„Krone“-Interview

Der Nino aus Wien: „Bin der Landjunge der Stadt“

Musik
13.08.2026 05:00

Überraschen kann er, der Nino aus Wien. Sein musikalisches Publikum und sich selbst. Sein brandneues Album „Neubau Alone“ zeigt ihn in seiner Ursprünglichkeit mit Gitarre, Stimme und allerlei Krimskrams, das herumlag oder verwendet wurde – roh und unmittelbar. Mit der „Krone“ spricht er über sein „Anti-KI-Album“, die Kraft von Bob Dylan und Paul McCartney, warum er nicht nach Berlin will und wieso drei Grad Temperaturunterschied alles sein können.

kmm

„Krone“: Nino, „Neubau Alone“ ist als Album deine bislang roheste Aufnahme. Viel ursprünglicher geht es gar nicht mehr.
Nino Mandl:
 Das ist richtig, aber die Platte ist auch nicht unbehandelt. Es sind schon Spielereien mit verschiedenen Effekten zu hören.

War es schon länger dein Plan, eine solche Platte zu machen, oder ist dir das passiert?
Eigentlich ist das schon seit vielen Jahren ein Plan. Ich nehme Musik schon immer so auf, aber ich teile sie normalerweise nicht mit anderen Leuten. Der Stil und die Ästhetik dieser Aufnahmen gefallen mir aber und ich dachte, ich könnte mir mal zutrauen, so ein Album herauszubringen. Jetzt war der richtige Zeitpunkt dafür da. Ich habe schon viele Alben gemacht, und wenn man immer etwas ändert, dann bleibt es spannend.

Brauchst du den regelmäßigen Sprung aus der Komfortzone?
Es war schon auch eine Überwindung. Es war für mich wichtig, niemandem gesagt zu haben, dass ich dieses Album mache. Ich hatte Angst, dass Leute, die ich mag und schätze, mir davon abraten und die Aufnahmen lieber mit Band gehört hätten als allein. Aber ich wollte es unbedingt so durchziehen und habe daher geschwiegen.

Wenn du möchtest, könntest du die Lieder ja später immer noch mit Band aufnehmen.
Ja, aber ich glaube, sie bleiben so in dieser Form. Das macht mir dann Platz im Kopf für neue Lieder. Bei mir muss immer alles raus, um den nächsten Schritt zu gehen und vielleicht wieder mit der Band ein Album zu schreiben.

„Neubau Alone“ passt sich aber schon in deine Diskografie ein, oder siehst du dieses Album als etwas Außenstehendes?
So ein Album hat bei mir irgendwie noch gefehlt, weil es meinen musikalischen Alltag widerspiegelt. Es ist sehr nah bei mir und spiegelt hervorragend meine musikalische Identität wider.

Aufgenommen hast du in allen Ecken, in denen du in Wien daheim bist – in Neubau, Hirschstetten, Favoriten und Simmering?
Es sind Lieder aus ca. drei verschiedenen Kellern. Hier vom Proberaum in Neubau, dann habe ich aus dem verstaubten Keller in Simmering was ausgegraben und drei Lieder habe ich im Keller meines Elternhauses in Hirschstetten aufgenommen. Hier in Neubau gab es einen Wasserrohrbruch, also bin ich in mein altes Daheim gefahren. Das war ein ungeplanter Schicksalsmoment, in dem ein Kreis geschlossen wurde. Die drei Lieder, die dort aufgenommen wurden, waren „Athen“, „Lange schon genug“ und „Wir aus dieser Stadt“.

Die Lieder sind alle relativ neu?
„Lange schon genug“ ist, wie man dem Text auch anhört, aus der Corona-Zeit. Das ist das älteste. „Seele des Abends“ entstand als Letztes hier auf der Couch in Neubau. Ich habe es auf dem Handy aufgenommen und daneben hat die Uhr getickt. Das hört man auch auf der Aufnahme, ich fand das dann irgendwie cool.

Nino Mandl zeigt „Krone“-Redakteur Robert Fröwein die Tracklist seines Albums „Neubau Alone“.
Nino Mandl zeigt „Krone“-Redakteur Robert Fröwein die Tracklist seines Albums „Neubau Alone“.(Bild: Eva Manhart)

Du hast nicht viel von den Nebengeräuschen rauseditiert, sondern sie bewusst belassen?
Ich habe eher noch welche reineditiert. Beim Lied „Setz di her“, dem Opener des Albums, hört man am Anfang recht deutlich die Heizung. Ich wollte bewusst mit dem Arbeiten, was gerade am Tisch liegt oder da ist. Beim ersten Lied kommt auch eine Krähenpfeife vor. Die hat mir mein Nachbar geschenkt, um Krähen anzulocken, das hat bei mir aber nie funktioniert. Wenn ich sie im Prater probiert habe, haben eher die Menschen hergeschaut, aber keine Krähen.

Vielleicht kannst du sie ja bei deinem Konzert morgen Abend im Theater im Park ausprobieren. Muss man bei so einer Vorgangsweise nicht aufpassen, dass man sich selbst täuscht? Dass man Dinge extra hinlegt, um sie dann zu verwenden?
Ich schaue schon darauf, dass nicht zu viel herumliegt. Diese Pokerwürfel hier auf meinem Tisch sind zum Beispiel nicht auf der Aufnahme zu hören. Bei den Aufnahmen gibt es nur Gitarren und meine Stimme, die gut herauskommt, wie ich finde. Sie ist nicht auf eine Performance aus, sondern dazu da, um etwas festzuhalten. Deshalb höre ich sie mir auch gerne selbst an.

„Neubau Alone“ ist ein Album, das wahrscheinlich gar nicht für ein Livekonzert konzipiert ist?
Theoretisch kann man alles davon spielen, aber live werden die Lieder sicher ganz anders klingen als auf dem Album. Beim Konzert im Theater im Park habe ich auch Gäste dabei und es wird viel mehr als nur das Album gespielt. Da geht es nicht nur darum.

Hast du auf dem Album also bewusst Imperfektionen so stehen lassen, um das rohe Feeling so stark wie möglich zu reflektieren?
Es ist nicht so, dass ich jetzt alles extra auf Ur-Schlecht gemacht habe, um die Leute zu ärgern, aber ich habe das Gefühl vermisst, das man hat, wenn man solche Alben hört. Gerade in Österreich muss man sehr tief in den Underground gehen, um so etwas zu hören, weil alles immer sauberer und radiotauglicher produziert wird. Ein Teil von mir kommt aber aus dem „Low Home Recording“-Bereich, dort habe ich begonnen und damit fühle ich mich noch immer verbunden. Es ist auch entspannend, so etwas zu machen. So ganze ohne Single und Druck, irgendwo im Radio unterkommen zu müssen. Einfach ein in sich geschlossenes Geräusch veröffentlichen.

Haben sich die Lieder für diese Aufnahme aufgedrängt? Also wusstest du, dass genau diese Lieder in diesem Rahmen funktionieren würden?
Ja. Manche Ideen waren vielleicht schon für die Band gedacht, haben es aber nie geschafft. Vielleicht, weil es die Band fad fand oder es einfach nicht passte. Manche Lieder schreibt man nicht für das Album, das man gerade plant, sondern sie sind erst für drei Jahre später gedacht. Das war meine Erkenntnis aus dem Ganzen. Umso wichtiger, dass man die Ideen nie wegschmeißt. Vieles verschwindet ja trotzdem. Etwa durch Computerabstürze oder weil ich Dinge mit einem Titel abspeichere, den ich nie wieder finde. Umso schöner ist das Gefühl, wenn man dann ein Lied wiederfindet.

Welche Künstler oder Alben, die ähnlich roh und ursprünglich wie „Neubau Alone“ klingen, haben dich denn aktiv inspiriert?
Vor allem die Aufnahmen von Daniel Johnston. Aber ich bin auch ein großer Beatles-Fan und liebe die Home Recordings von John Lennon als auch von der Band selbst. Die haben eine ganz eigene Magie und ich mag sie oft lieber als die fertig produzierten Songs. In Österreich gibt es Leute wie Clemens Denk, der sehr inspirierende Lo-Fi-Alben rausbringt, aber den kennt kaum jemand. Das ist schon alles sehr versteckt und er tut auch nicht viel dafür, dass sich das verbreitet.

Lernt man dich bei diesem Album von deiner innersten Seite kennen?
Es ist auf jeden Fall ein tiefer Einblick in meine Arbeitsweise und meinen Alltag im Studiokeller. Ich habe alles ganz allein gemacht und das unterscheidet „Neubau Alone“ von allen anderen Alben. Man lernt hier die Urform eines Liedes kennen und von dort kann das Lied auch woanders hingehen.

Wie kann man sich denn einen typischen Tag vom Nino aus Wien vorstellen? 
Ich bin schon eher abends aktiv. Im Studio bin ich meist so ab Nachmittag, früher war das noch später. Eine Zeit lang habe ich die Gitarre erst um 23 Uhr in die Hand genommen, aber ich will nicht mehr die ganze Nacht wach bleiben. Ich muss Lieder immer fertig schreiben, kann nicht abbrechen und am nächsten Tag weitermachen. Fertig fühlt sich ein Lied an, wenn ich es spielen und singen kann, ohne den Text abzulesen. Aber allein in der Nacht Musik zu machen, hat eine besondere Magie. In der Nacht herrscht eine andere Form der Ruhe.

Hier in deinem Studiokeller bekommt man aber auch nachmittags nicht viel vom Alltagsgeschehen mit …
Man kann sich hier relativ gut abschotten. Um Stimmung zu erzeugen, habe ich hier Dinge wie meine Nordlicht-Lampe oder den Kaktus, um das Fernweh anzukurbeln. Ich mag solche Stimmungsgegenstände. Sie sind eine Erinnerung an Tourneen und man weiß dadurch, dass man bald wieder wegfährt. Ich mache es mir sehr gern gemütlich, dann arbeite ich am besten. „Neubau Alone“ ist schon ein ziemliches Nachtalbum. Das Corona-Lied entstand wahrscheinlich bei Tageslicht, da war man öfter am Tag munter und konnte ja nicht rausgehen. Der Beruf des Musikers ist aber eher ein Abendberuf, das hängt ja auch mit den Konzerten zusammen.

Aber du kannst es dir nicht überall so gemütlich machen wie hier in deinem Studio. Im Keller der Eltern etwa, wo du nicht regelmäßig bist, wird es nicht so heimelig sein.
Ich habe diese Kamelhaardecke dorthin mitgenommen, die hatte dann sicher einen Einfluss auf die Lieder, die ich dort aufgenommen habe. Ich bin überhaupt sehr ortsbezogen. Es war schön, wieder einmal was daheim zu machen, während oben die Eltern schlafen. Sie haben sich sicher auch über diesen überraschenden Besuch gefreut. Ich besuche sie oft und gern, aber selten mit einer Gitarre, einem Mikrofon und dieser Kamelhaardecke.

Zum Thema Ortsgebundenheit – spielt das Lied „Ein Tag im Süden“ auf deine immerwährende Liebe zu Triest an?
Ja, oder auch zu Venedig. Ich gehe so wahnsinnig gerne spazieren und schreibe dann Ideen auf. Triest ist einfach eine wunderbare Stadt zum Spazierengehen. Das Meer macht auch viel aus, überhaupt der mediterrane Raum. Auch wenn es oft nur drei Grad mehr in Triest hat als in Wien, es zahlt sich aus, vom Schneeregen bei uns an den leichten Nieselregen nach Italien zu fahren, wo immer ein bisschen Sonne durchbricht.

Macht es einen Unterschied, ob du wo spazierst, wo du dich nicht auskennst und noch nie warst, oder ob du dich dort inspirieren lässt, wo du die Wege und Gassen schon in- und auswendig kennst?
Manchmal fahre ich auch in Wien wohin, wo ich noch nie war. Hietzing fand ich zum Beispiel spannend, dort kenne ich mich überhaupt nicht aus. In Wien ist auch die Umgebung wunderschön. Ich mache gerne Ausflüge nach Hainburg oder Spitz an der Donau. Ich bin gerne in der Natur und habe immer einen Kugelschreiber und ein Notizbuch mit. Oder schreibe mir selbst am Handy eine SMS mit meinen Ideen.

Ein besonderes Highlight des neuen Albums ist „Zerrissene Figuren“ – dieser Song erzählt im Prinzip dein Leben nach.
Das war eines der letzten Lieder, die entstanden sind. Es entstand dann recht schnell, und ich war mir nicht ganz sicher, wie genau die Jahreszahlen sind. Es ist sicher eine kleine Autobiografie, aber es ist darin nicht alles wortwörtlich zu nehmen. Wobei – es kommen Peter Rapp und seine „Brieflos-Show“ vor und das war ein Highlight. Das war der einzige Auftritt, zu dem ich mich selbst eingeladen habe, weil ich mal um vier Uhr eine Wiederholung sah und die Ästhetik der Show so toll fand. So aus der Zeit gefallen und es gab am Ende immer eine Liveband und das kommt in österreichischen Fernsehsendungen kaum vor.

Ein romantischer Blick durchs Schlüsselloch – Ninos Sounds und Texte haben Herz und Seele.
Ein romantischer Blick durchs Schlüsselloch – Ninos Sounds und Texte haben Herz und Seele.(Bild: Eva Manhart)

Mir fällt da ad hoc auch nur „Willkommen Österreich“ ein …
Und vielleicht noch eine Frühstückssendung, aber das war es dann auch. Jedenfalls hat mir dort die Redakteurin zurückgeschrieben, ich wäre der erste Künstler, der sich je beworben hätte. Warum würde ich da hinwollen? Dort hatten wir einen Voll-Playback-Auftritt – den einzigen in meinem Leben. Das war schon eine besondere Erfahrung.

In dem Lied singst du auch, dass du immer der „neue Bob Dylan“ sein wolltest. Ist dir das geblieben oder hast du dich in vielen Bereichen doch stark verändert?
Im Lied behaupte ich, dass ich mit 15 der neue Bob Dylan werden wollte – man kann es auch als leichte Übertreibung sehen, aber er hat mich stark inspiriert. Irgendwie gehört alles zusammen. Die Vergangenheit führt zur Gegenwart und in dieser lebt man und schaut nach vorn. Manchmal ist es aber auch gut, ein bisschen zurückzuschauen. Eigentlich mag ich noch immer dieselbe Musik wie damals, das hat sich nicht verändert. Ich bin Bob Dylan und den Beatles sehr dankbar - deshalb habe ich im Studio auch so viele Beatles-Erinnerungsstücke wie diese Gläser-Untersetzer.

Du hast mir beim letzten Mal erzählt, dass du vor Covid beim Bob-Dylan-Konzert im Wiener Konzerthaus eingeschlafen wärst – aber aus guten und nicht respektlosen Gründen …
Das schafft nicht jeder! Ich habe Dylan als Teenager immer zum Einschlafen gehört und das hat in mir so ein vertrautes Gefühl erweckt. Ich bin dann kurz eingenickt, es ist einfach wundervolle Einschlafmusik.

Im November kommt er noch einmal für zwei Konzerte nach Wien und eines nach Salzburg. Wirst du ihn wieder besuchen und ein Schläfchen riskieren?
Ich bin mir nicht sicher. Ich habe ihn jetzt insgesamt dreimal gesehen und eigentlich genügt das. Ich glaube, ich muss nicht unbedingt noch einmal hin.

Als Musikfan muss man sich damit abfinden, dass die großen Helden von früher sterblich sind. Dylan, die Rolling Stones, Paul McCartney – alle sind sie schon in ihren 80ern. Macht diese Erkenntnis was mit dir?
Irgendwie macht es auch Mut zu sehen, dass man mit über 80 noch immer auf der Bühne performen und gute neue Musik rausbringen kann. Das zeigt mir, dass es bis ins hohe Alter so weitergehen kann, wenn man ein bisschen auf sich schaut. Dass irgendwann alle mal sterben müssen, ist mir klar. Ich kenne sie aber auch alle nicht persönlich und so wird meine Trauer beim Tod von Bob Dylan irgendwann einmal sicher anders sein als beim Tod meiner Großmutter. Die Musik werde ich aber immer hören.

Ist das ein erstrebenswerter Lebensentwurf für dich selbst? Zu musizieren, bis man quasi von der Bühne fällt?
Ich frage mich, wie McCartney oder Dylan das in meinem jetzigen Alter gesehen haben. Ob sie sich gedacht haben, dass sie mit 83 Jahren noch auf Tournee sind und Platten aufnehmen. Aber was soll man auch sonst machen, wenn man in dieser Welt drinnen ist? Wolfgang Ambros ist ein gutes Beispiel: Manche sagen vielleicht, er sollte sich zurückziehen, weil er nicht mehr in Topform ist, aber was soll er sonst machen? Er braucht die Bühne und die Musik, wenn man das nicht mehr hat, kann einen das runterziehen und depressiv machen. Solange es geht, sollte man gerne weitermachen. Ich weiß halt nicht, was alles passiert, bis ich 80 bin – wir werden sehen.

Hast du auch schon die neuen Alben von Paul McCartney und den Rolling Stones gehört?
Das Stones-Album bislang bisher nicht, McCartney schon. Da sind schon ein paar schöne Lieder dabei. Ich fand Bob Dylans letztes Album, „Rough And Rowdy Ways“, sehr gelungen. Man schreibt mit 20 halt anders als mit 80 oder mit 40. Das ist auch das Spannende an Kunst und Musik, dass die Lebensphasen einen so großen Einfluss darauf haben, was man macht. Wenn man irgendwann gelernt hat, wie man Lieder schreibt, verlernt man das auch nie mehr ganz. Man hat mal stärkere und inspirierende, dann wieder schwächere Phasen, aber das Musizieren grundsätzlich verliert man nicht. Ich finde, es ist auch spannend, einem 80-Jährigen mit seiner Lebenserfahrung und seinem derzeitigen Leben zuzuhören.

McCartney blickt auf seinem neuen Album auf sein Aufwachsen und seine Jugend in Liverpool zurück. Ein sehr persönliches Album.
Es passt auch die ältere Stimme zu den Liedern. Das Duett mit Ringo Starr ist irgendwie nett, es erinnert mich an die Small Faces. Es ist schön, dass die beiden noch was zusammen machen. Mir hat auch dieses ausgegrabene Beatles-Lied gefallen, wo sie Lennons Stimme mit der KI nachbearbeitet haben. Dass ich in meinem Leben einen neuen Beatles-Song noch erleben darf – das war schon toll.

„Neubau Alone“ ist das beste Beispiel für ein komplettes Gegenstück zur KI-Musik. Roher, ursprünglicher und menschlicher könnte man wahrscheinlich nicht komponieren …
Das würde ich auch sagen und ich habe auch noch nie probiert, mit der KI Musik zu machen. Wahrscheinlich würde es mir Spaß machen, aber ich würde mich in irgendwelchen Spielereien verlieren und dann sowieso nicht veröffentlichen, weil ich noch ausreichend Lust darauf habe, eigene Songs zu schreiben und zu veröffentlichen. Mir würde bei der KI dieser Kick fehlen. Das nächtelang wach sein, das Zweifeln und Zögern und die Unberechenbarkeit.

Andererseits wäre ein Nino aus Wien-KI-Album wieder mal ein Sprung aus der Komfortzone …
Ich schreibe und chatte sehr gerne mit ChatGPT. Ich habe noch nie in meinem Leben mit jemandem gechattet, der mir jedes Mal so wohlwollend und ausführlich antwortet, aber bei künstlerischen Dingen halte ich eher Abstand davon. „Neubau Alone“ ist ein ziemliches Anti-KI-Album, aber trotzdem habe ich nicht ganz auf den Computer und moderne Technik verzichtet. Es ist jetzt nicht ausschließlich auf einem uralten Aufnahmegerät aufgenommen worden.

Der Fokus lag aber offenbar auf den Aufnahmen hier in Neubau. Sonst könnte es ja auch „Hirschstetten Alone“ heißen.
Theoretisch ja. Ich bin seit zwei Jahren hier und Herwig Zamernik/Fuzzman ist mein Vermieter. Ich wohne im zehnten Bezirk und pendle oft hierher. Ich finde es spannend, diesen Bezirk mal besser kennenzulernen. Er wird ja immer als Bobo- und Hipster-Bezirk bezeichnet, aber hier, wo das Studio ist, ist eine ruhige, normale Wohngegend. Wenn ich zur Neubaugasse gehe, ändert sich das dann. Jeder Ort hat auf mich einen Einfluss, und Wien sowieso. Wien ist die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, lebe und wohl immer weiterleben werde. Ich bin der Nino aus Wien. Das ist nicht mal ein Künstlername, sondern ein Fakt. Wien kommt auch in meinen Liedern oft vor, auch wenn hier eines „Athen“ heißt.

Ich finde es interessant und amüsant, wie sich Musiker in Wien immer ihren Bezirk „claimen“. RAF Camora ist stolz auf Rudolfsheim-Fünfhaus, Bibiza auf Mariahilf, Yung Hurn auf Donaustadt.
Ich bin auch aus Donaustadt, wie der Yung Hurn. Ich wohne jetzt eine Zeit lang in Favoriten und finde es dort sehr angenehm, mag den Vibe. Über Favoriten wird oft schlechtgeredet, aber die meisten Leute sind hier ganz normal und ich fühle mich sehr wohl. Ich war aber auch schon in Simmering und im Stuwerviertel, beim Prater. Wenn ich es aber eingrenzen müsste, dann bin ich ein Donaustädter und damit ja fast ein Marchfelder, weil die Donaustadt schon die Ebene in Richtung Slowakei ist. Ich bin ein bisschen der Landjunge der Stadt.

Das gilt ja auch für Bezirke wie Döbling oder Hietzing, die sehr ländlich geprägt sind.
In Döbling bin ich geboren. Ich war nur einen Tag dort, in Nussdorf, da wurde mir wohl an diesem einen Tag das Feeling für trinkfreudige Stimmung und Wienerlieder in die Wiege gelegt.

Nino in seinem Studiokeller in Wien-Neubau mit Utensilien, die teilweise für das Album verwendet ...
Nino in seinem Studiokeller in Wien-Neubau mit Utensilien, die teilweise für das Album verwendet wurden.(Bild: Eva Manhart)

Fast alle Musiker aus Österreich wollen irgendwann nach Berlin. Bei dir ist das nicht der Fall?
Es war bislang noch nie ein ernsthafter Gedanke, umzuziehen oder Wien zu verlassen. Es kann schon passieren, aber ich weiß nicht, was passieren muss, damit es passiert. Ich wüsste auch nicht, wohin. Berlin habe ich eher verpasst. Das wäre lustig gewesen, so mit 27, aber jetzt denke ich da eher ans Land. Irgendwo in der Steiermark vielleicht, aber das sind keine ernsten, ausformulierten Gedanken, sondern nur kurze Momente. Wenn ich am Land bin, dann schätze ich die gute Luft, aber wenn ich in Wien bin, bin ich froh darüber, wieder in Wien zu sein. Insgesamt bin ich schon eher ein Städter, aber auch ein Ausflugsmensch.

Du bist auch ein Meister von memorablen Textzeilen. In „Zerrissene Figuren“ etwa heißt es „wenn i was wissen tät, wär i gar net so blöd“ – da steckt auch viel Selbstkritik drin.
Viele Leute fragen sich oft, warum sie so deppat oder blöd sind, und mir geht es oft auch so. Zumindest war es bei mir aber nie so, dass ich durch die Welt gehe und glaube, ich weiß alles gut und besser. Manchmal macht man im Leben ohnehin auch was richtig. Ich versuche zumindest, mich nicht blöd zu benehmen. Grundsätzlichen Respekt vor den Menschen und dem Leben zu haben.

Du bist bekanntlich auch Riesen-Fußballfan und hast die WM verfolgt. Rod Stewart hat sogar vorgeblich ein Konzert wegen Krankheit abgesagt und hat sich dann im Stadion im VIP-Bereich ein Match seiner Schotten angesehen. Wäre das auch beim Nino aus Wien möglich?
Ich hatte an den Spieltagen zum Glück kein Konzert. Wäre es so gewesen, hätte ich wahrscheinlich ernsthaft überlegt, das Konzert abzusagen oder zu verschieben.

Von Frönk und Paul Pizzera gab es heuer zwei WM-Hymnen für Österreich. Wie haben sie dir gefallen?
Die Frönk-Nummer hat mich ein bisschen verstört. Dann habe ich sie mir noch einmal angehört und hatte sie den ganzen Tag im Kopf und habe mitgesungen. Es ist ein bisschen ein lästiges Lied, und der Inhalt mit dem „Weltmeister“ war einfach übertrieben. Das Pizzera-Lied fand ich originell mit den Aufzählungen und Reimen, aber es klingt auch ein bisschen KI-produziert. Ich könnte mir zumindest vorstellen, dass die KI mitverwendet wurde, weil ich die Sounds so ähnlich schon von einer KI gehört habe. Das ist aber keine Kritik, sondern nur mein Eindruck. Ich würde sagen: 1:0 für Pizzera gegen Frönk. Ich selbst habe für die WM 2010 mal ein Lied zum Thema gemacht. Das spielen wir nur live, wenn gerade eine WM oder EM ist.

Und jetzt heißt es für dich als Rapid-Wien-Fan wieder „Mission 33“ zum Meistertitel?
Ich werde das alles in Ruhe beobachten und mich nicht sofort vom guten Saisonstart mitreißen lassen. Das ist alles noch nicht aussagekräftig. Sturm ist schon sehr stark und Salzburg wird auch wieder ganz vorn dabei sein. Letztes Jahr gab es nach fünf Siegen am Anfang auch so eine Euphorie bei Rapid und dann haben wir alles verloren. Als Jazz Gitti ihr Rapid-Lied veröffentlichte, war das. Aber sie ist jetzt auch nicht der Todesengel von Rapid, es blieb mir nur in Erinnerung. Ich habe ein besseres Gefühl als letztes Jahr, aber den ÖFB-Cup werden wir wieder nicht gewinnen.

Live in Wien und ganz Österreich
Morgen, am 14. August, ist der Nino aus Wien „Alleine und im Duett“ im Wiener Theater im Park zu sehen. Unter www.oeticket.com und an der Abendkassa wird es noch Tickets geben – es werden auch viele der neuen Lieder vorkommen. Unter www.derninoauswien.at finden Sie alle weiteren Termine und Informationen zu seinen Konzert mit und ohne Band.

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