Kassenärzte sollen jetzt Adipositas-Kranken 110 Euro abknöpfen. Diese Kammer-„Empfehlung“ löst Empörung bei Kassenärzten aus St. Pölten aus: „Wer Betroffene mit Zusatzhonoraren konfrontiert, schreckt genau jene ab, die Hilfe am dringendsten benötigen. Diesen Weg gehen wir nicht mit!“
Mit dieser Ansage eröffnet das Fachärztezentrum „imed“ in St. Pölten die Debatte um das Ansinnen der Ärztekammern von Niederösterreich und Wien. Was für die Topmediziner gar nicht geht: „Erst zahlen, dann behandeln!“ Doch genau das will die Standesvertretung mit mehr oder weniger sanftem Druck!
Privathonorar „empfohlen“
Denn für die Erstberatung vor einer medikamentösen Adipositas-Therapie mit der Abnehmspritze wird ein Privathonorar von 110 Euro „empfohlen“. „imed“ behandelt Betroffene aber weiter im Rahmen des Kassenvertrags – inklusive Beratung, Indikationsstellung und Verlaufsbegleitung einer medikamentösen Therapie.
Mehr als 1,5 Millionen Adipositas-Kranke
Die Debatte trifft den Gesundheitsnerv Österreichs. Denn mehr als 1,5 Millionen Menschen leiden an Adipositas. Für das „imed“-Team ist klar: Es handelt sich um eine chronische Erkrankung und nicht um eine Lifestyle-Entscheidung! Umso problematischer sei es, ausgerechnet vor der medizinischen Aufklärung eine finanzielle Hürde aufzubauen.
Erstberatung mehr als ein kurzes Gespräch
Dr. Dagmar Fedra-Machacek, Kurienobfrau der niedergelassenen Ärzte in NÖ, versucht eine Beruhigungspille zu verschreiben und argumentiert damit, dass die Erstberatung keineswegs ein kurzes Gespräch über eine Abnehmspritze sei. Notwendig seien medizinische Abklärung, die Feststellung der Therapieindikation, Beratung, individuelle Therapieempfehlungen und die Planung weiterer Kontrollen. Dahinter steckt ein grundsätzlicher Konflikt der Kassenmedizin: Aufwendige Diagnostik braucht Zeit, wird aber aus Sicht der Standesvertretung nicht ausreichend honoriert.
„Zentrum“-Internist Dr. Bernhard Angermayr hält empört entgegen: „Viele unserer Patienten benötigen aufwendige Gespräche und Therapien. Eine generell bessere Honorierung für uns Kassenärzte wäre zu wünschen. Eine Patientengruppe als Druckmittel zu nutzen, halte ich für den falschen Weg.“ Gesundheitsministerin Korinna Schumann sieht die Empfehlung ebenfalls mit Sorge. Zusätzliche Kosten könnten Betroffene abschrecken und damit genau jene treffen, die frühzeitig Hilfe benötigen.
Frühzeitige Behandlung könnte Kosten sparen
Die „Ärzterebellen“ verweisen auf einen weiteren Widerspruch: Während Patienten neue Medikamente zur Gewichtsreduktion grundsätzlich selbst finanzieren müssen, übernimmt das Gesundheitssystem die Behandlung zahlreicher Folgeerkrankungen, die mit Adipositas verbunden sind, sehr wohl! Frühzeitige Behandlung durch Beratung könnte hier langfristig Kosten sparen.
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