Keine NATO-Warnung?

CIA-Chef hatte„düstere Botschaft“ zur Ukraine

Außenpolitik
28.08.2026 16:22
Porträt von krone.at
Von krone.at

Es war eine Reise, die zunächst mehr Fragen als Antworten aufwarf: CIA-Chef John Ratcliffe tauchte diese Woche überraschend in Moskau auf und traf dort einen der mächtigsten Geheimdienstchefs Russlands. Was er seinem Gegenüber hinter verschlossenen Türen mitteilte, könnte für den weiteren Verlauf des Ukraine-Krieges von Bedeutung sein. Was immer klarer scheint – es ging dabei nicht um die kolportierte Warnung vor einem Angriff auf die NATO.

Ratcliffe traf Alexander W. Bortnikow, den Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Nach Angaben von aktuellen und früheren US-Regierungsvertretern überbrachte der CIA-Direktor dabei eine ausgesprochen düstere Einschätzung der Lage Russlands.

Drängt Washington Moskau zu Verhandlungen?
Wie die „New York Times“ berichtet, habe Ratcliffe Bortnikow die aus US-Sicht schlechte militärische und wirtschaftliche Lage Russlands geschildert. Zugleich habe er Moskau dazu gedrängt, ernsthafte Verhandlungen über ein Ende des Krieges gegen die Ukraine aufzunehmen, bevor sich die Situation für Russland noch weiter verschlechtere.

Für den Fall, dass die Geheimdienst-Gespräche gut verlaufen, hätte Ratcliffe in Moskau auch ...
Für den Fall, dass die Geheimdienst-Gespräche gut verlaufen, hätte Ratcliffe in Moskau auch Putin treffen sollen – daraus wurde aber offensichtlich nichts.(Bild: AFP/ALEXANDER NEMENOV)

Bemerkenswert ist dabei auch, was Ratcliffe offenbar nicht tat: Er soll keine Drohungen für den Fall ausgesprochen haben, dass Wladimir Putin seine Einschätzung ignoriert und den Krieg fortsetzt. CIA-Analysten stellen dem Bericht zufolge seit Langem die Frage, ob Putins Berater ihm tatsächlich ehrliche Einschätzungen über den Verlauf und die Kosten des Krieges geben.

Russland mit hohen Verlusten
Lange Zeit hatten US-Präsident Donald Trump und einige seiner wichtigsten Berater offenbar die Einschätzung vertreten, ein russischer Sieg über die Ukraine sei wegen der größeren Bevölkerung Russlands und seines Atomwaffenarsenals letztlich unvermeidbar. Doch die russischen Streitkräfte haben massive Verluste erlitten. Gleichzeitig sind ihre Geländegewinne auf dem Schlachtfeld zuletzt ins Stocken geraten.

Das Balkendiagramm zeigt die Gebietsgewinne im Ukraine-Krieg von Dezember 2025 bis Mai 2026. Russische Truppen eroberten im Dezember 2025 mit 519 Quadratkilometern die größte Fläche. Im April und Mai 2026 wurden von ukrainischen Truppen 116 und 281 Quadratkilometer zurückerobert. Quelle: ISW.

Ratcliffe habe Bortnikow deshalb vermittelt, dass es aus seiner Sicht an der Zeit sei, ernsthafte Verhandlungen über ein Ende des Krieges aufzunehmen. Ob die Reise zugleich eine Änderung der US-Politik gegenüber Russland oder der Ukraine ankündigt, ist dem Bericht zufolge allerdings unklar.

Lebenserwartung in der Schlacht „weniger als 35 Minuten“
Die Botschaft aus Moskau entspricht teilweise Aussagen, die Ratcliffe bereits öffentlich gemacht hatte. Im vergangenen Monat sprach der CIA-Chef über die hohen russischen Verluste und den begrenzten Geländegewinn. Dabei erklärte er, die Lebenserwartung eines russischen Soldaten an der Front liege bei weniger als 35 Minuten.

Zudem sagte Ratcliffe, Russland habe in den 18 Monaten seit seinem Amtsantritt lediglich rund ein Prozent des gesamten ukrainischen Staatsgebiets hinzugewonnen. Dies führte er unter anderem auf die ukrainische „Meisterschaft“ bei der Drohnentechnologie zurück.

Vor seinem Treffen mit Bortnikow habe Ratcliffe mit seinen ukrainischen Gesprächspartnern gesprochen. Er habe ihnen versichert, dass er die russischen Positionen ausloten und keine Zugeständnisse im Namen der Ukraine machen werde.

Hoffnung auf Friedensfenster im Winter
Europäische Diplomaten sehen dem Bericht zufolge möglicherweise ein Zeitfenster für eine Friedensvereinbarung in den kommenden Wintermonaten. Als Gründe werden die weitgehend festgefahrene russische Offensive im Donbass und die Fähigkeit der Ukraine genannt, Russland mit Drohnenangriffen weiterhin hohe Kosten aufzuerlegen.

Einige europäische Vertreter hätten die Trump-Regierung deshalb dazu gedrängt, zusätzlich einen nationalen Sicherheitsvertreter in die Bemühungen um einen Friedensdeal einzubinden. Dieser könnte gegenüber Moskau eine besonders deutliche Botschaft übermitteln.

Die Ukraine betrachtet Trump-Gesandten Steve Witkoff und Jared Kushner demnach mit Skepsis und hält beide für zu russlandnah. Ratcliffe wird hingegen wegen seiner langjährigen harten Haltung gegenüber Russland als potenziell neutralerer Vermittler gesehen.

Direkter Draht zwischen Geheimdiensten
Die CIA unterhält seit Jahren Kommunikationskanäle zum FSB und zum russischen Auslandsgeheimdienst SWR. Direkte persönliche Treffen zwischen den Chefs der US-amerikanischen und russischen Geheimdienste sind allerdings selten. Im November 2021 traf der damalige CIA-Chef William J. Burns in Moskau mit Bortnikow und weiteren hochrangigen russischen Vertretern zusammen. Damals warnte Burns vor einem großangelegten Angriff auf die Ukraine.

Ein Jahr später traf Burns in Ankara den Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes, Sergej Naryschkin. US-Geheimdienste hatten zu diesem Zeitpunkt russische Kommunikation über einen möglichen Einsatz einer Nuklearwaffe abgefangen. Burns warnte Naryschkin vor schwerwiegenden Konsequenzen, sollte Russland diese Drohung umsetzen.

Ratcliffe und Bortnikow hatten nach Trumps Amtsantritt im vergangenen Jahr bereits die Details eines Gefangenenaustauschs ausgearbeitet. Das Treffen in Moskau war nun ihre erste persönliche Begegnung.

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