-Debütalbum wartet man noch immer, aber York hat es mit seiner Karriere nicht eilig. Dafür feilt er zu gerne an Liedern und ist zuweilen zu perfektionistisch veranlagt. „Ich gebe zu, dass ich den Applaus liebe und gerne auf der Bühne stehe. Dafür muss ich aber auch gute Musik liefern und die braucht ihre Zeit.“
Leiden am Hochstaplersyndrom
York bezeichnet sich selbst als „People Pleaser“, dem es schwerfällt, seinen Kopf durchzusetzen, wenn die Erwartungen von außen anders sind. „Wenn ich spüre, dass ein Lied bei den Leuten vielleicht nicht so gut ankommt, hinterfrage ich sofort alles. Das ist aber auch ein Teil des Geschäfts, weil es so schnelllebig und voller Druck ist, dass man sich nicht viele Nieten leisten kann, wenn man dabeibleiben will. Ich habe über die Jahre aber gelernt, damit umzugehen. Nicht jeder im Publikum kann jede Textzeile auswendig oder kennt all meine Songs. Das ist okay. So wie es okay ist, dass man es nicht allen recht machen kann und viele Menschen meine Songs verachten. Das ist nicht mein persönliches Problem und ich lasse es auch nicht zu meinem werden. Aber ich habe die typischen Sorgen, die jemand mit einem Hochstaplersyndrom hat: Ich bin mir nie ganz sicher, ob es gut genug ist, was ich mache. Ob es reicht, was ich den Leuten anbiete.“
Die wichtigsten Vorbilder auf der musikalischen Seite sind alle weiblich. „Ich bin aus vielen Richtungen inspiriert, weil es so viele tolle Künstlerinnen gibt. Adele war in puncto Bühnenverhalten und Stimme immer eine wichtige Quelle für mich, die norwegische Sängerin Aurora ist als Person eine Wucht und extrem interessant. Ich mag die Künstlerinnen, die mehr ihre Musik und weniger sich selbst und ihr Leben sprechen lassen. Es gibt so viele Künstlerinnen und Künstler, die einzigartig sind und sich ihren Platz authentisch erarbeitet haben, ich kann da gar nicht alle nennen, die mich dahingehend beeinflussen.“ York ist erst 27, hat seiner bisherigen Zeit aber schon viel erlebt, dementsprechend drehen sich viele Songs um Beziehungen, die Tücken der Liebe und die Hürden, die man im Zwischenmenschlichen immer wieder erlebt. Beim Songwriting bedient sich York auch gerne einer Art „gefühlter Nostalgie“. „Ich habe nicht alles persönlich so miterlebt, aber es steckt manchmal so eine erwärmende Wunschvorstellung drinnen.“
Ansonsten auf die Uni
Einen Plan B hatte York dank des Grundvertrauens seiner musikalischen Eltern nur bedingt. „Sollte ich im Musikbusiness irgendwann das Handtuch werfen, dann werde ich Englisch-Professor. Ich würde viele Bücher lesen, das Leben mit Spaß füllen und den Menschen in meiner Klasse Sprache analysieren machen. Dann würde ich noch Video-Essays für YouTube aufnehmen und mir würde nichts abgehen. Ich wäre ein wunderbarer Professor an einer Universität und könnte mir gut vorstellen, mich dort auszuleben. Das wäre ein reeller Plan, aber momentan läuft es mit der Musik hervorragend.“ Am Dienstag, 29. September, kommt Jude York zu seinem ersten Headliner-Konzert ins Wiener B72, das schon seit Wochen restlos ausverkauft ist. Man darf bald auf einen weiteren Termin im angemesseneren Rahmen hoffen. Für alle jene mit Karten: es wird heiß und schwitzig.
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