Sofie Royer ist der wahrscheinlich größte Popstar Österreichs, der noch immer kein richtiger Popstar ist. Mit ihrem neuen Album „Before/After“ sind die Weichen auf den längst fälligen Durchbruch jedenfalls gestellt – man wird sehen, ob es nun endlich gelingt. Davor sprachen wir mit der Künstlerin ausführlich über ihre neue Musik, Thomas Bernhard, den Katholizismus und ein mögliches Leben im Harz.
„Krone“: Sofie, nach dem „Young Girl Forever“ folgt dieser Tage das neue Album „Before/After“. Musikalisch hat sich da schon einiges getan …
Sofie Royer: Ich finde beide Alben sehr tanzbar und freue mich immer über die Meinungen von außen, weil sie sich teilweise stark von der eigenen unterscheiden. Das ist gut so.
Gab es einen bestimmten Ansatz, von dem aus du das Album in eine Richtung drehen wolltest?
Ich wünschte, ich könnte darauf eine kluge Antwort geben, aber ich schreibe einfach Lieder und jene, die mir am nächsten sind, kommen dann aufs Album. Strukturen von Barockmusik und Indie-Pop werden sich in meinem Sound immer finden. Ich liebe zum Beispiel Todd Rundgren, den wird man immer raushören. Er hat so ein schönes Œuvre an Alben und Tönen, in denen ich mich immer wiederfinde. In Songs wie „Cavalier“ oder „Leave On The Light“ kommen so trockene, heftige Gitarren in seinem Stil vor. Auch „Sold Out The Jazz Club“ hat Rockelemente. Im Großen und Ganzen ist „Before/After“ weniger elektronisch ausgefallen als das letzte Album.
„Cavalier“ hat sich bei mir sofort als Ohrwurm eingenistet.
Und da stellt sich dann die Frage – will man die markantesten Songs als Single veröffentlichen oder wartet man dann doch aufs Album? Bei diesem Song war das eine lange Überlegung, aber vielleicht ist das der Song, der die Leute irgendwann ins Album reinzieht. Den gibt’s auch immer wieder.
„Before/After“ als Albumtitel impliziert, dass man vor lauter Vergangenheit und Zukunft oft vergisst, was eigentlich in der Gegenwart passiert. Ist dem so?
Genau, dieser Spannungspunkt hat mich interessiert. Diese Dichotomie, dass so viel in der Gegenwart messbar ist von der Zukunft und der Vergangenheit, hat mich fasziniert. Das kann man geschichtlich, politisch und gesellschaftlich betrachten und so habe ich das Thema dann aufgegriffen.
Und auch persönlich – aus dieser Warte heraus scheinst du den Begriff aufgegriffen zu haben?
Persönlich ist immer das Einfachste, über das ich schreiben kann. Über mich selbst, meine Wahrnehmung, meine Eindrücke des Lebens. Die Kunst ist dann die Verarbeitung dieser Eindrücke und das Persönliche ist das, womit ich vertraut bin und wo ich mich am meisten berechtigt fühle, Aussagen zu treffen. Ich hasse es nämlich, Aussagen treffen zu müssen. (lacht)
Wo fühlst du dich selbst zeitlich verortet?
Irgendwo dazwischen. Ich habe meine Teenagerjahre in Wien verbracht und bin vor einiger Zeit wieder hierher zurückgezogen. Manchmal fühle ich mich ein bisschen wie ein Insekt, das im Harz gefangen ist. Die Zeit schreitet voran, aber ich fühle mich manchmal präserviert. Oder bei lebendigem Leibe begraben. (lacht) Wien ist wahrscheinlich die einzige Stadt, in der man sich so fühlen kann. Thomas Bernhard hat das noch viel besser und genauer ausgedrückt.
Du bist in vielen Städten unterwegs und hast in vielen Städten gelebt. Was macht Wien im Direktvergleich dann trotzdem so besonders?
Es klingt negativ, aber es ist eine Tatsache, dass ich mich wie in einem Bildungsroman fest gefangen sehe. Daraus komme ich heraus, um kreativ zu sein und zu erschaffen. Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, auch international tätig sein zu können. Mein Label Stones Throw ist in Los Angeles, mein Verlag in Paris und ich bin selbst in Kalifornien geboren und aufgewachsen. Wien ist eine tolle Stadt. Es gibt Teile in dieser Stadt, in der die Homogenisierung als Nebenprodukt der Globalisierung noch nicht so stattgefunden hat, wie woanders. Das ist kulturell sehr wertvoll und sollte auch in Bernsteinharz konserviert werden. (lacht)
Schärft der Blick von außen am Ende die Sicht von innen? Also etwa von Kalifornien auf Wien?
Ich werde oft nach geografischen Gegebenheiten gefragt und finde das sehr persönlich. Arbeitstechnisch wäre ich in den USA wahrscheinlich besser aufgestellt, aber es gibt trotzdem 10.000 Gründe, warum ich lieber in Wien lebe.
In der Kultur ist die Frage der Geografie aber schon interessant, weil darin oft Beweggründe, Ursachen und Motivationen liegen.
Ich mag es auch, dass das neue Album überwiegend auf Tour geschrieben wurde. Das war 2025 und deshalb fließen auch so viele unterschiedliche Dinge ein. Es wurde ein Teil in Texas, ein anderer in New York geschrieben. In „Leave On The Light“ geht es schlichtweg darum, dass ich Angst vor der Dunkelheit habe - es ist nicht alles geografisch gebunden. Ich singe aber auch gerne über Wien. Ich mag die Brücken, den Franziskanerplatz und eine Autofahrt über die Höhenstraße. Wien spielt eine große Rolle in meiner Musik.
Du wählst auch wieder verschiedene Sprachen beim Singen. Ist das ein wichtiges Werkzeug, um deine volle Palette zu präsentieren?
Es macht einfach Spaß. Ich leide oft an einer „Listening Fatigue“, weil man ein Album tausendmal anhören muss, bis es fertig produziert und abgemischt ist. Man hat die Lieder gefühlt zu Tode gehört, aber wenn man sie live spielt, bekommen sie wieder ein neues Leben. Deshalb muss man von den eigenen Liedern überzeugt sein. Viele Künstler sagen, sie hören ihre eigene Musik nicht mehr. Da frage ich mich immer: Warum machst du dann überhaupt Musik? Wenn du deinen Sound selbst nicht hören kannst, wie kannst du erwarten, dass es jemand anders tut? Ich schreibe Songs mit dem Anspruch der Zeitlosigkeit und möchte auch selbst eine Freude daran haben. Sonst könnte ich es mir gleich sparen.
Verändert sich das Songwriting mit dem Alter und der Erfahrung?
Je älter man wird, desto gründlicher lernt man sich selbst kennen und umso mehr fallen einem Muster an sich selbst auf. Muster des Handelns. Sachen, mit denen man zufrieden oder unzufrieden ist. Es gibt immer einen schönen Raum, um Verbesserungen zu sehen und sich zu verändern. „Before/After“ ist ein guter Überbegriff dafür.
Erkennst du bei dir auch eine andere bzw. veränderte Form deiner selbst?
Das weiß ich gar nicht. Ich kann aber auf jeden Fall sagen, dass ich in der englischen Sprache viel lustiger bin und mein Vokabular dort dreimal so groß ist wie auf Deutsch. Mich ärgert es dann oft, dass ich auf Deutsch nicht so schlagfertig und wortgewandt bin. Ich habe in Amerika meine besten Freunde, eine tolle Community, bin aber trotzdem furchtbar gerne hier.
Es trägt doch im Endeffekt jeder Masken. Zu jeder Zeit seines Lebens. Ist man eigentlich irgendwann wirklich man selbst?
Erving Goffman hat ein hervorragendes Buch dazu geschrieben: „The Presentation Of Self In Everyday Life“. Er war der erste Soziologe, der den Begriff der Masken eingeführt hat. Ein spannendes Konzept, das sicher stimmt.
Was ist denn der Grundstock eines selbst?
Das ist eine philosophische Frage, die die Menschheit seit Ewigkeiten beschäftigt und es ist schön, wenn man unterschiedliche Ansätze als Antwort dazu hat. Ich weiß nicht, ob ich da die richtige Person dafür bin. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu beantwortet das recht gut, indem er sagt, dass das unterschiedliche Kapital in Verhaltensmuster einfließt. Das ist etwas, das mir im Zeitalter der Überstilisierung manchmal ein bisschen fehlt. Ehrlichkeit gegenüber Dingen. Man kann ja eine Kunstfigur spielen, viele tun das sehr erfolgreich. Aber ich bewundere noch mehr jene Künstler, die sie selbst sind. Ich bewundere, wenn sich jemand selbst über die Kunst vermitteln will. Das finde ich interessant.
Ironie kann schnell zu Zynismus führen, das ist eine latente Gefahr. Wohingegen du auf „Before/After“ auch gerne mal selbstironisch bist. Das ist ein wichtiges Gut, das vielen Menschen fehlt.
Das sehe ich genauso. Ich bin ein großer Fan von Kabarett und dieses Element des Humors habe ich auch gerne in der Musik. Manchmal ist die Selbstironie auch ein bisschen zugespitzt. Im Song „Sold Out The Jazz Club“ gibt es eine Zeile, die von vielen internationalen Medien übernommen wurde: „To make more money behind the DJ-boot“. Das ist nicht eins zu eins zu werten, denn als DJ hat man weniger Ausgaben als wenn man mit einer Band spielt. Da werden pauschale Aussagen getroffen, die man nicht dogmatisch verstehen muss, aber die zum Lied passen.
Es lässt sich auch heraushören, dass du eine bittersüße Beziehung zum Musikgeschäft hast als Musikerin. Ist es auch ein bisschen eine ironische Bestandsaufnahme?
Ich will nicht absichtlich zynisch rüberkommen. Ich stehe in der Früh überwiegend mit einem positiven Mindset auf, was im Leben schon wichtig ist. Man muss im Leben nichts außer Steuern und Sterben, aber es hilft auf jeden Fall, wenn man das Leben ganz allgemein mit Humor nimmt.
Hast du diese Lebenseinstellung über die Jahre erlernt oder warst du schon immer damit ausgestattet?
Das ist etwas, das mir mit zunehmendem Alter leichter fällt. Ich verspüre eine große Freude dabei zu altern und möchte nicht mehr in meinen Zwanzigern sein. Man relativiert im Alter vieles und kann wesentlich mehr mit Humor nehmen. Als Teenager war ich regelmäßig gequält, vor allem in der Klassik, wenn ich in der Musik etwas nicht sofort umsetzen konnte. Ich spürte schnell Frustration und bin allgemein kein geduldiger Mensch. Es gibt aber immer Raum nach oben für Entwicklungen und Verbesserungen.
Fühlt sich die klassische Musik aufgrund dieser Erfahrungen für dich ambivalent an oder hast du heute ein gutes Verhältnis dazu?
Eigentlich liebe ich die Klassik. Ich spiele seit 31 Jahren Geige und habe vor der Corona-Pandemie noch in Orchestern in Wien gespielt – die Klassik ist für mich ein lebenslanger Begleiter und ich kann mir ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen. Sie ist furchtbar spannend und der Unterboden von so vielem. Das ist aber auch zu debattieren, weil es unterschiedliche, musiktheoretische Ansätze gibt. Der rote Faden auf „Before/After“ ist auch meine Verweigerung gegenüber, Aussagen treffen zu müssen.
Das ist ja auch ein Statement, denn heute hat ja förmlich jeder gefühlt die einzige Wahrheit für sich gepachtet …
Ja, das ist so anstrengend. Zur Koexistenz der Menschheit gehört dazu, dass es eine Meinungsfreiheit und Meinungsdiversität gibt. Es können auch Menschen mit unterschiedlichen Ansätzen und Gedanken existieren.
Spannend ist auch das Cover-Artwork. Wenn man sich das Album vorn und hinten anschaut, sieht man, dass du dir mit dem Schuh selbst ins Gesicht steigst …
(lacht) Ja. Der Grundgedanke dahinter ist, dass man sich manchmal selbst der größte Feind ist. Das wollte ich humoristisch darstellen, dass man sich oft selbst am meisten im Weg steht. Es ist immer gut, von vertrauten Personen einen Spiegel vorgehalten zu bekommen, aber grundsätzlich betreiben die Menschen zu wenig Selbstreflexion und die Schuld wird zu oft bei anderen gesucht. Man sollte viel öfter vor der eigenen Haustüre kehren.
War ein Ansatz bei „Before/After“ musikalische und persönliche Reflexion? Dass du zurückgeschaut und analysiert hast, welcher Mensch du warst und wie du zu jenem geworden bist, der mir hier heute gegenübersitzt?
Das könnte sein. Mein Songwriting-, Lyrik- und Produktionsprozess ist sehr intuitiv. Da reagiere ich auf den Impuls, sonst verfließt das alles wieder. Es ist glücklicherweise auch nicht immer nachvollziehbar, woher diese Impulse kommen. Das kann etwas Unmittelbares sein, aber auch ein Grundgedanke, der schon weit zurück in der Vergangenheit liegt.
Lebst du lieber in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft?
In der Vergangenheit zu leben finde ich kontraproduktiv, außer man lernt seine Lektionen daraus. Es bringt aber auch nichts, sich selbst und die Vergangenheit zu pathologisieren. Der Mensch besitzt eine inhärente Resilienz der Vergangenheit gegenüber, sonst wären wir ja immer gequält.
Das klingt ein bisschen wie der Katholizismus. Leid und Qual sind wichtige Parameter.
Es wird einem aber auch verziehen und die größte Lektion ist, dass man sich selbst verzeiht. Ich bin aber auch ein bisschen eine Café-Katholikin und suche vom Buffet aus, was ich für mich schön und passend finde. Menschen, die religiös streng erzogen wurden, haben sicher einen anderen Bezug dazu. Im Katholizismus gibt es die Gnade und das ist etwas, das die Menschen vielleicht nicht immer haben.
Produziert haben das Album u.a. große Namen wie Matt Cohn (Charli XCX), Jorgen Odegard (Sabrina Carpenter) oder Eli Hirsch (Suki Waterhouse). So ein Aufmarsch an großen Namen schadet dem Produkt doch gewiss auch nicht?
Ich habe vor diesem Album relativ wenig mit externen Produzenten gearbeitet - etwa mit Maximilian Walch, der den Vorgänger „Young Girl Forever“ koproduziert hat. Überwiegend mache ich das selbst und die Songs „Auto“ und „Sold Out The Jazz Club“ hat Markus Windisch produziert. Es gab Anfragen und Interesse von den drei genannten Herren und ich respektiere ihre Arbeit sehr. Besonders Jorgen und Eli habe ich ins Herz geschlossen, mit Matt habe ich nur einen Song gemacht, wir waren etwa zwei Stunden lang zusammen im Studio. Ich bin so ein Sturschädel, dass es normal nicht viel Unterschied macht, wer jetzt Hand an ein Lied legt, aber man lernt immer dazu. Sie alle haben mir Produktionstricks gezeigt, die mir weitergeholfen haben. Das alles geschieht aus künstlerischen und nicht aus monetären Gründen. Wenn man sich meine Karriere so anschaut, sieht man schnell, dass ich recht wenig nach Geschäftsträchtigkeit entschieden habe.
Und dein Sturschädel war dann auch noch offen fürs Teamwork.
Ja, und ich hatte große Freude daran. Die Produzenten waren begeistert, dass ich alles selbst machen kann, das ist für sie recht ungewohnt. Normalerweise liefern sie oft fertige Produktionen an die Künstler aus.
„Auto“ ist das einzige auf Deutsch eingesungene Lied am Album. Wegen des Wiener Lebensgefühls, dass sich darin verbreitet?
Auch das war eine intuitive Entscheidung. In dem Lied geht es konkret um Wien, das machte also so Sinn. Ich versuche immer, ein bis zwei deutschsprachige Nummern auf das Album zu bringen. Mein amerikanisches Label sieht das nicht immer so gerne, aber das ist nun eben so. Und manche Sachen funktionieren auch nur in einer bestimmten Sprache.
Apropos „Sold Out The Jazz Club” – am 12. September ist deine Album-Release-Show im Wiener Porgy & Bess. Ist dieser Jazzclub an dem Abend schon ausverkauft?
Ich bin die Nummer-eins-Kandidatin dafür, dass sich der Club genau am Vorabend ausverkauft. (lacht) Wir werden das neue Album durchspielen und ein Best-Of-Set dazu geben. Es wird eine bunt gemischte Show, die aus 20 oder 21 Nummern bestehen wird. Mein Bassist Markus Windisch ist noch auf Urlaub, steigt dann aber auf der Tour ein. Ich trete auf mit Ciara Gahleitner als sein Ersatz am Bass, Jonas Kočnik am Schlagzeug und Giuliano Sannicandro an der Gitarre. Ich habe es das erste Mal hingekriegt, dass die Leute, die am Album spielen, auch live mit mir auftreten. Früher habe ich viel geschnitten oder das Schlagzeug dazu programmiert.
Und du bist auch schauspielerisch aktiv – drehst aktuell wieder einen Film mit Jasmin Baumgartner.
Ja, er heißt „Sentimental Fail Club“, da spielen auch Iris Berben oder Mavie Hörbiger mit. Es ist ein großartiges Projekt. Dann habe ich mit ihr auch „Too Hard To Die“ abgedreht, der ist gerade in der Schnittphase.
Wirst du die Schauspielerei in Zukunft verstärkt betreiben?
Ja, es macht mir großen Spaß, mich selbst als Werkzeug für jemand anderes Ideen einzusetzen. Ich habe auch schon in einer französischen Produktion mitgespielt. Das war das Remake von „Emanuelle“, in dem auch Naomi Watts eine Rolle hatte. Das war eine wirklich coole Sache.
Release-Show in Wien
Am 12. September stellt Sofie Royer ihr neues Album „Before/After“ live im Wiener Porgy & Bess vor. Unter www.oeticket.com gibt es noch Tickets für die Show – danach ist Royer bis Jahresende quer durch Europa und in den USA zu sehen.
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