81.000 Fälle geprüft

Warum Ärztezentren Spitäler erst spät entlasten

Niederösterreich
08.09.2026 08:00

Primärversorgungszentren sollen den Andrang in Notaufnahmen verringern. Eine Analyse von mehr als 81.000 Fällen am Klinikum Wiener Neustadt zeigt nun: Die Wirkung setzt nicht sofort ein – anfangs stieg die Zahl der Behandlungen sogar.

Die Rechnung klingt einfach: Wer medizinische Hilfe benötigt, aber kein dringender Notfall ist, soll sich an ein Primärversorgungszentrum statt an eine Spitalsambulanz wenden. Dort können viele Beschwerden ambulant behandelt werden, während in der Notaufnahme mehr Kapazitäten für dringende Fälle bleiben.

Doch bis dieses Zusammenspiel funktioniert, braucht es offenbar Geduld. Das zeigt eine neue Studie unter Beteiligung der Universität für Weiterbildung Krems, die im internationalen Fachjournal „Health Policy“ erschienen ist.

Vier Jahre lang Behandlungen untersucht
Die Forscher werteten die täglichen Behandlungen in der Notfallambulanz des Universitätsklinikums Wiener Neustadt von 2022 bis 2025 aus. Insgesamt flossen mehr als 81.000 Fälle in die Untersuchung ein.

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Unsere Analyse zeigt, dass Primärversorgungszentren Notfallaufnahmen nicht vom ersten Tag an entlasten.

Alexander Braun, Studienautor

Die Eröffnung eines Primärversorgungszentrums im Jänner 2024 ermöglichte es, die Entwicklung vor und nach dessen Inbetriebnahme zu vergleichen. Dabei wurden auch saisonale Schwankungen wie Grippewellen berücksichtigt.

Anfangs acht zusätzliche Fälle pro Tag
Das überraschende Ergebnis: Unmittelbar nach der Eröffnung ging der Andrang im Spital nicht zurück. Stattdessen stieg die Zahl der Behandlungen zunächst sprunghaft um rund acht Fälle pro Tag. Saisonale Effekte konnten diesen Anstieg nicht erklären. Erst danach setzte ein rückläufiger Trend ein. Rund neun Monate dauerte es, bis der anfängliche Anstieg wieder ausgeglichen war.

Warum die Wirkung verzögert einsetzt, wurde nicht gesondert untersucht. Braun sieht eine mögliche Erklärung darin, dass neue Versorgungsangebote Zeit benötigen, bis sie von der Bevölkerung angenommen und wirksam genutzt werden.

Dringende Fälle blieben unverändert
Die Wissenschaftler teilten die Behandlungen auch nach ihrer medizinischen Dringlichkeit ein. Dabei zeigte sich, dass der spätere Rückgang ausschließlich Fälle mit niedriger und mittlerer Dringlichkeit betraf.

Bei besonders dringenden Fällen blieb die Inanspruchnahme der Notaufnahme hingegen unverändert. Die Ergebnisse deuten damit darauf hin, dass Primärversorgungszentren langfristig vor allem jene Patienten auffangen können, deren Beschwerden keine sofortige Behandlung im Spital erfordern.

Ausbau allein reicht nicht aus
Für die Gesundheitspolitik sind die Erkenntnisse von Bedeutung: Österreich will die Zahl der Primärversorgungseinheiten bis 2030 auf bis zu 300 erhöhen. Der Ausbau könne den Anstieg der Ambulanzbesuche langfristig einbremsen und umkehren, das Überlastungsproblem der Spitäler jedoch nicht allein lösen.

„Langfristige Entlastungseffekte entstehen vor allem dann, wenn Primärversorgung, Notfallambulanzen und die Steuerung von Patientinnen und Patienten gut aufeinander abgestimmt sind“, betont Braun.

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