Aus dem österreichischen Pop-Teenager-Wunder Oskar Haag reifte über die letzten drei Jahre ein Jungerwachsener mit einem ausgeprägten Händchen für memorable Melodien heran. Anlässlich seines üppigen zweiten Albums „Lost Cause“ baten wir den Kärntner zum großen „Krone“-Talk über Leidenschaften, Familie und die Allzeitgötter Beatles.
Als Person der Öffentlichkeit hat man gewisse Dinge nicht selbst in der Hand. Etwa das Narrativ, wie die Geschichte über ein Künstlerleben erzählt wird. Beim hochtalentierten Kärntner Musiker Oskar Haag konzentrierte man sich in erster Linie nicht auf die Kunst, sondern auf sein Alter. Als bei der Corona-Edition des Wiener Popfests 2021 in der Karlskirche sang, wurde er über Nacht zum Indie-Engel der Nation. Der Song „Stargazer“ landete in den FM4-Charts ganz oben, 2023 erschien das rundum gefeierte Debütalbum „Teenage Lullabies“, mit dem Haag bis auf Platz sechs der Charts emporstieg und den FM4-Amadeus-Award gab es außerdem. Nebenbei sickerte durch, dass der Kärntner Oliver Welter von Naked Lunch sein Vater sei, woraufhin die „Nepo-Baby“-Rufe ähnlich laut ausfielen wie die Vorkategorisierung, ein Teenager-Genie zu sein, das wahrscheinlich eh schon das halbe Pulver verheizt hätte. „Ich wollte nie Musiker, werden, sondern nur Musik machen“, erzählt uns der knapp 21-Jährige heute im „Krone“-Interview, „alles passierte so schnell. Ich bin überhaupt nicht mitgekommen.“
Kampf gegen den Druck
Dass Haag in den letzten Jahren eher am Wiener Burgtheater als auf den vielen Konzertbühnen des Landes reüssierte, hat allen Beteiligten nach dem Anfangshype gutgetan. Haag selbst, weil er mit Abstand vor der Öffentlichkeit reifen und erwachsen werden konnte. Dem Publikum, weil man sich zwar nicht vom Senkrechtstarter entwöhnte, aber doch auch nicht von einem übermotivierten Management in seine Richtung getrieben wurde. Das jetzt vorliegende, zweite Album „Lost Cause“ ist in jeder Hinsicht weiter, reifer und vielfältiger als das Debüt und zeigt ganz gut, was beim Wahl-Wiener noch so alles möglich ist. „Inzwischen habe ich verstanden, was für ein großer Druck damals auf mir lastete, nur habe ich auch gelernt, viel besser damit umzugehen.“ Dieser Druck habe jedenfalls keinen Einfluss auf die neue Musik gehabt. „Das passiert einfach so und mir immer wieder. Ich hatte aber schon lange Angst davor, dass die Leute nur mein Alter interessiert. Das konnte ich mittlerweile aber ablegen.“
Gleich 15 Songs mit 52 Minuten Gesamtspiellänge weist „Lost Cause“ auf und das ist bei weitem nicht alles, was Haag in den letzten zweieinhalb Jahren alles geschrieben hat. Auf Nachfrage steht auch die menschliche und künstlerische Beziehung zwischen Sohn Oskar und Vater Oliver viel stärker im Mittelpunkt des noch gedrehten und aus eigener Perspektive erzählten Narrativs. „Ich war beim Songwritingprozess am Anfang ziemlich verkrampft und dachte, ich müsste so viel. Er sagte mir aber, ich solle nicht groß drüber nachdenken, sondern einfach Lieder schreiben. Als ich dann wirklich lockerer an die Sache ranging, sind die Lieder plötzlich aus mir rausgeplätschert und alles ging mir völlig leicht von der Hand.“ Der Titeltrack war der erste fertige Song und transportierte bereits diese unmissverständliche, nur gewissen Generation vorbehaltene Coming-Of-Age-Atmosphäre mit. Gerichtet ist der durchaus wütende Track an Autoritätspersonen, die Haag schon im jungen Alter fast den Spaß am Sein verdorben hätten.
Familiäre Impulse
„Ich hatte einen Lehrer, für den war ich immer ein verlorener Fall. Wäre ich so blöd und würde die Schule abbrechen, würde ich drogensüchtig werden. Anfangs verspürte ich viel Wut, das verwandelte sich dann aber in Mitleid. Schließlich ist dieser Lehrer auch nur eine arme Seele, dem als Kind irgendwie Leid angetan wurde und jetzt gibt er es weiter. Wichtig ist es, diese Ketten zu durchbrechen, aber das ist schwierig. Ich hatte immer eine tolle Familie, die hinter mir stand und habe genug Selbstbewusstsein. Wenn du das aber dem falschen Kind vermittelst, kannst du nachhaltig etwas zerstören.“ So wie die Familie in den Texten eine ständige Rolle spielt und sie – wie im Fall des Songs „Parents“ – nicht immer nur d’accord geht mit der Meinung des reifenden Sohnemanns, so wichtig war man sich gegenseitig. „Mein Vater und ich haben uns bei unseren Alben gegenseitig Inputs gegeben. Einer kommt einer Flasche Wein zum anderen, man setzt sich zusammen, hört Musik und diskutiert darüber. So wie er mir die Beatles als Heiligtum nähergebracht hat, habe ich ihn mit Frank Ocean und Rosalia überzeugt.“
Insgesamt seien in den drei Jahren 60 Songs entstanden, auf ein weiteres Album von Oskar Haag wird man wohl nicht lange warten müssen. In Songs wie „Leaving Town Tonight“, „Sailor And The Sea“, „Still Dressed In Gold“ oder „Say What You Want“ geht es um Aufbruch, Ausbruch, Empowerment und um den Wunsch, sich von den imaginären Fesseln, Dogmen und Vorgaben der Gesellschaft zu befreien. Dass nach einer Piano-Ballade auch mal eine lässige Pop-Nummer mit einem fetten Drop kommen kann, hat er sich – no na – auch von den Beatles abgeschaut. In fast allen Liedern kommen zudem zwei Grundthemen prominent zum Vorschein: die Liebe und die holprige Schwelle zwischen Kindsein und Erwachsenwerden. „Als Siebenjähriger hat mich Papa ohne System auf ein Schlagzeug eindreschen lassen. Ich sollte einfach ein Bauchgefühl dafür kriegen, der Rest wird schon. So entwickelte sich meine Liebe zur Musik und zu Instrumenten.“
„Das kleine Arschloch“
Ein Schlüsselsong des Albums und jener, auf den Haag bislang am meisten stolz ist, ist „Kuss“ – inspiriert von Gustav Klimts berühmten, im Belvedere ausgestellten Kunstwerk. „Es klingt wie eine erfundene Geschichte, aber ich schwöre, sie ist wahr. Ich fand das Gemälde immer überbewertet, hatte es aber nie persönlich gesehen. Dann besuchte ich es mit Freunden und als ich davor saß, ploppte sofort diese Melodie in meinem Kopf auf. Ich bin schnell heim, um die Idee einzuspielen. Ich spielte den Song wenig später meinem Papa vor und er meinte, ein Teil würde noch fehlen. Ich bin also ins Nebenzimmer, habe überlegt und zehn Minuten später war das Lied komplett. Papa erzählt jetzt immer die Geschichte, „wie das kleine Arschloch diesen Song in zehn Minuten fertig hatte“, lacht Haag über den nicht ernst gemeinten Neid des musikalisch etablierten Vaters. Mittlerweile wurde dazu auch ein Video im Belvedere gedreht und in Kooperation mit dem Museum erscheint eine limitierte Vinyl-Version.
Oskar Haag ist ein Musiker und Mensch der Leidenschaften. „Das mag ich selbst sehr an mir und meine Freundin schätzt das auch“, lacht er. Man kann mit ihm stundenlang über die B-Seiten alter Beatles-Singles, Querpässe von Lionel Messi in der Glanzzeit des FC Barcelona oder die Taktikverschiebungen Josep Guardiolas als Barcelona-Trainer parlieren. Fußball ist für Haag mehr als bloß ein Spiel, so wie die Musik für ihn mehr als eine kreative Leidenschaft ist. Sie ist verantwortlich dafür, dass sein Schulabbruch die zumindest für ihn richtige Entscheidung war und „Lost Cause“ einen gereiften, aber immer noch sehr kindlichen und junggebliebenen Musiker zeigt, der sich seinen Platz in dieser Welt erkämpft und dabei nicht tatenlos zusieht, was am Weg dorthin so alles nicht passt, sondern den Finger drauflegt und sich nicht zu schade ist, Ansichten lauthals kundzutun. Auch wenn diese manchmal anecken. Doch auch hierbei fällt der Apfel nicht weit vom Stamm …
Live in Österreich
Heute Abend, am 25. September, stellt Oskar Haag sein neues Album „Lost Cause“ live im ORF Radiokulturhaus in der Wiener Argentinierstraße vor. Weitere bislang fixierte Termine in Österreich: 21. Oktober Orpheum Graz, 22. Oktober Cinema Paradiso in St. Pölten, 23. Oktober Röda in Steyr, 24. Oktober Fritz Club in Klagenfurt, 28. Oktober ARGE Salzburg, 29. Oktober Treibhaus Innsbruck, 31. Oktober Spielboden in Dornbirn. HIER finden Sie alle Termine und die Tickets für die Gigs.
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