Donald Trump hat seinen CIA-Direktor nach Moskau geschickt – in „geheimer Mission“, die maximale Aufmerksamkeit erzeugte. Dahinter steckt wohl Kalkül und eine klare Botschaft: Finger weg von der NATO! Doch bereits in der Vergangenheit scheiterten ähnliche Versuche.
Wenn sämtliche diplomatische Kanäle scheitern, fungiert der Chef des Auslandsgeheimdienstes CIA im Namen des US-Präsidenten in Ausnahmefällen selbst als geheimer Bote. In der Regel geht es dann darum, sogenannte „rote Linien“ mit einer fundierten Drohkulisse zu untermauern, um eine bevorstehende Eskalation einhegen zu können.
Frei nach dem Motto: Wir wissen, was ihr vorhabt. Wir wissen, wie er es machen wollt. Lasst es lieber bleiben. Das war wohl auch das Ziel von CIA-Direktor John Ratcliffe als er am Dienstagmorgen unangekündigt in Moskau landete. Doch wirklich „geheim“ war an dieser Mission nichts.
Stahlmonster erzeugte Aufmerksamkeit
Ratcliffe nutzte für seinen Überraschungsbesuch die C-17A Globemaster III – ein 52 Meter langes Stahlmonster, in das sich eine gesicherte Kommandokapsel einbauen lässt. Das schreit nicht gerade nach Diskretion.
US-Präsident Donald Trump versuchte, das historische Event als „irgendwie halb-routinemäßig“ herunterzuspielen. Eine solche Reise wurde von einem CIA-Chef in der Vergangenheit jedoch nur in geopolitischen Notsituationen angetreten – und ist keinesfalls ein Erfolgsgarant.
Ratcliffes Vorgänger scheiterte kläglich
Das zeigt ein Blick in die jüngste Vergangenheit. Im November 2021 landete mit William Burns zuletzt ein CIA-Direktor in Moskau. Seine damalige Mammutaufgabe: Putin einschüchtern – und ihm die Konsequenzen eines Einmarsches in die Ukraine darlegen. Ratcliffes Vorgänger konfrontierte den russischen Diktator mit detaillierten CIA-Berichten. Drei Monate später marschierten dennoch russische Truppen Richtung Kiew.
Die Ausgangssituation ist dieses Mal eine andere. Putin steckt in der Ukraine fest. Der Krieg ist längst im Alltag der Russen angekommen. Das ukrainische Militär hat eine höchst effektive Drohnentruppe kultiviert, schlägt täglich im tiefsten Russland zu und richtet enorme Schäden in der Energieinfrastruktur des flächenmäßig größten Landes der Welt an.
An der Front muss jeder Zentimeter mit hohen Verlusten erkauft werden. Experten sprechen wegen der omnipräsenten Drohnengefahr mittlerweile von einer „Kill Box“ in der alles innerhalb weniger Minuten getroffen werden kann, was sich bewegt. Bereits im Mai näherte sich die Zahl der russischen Todesopfer laut Anne Keast-Butler, der Leiterin des britischen Geheimdienstes GCHQ, einer halben Million.
Misere macht Putin noch gefährlicher
Warum sollte Trump also genau jetzt einen seiner wichtigsten Regierungsmitarbeiter nach Moskau schicken? Weil Putins Ukraine-Krise ihn noch gefährlicher macht, lautet eine Lesart. Der CIA-Chef habe Russland vor allem mit Blick auf die östlichen NATO-Partner im Baltikum vor einer Eskalation gewarnt, berichtete „Politico“. Man fürchte, Moskau wolle den Zusammenhalt der Allianz „in den nächsten Jahren“ mit einer begrenzten Attacke auf ein Mitgliedsland testen, heißt es US-Geheimdienstkreisen. Die Szenarien reichen von einem Cyberangriff bis zur „Landinvasion in kleinem Maße“. Ein baltischer Staat sei „wahrscheinlich“ das Ziel.
Sollte Washington auf einen solchen Angriff nicht reagieren, könnte Russland die gegenseitige Schutzklausel der NATO als leere Worthülse entlarven. „Putin hat Grund zu der Annahme, dass sich die Vereinigten Staaten aus einem Konflikt heraushalten könnten, sollte er den Mechanismus triggern. Trump hat wiederholt seine Verachtung für Europa zum Ausdruck gebracht und wenig Interesse daran gezeigt, Putin herauszufordern. Zudem sind die amerikanischen Waffenvorräte durch den Iran-Krieg aufgebraucht“, erklärte der renommierte Sicherheitsexperte Thomas Wright in einem Gastbeitrag für das Magazin „The Atlantic“.
Die gebündelte US-Kapazitäten im Nahen Osten seien auch bei Ratcliffes Besuch in Moskau zur Sprache gekommen. Der CIA-Chef habe den Kreml dazu gedrängt, seine militärische und finanzielle Unterstützung für den Iran herunterzufahren. Hier stellt sich jedoch die Frage: im Gegenzug wofür?
Mit US-Senator Lindsey Graham ist jüngst ein glühender Verfechter der ukrainischen Interessen gestorben, der in Trumps Zirkel beträchtlichen Einfluss auf den US-Präsidenten ausübte und dem Vernehmen nach immer wieder Schlimmeres verhindert hat.
Putins zunehmende Aggressivität wurde in jüngster Zeit deutlich ersichtlich. In den vergangenen Wochen kam es in Europa zu einer Reihe von kleineren Anschlägen oder Sabotageakten. Eine Sprengstoffdrohne sorgte etwa am Flughafen Leipzig beinahe für eine Katastrophe.
In diversen Waffenfabriken und anderen sensiblen Einrichtungen in Estland, Italien und Bulgarien kam es zu Explosionen oder Bränden. Allesamt Länder, die der Ukraine Hilfe geleistet haben. Bisher können nicht alle Vorfälle Moskau zugeschrieben werden, sie folgen jedoch einem bekannten Muster russischer Provokationen in Europa.
Stärke zeigen, bevor man sie braucht
Das hochkomplexe und unangekündigte NATO-Luft‑Boden‑Manöver der vergangenen Tage in der Nähe der russischen Exklave Kaliningrad bekommt durch Ratcliffes Besuch in Moskau ebenfalls zusätzliche Wucht. „Das war eine Luft‑Boden‑Integration, wie sie in einem echten Konflikt nötig wäre“, erklärte Analyst Nico Lange – „mit militärischen Fähigkeiten, die man nur zeigt, wenn man der anderen Seite etwas sagen will.“
Die Botschaft ist klar: Finger weg von der NATO! Ob sich Putin von einem Bündnis beeindrucken lässt, das durch die USA selbst immer wieder erschüttert wird, darf zumindest bezweifelt werden. Bereits kurz nach dem CIA-Blitzbesuch drohte eine Kreml-Sprecherin offen mit Angriffen auf „britische Militäreinrichtungen und -ausrüstung in der Ukraine und darüber hinaus“, sollte London Kiew weiter mit Waffen beliefern.
Schenkt man den westlichen Geheimdiensten Glauben, war es immer Putins Ziel „die Glaubwürdigkeit der NATO herauszufordern und die USA von ihren Alliierten zu trennen“. Trump, den der Diktator als „pragmatisch und klug“ beschreibt, könnte dafür als perfekter Keil dienen ...
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