Mit kurzen Videos holt Markus Bergmeister vergessene Geschichten Südtirols ins Netz – und zeigt dabei, wie eng die Geschichte diesseits und jenseits des Brenners miteinander verwoben ist. Dabei stößt er auf kuriose Prozesse, alte Legenden und überraschende Zusammenhänge, die bis heute nachwirken.
Tagsüber arbeitet Markus Bergmeister in seinem Tattoo-Studio in Schabs an Black-and-Grey-Motiven, danach wird aus dem Tätowierer ein digitaler Geschichtenerzähler. Unter „Markusxplained“ gräbt der Südtiroler Geschichten aus, die selbst viele Einheimische nicht kennen.
Über 20.000 Menschen folgen ihm inzwischen auf „Instagram“. Parallel dazu betreibt er auch auf „TikTok“ einen Kanal, in dem er über Besonderheiten im Land berichtet.
Mit den kleinen Geschichten hinter der großen, oft komplizierten Historie, möchte ich die Besonderheiten meiner Heimat bewahren und in die Zukunft tragen.

Markus Bergmeister, Content-Creator
Bild: Johanna Birbaumer
Sein Erfolgsrezept: Nicht er soll im Mittelpunkt stehen, sondern die Heimat und ihre oft erstaunlichen Geschichten. Und diese Heimat endet historisch keineswegs am Brenner. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs bildeten Nord-, Ost- und Südtirol einen gemeinsamen historischen Raum, ehe die neue Grenze das Land teilte. Bergmeister macht daraus allerdings keine trockene Geschichtsstunde. Er beginnt im Kleinen – bei einem Bergnamen, einem Dialekt, einer Dorflegende oder einer fast vergessenen Begebenheit – und öffnet damit immer wieder Türen zur großen Tiroler Vergangenheit.
Als Feldmäuse vor dem Dorfgericht landeten
So erklärt er etwa, warum die Dolomiten ihren Namen tragen: indirekt nach dem französischen Forscher Déodat de Dolomieu, der das besondere Gestein untersuchte. In einem anderen Beitrag nimmt Bergmeister die Legende um Katharina Lanz unter die Lupe. Die „Heldin von Spinges“, deren Geschichte über Generationen weitererzählt wurde, lässt sich in dieser Rolle historisch keineswegs so eindeutig fassen, wie es die Legende vermuten lässt.
Skurriler wird es in Glurns: Dort landeten vor rund 500 Jahren tatsächlich Feldmäuse vor Gericht. Was heute wie eine groteske Anekdote klingt, führt mitten hinein in die Rechtsvorstellungen und Lebenswelt vergangener Jahrhunderte. Und auch beim Thema Sprache kratzt Bergmeister an vermeintlichen Gewissheiten. „Den“ Südtiroler Dialekt gibt es nämlich gar nicht: gesprochen werden überwiegend südbairische Dialekte, die sich von Tal zu Tal und mitunter sogar von Dorf zu Dorf unterscheiden – natürlich mit zahlreichen Verwandtschaften über den Brenner hinweg.
Spannendes Heimatwissen statt Heimatkitsch
Auch die Machart seiner Videos passt zu diesem Zugang. Bergmeister setzt sich selbst vor die Kamera, verzichtet nach eigener Aussage auf ausformulierte Skripte und arbeitet lieber mit den wichtigsten recherchierten Fakten im Kopf. Dann drückt er auf Aufnahme und erzählt frei. Das gibt den kurzen Clips eine unmittelbare, persönliche Note: Eine scheinbar einfache Frage – warum heißt etwas so, was steckt hinter einer Legende, stimmt eine bekannte Geschichte überhaupt? – wird zum Türöffner.
Am Ende steht möglichst jener kleine Aha-Moment, bei dem man sich denkt: Das habe ich tatsächlich noch nicht gewusst. Gerade darin liegt der Reiz von „Markusxplained“. Bergmeister erzählt Regionalgeschichte ohne Pathos und ohne musealen Staub. Kommentare, Begegnungen und sogar Gespräche mit Kunden in seinem Tattoo-Studio liefern dabei immer wieder neuen Stoff.
Eigentlich wollte er nur weg von den üblichen Tattoo-Videos und von einem Südtirolbild, das sich im Netz allzu oft auf Speck, Knödel, Berge und Comedy reduziert. Entstanden ist ein überraschend moderner, sympathischer Zugang zur oft sehr „trocken“ präsentierten Heimatgeschichte. Bergmeister zeigt, dass große Landesgeschichte oftmals in scheinbar kleinen lokalen Geschichten weiterlebt – und, dass zwischen Schabs und Innsbruck nicht nur ein Brenner, sondern vor allem erstaunlich viel gemeinsame Geschichte liegt. So werden aus scheinbaren Randnotizen lebendige Mosaiksteine einer Tiroler Identität, die Grenzen und Generationen überdauern.
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