Mit 79 Jahren hat Walter Jochum aus Dornbirn seinen größten Traum vollendet: Vom Nordkap bis nach Tarifa – vom nördlichsten bis zum südlichsten Punkt Europas. Doch seine außergewöhnliche Fahrradreise erzählt weit mehr als nur von Kilometern. Ein kleiner rot-weiß-roter Wimpel wurde zum Türöffner für Freundschaften in ganz Europa und zeigt, warum Abenteuer, Neugier und Lebensfreude auch nach der Pension erst richtig beginnen können.
Es sind oft die kleinen Dinge, die eine große Geschichte erzählen. Bei Walter Jochum aus Vorarlberg ist es ein rot-weiß-roter Wimpel, der vorne an seinem Fahrrad flattert.
Seit Jahren begleitet den heute 79-Jährigen die österreichische Fahne auf seinen Radtouren quer durch Europa. Für Walter ist sie jedoch weder Dekoration noch Ausdruck von Patriotismus, sondern Gesprächsbeginn, Türöffner und Freundschaftsstifter.
„Wenn die Menschen in Europa den österreichischen Wimpel sehen, hast du sofort Pluspunkte“, weiß der Dornbirner. Wie recht er damit hat, erlebte Walter immer wieder – zuletzt am südlichsten Punkt Europas.
Dort, wo Atlantik und Mittelmeer aufeinandertreffen und Marokko nur 16 Kilometer entfernt liegt, endete für den 79-Jährigen eine Reise, die ihn über Jahre beschäftigte. Und gerade als sich Walter vor dem Denkmal am südlichsten Punkt des europäischen Festlandes fotografieren ließ, hörte er plötzlich eine Stimme rufen: „Schau, da ist ein Österreicher!“
Eine Steirerin hatte den österreichischen Wimpel entdeckt und aus einem kurzen Gespräch wurde ein gemeinsamer Nachmittag. „So etwas passiert mir ständig“, verrät Walter der „Radkrone“. Und genau deshalb fährt der pensionierte Vorarlberger auch Fahrrad.
Eine Vision, die zehn Jahre gereift ist
Bereits vor rund zehn Jahren ist Walter ans Schwarze Meer geradelt. „Da habe ich mir gedacht: Jetzt bin ich so weit unten – wie schaut es eigentlich oben aus?“ Kurze Zeit später stand er am Nordkap und stellte sich die nächste Frage: „Wo ist der südlichste Punkt Europas?“
Doch Walter radelte nicht in einem durch, sondern arbeitete sich in fünf großen Etappen Stück für Stück durch Europa.
In Frankreich wäre sein Traum jedoch fast geplatzt. In einem Kreisverkehr wurde er von hinten von einem Auto erfasst. Viele hätten danach einen Schlussstrich gezogen. Nicht Walter. Genesen kehrte er zwei Jahre später genau an jene Unfallstelle zurück und setzte seine Radreise fort. Seine letzte Etappe führte heuer entlang der Mittelmeerküste, durch die Berge Andalusiens nach Tarifa.
Europa ist voller Freunde
Wer Walter zuhört, der stellt rasch fest: Seine Reisen handeln nicht nur vom Radfahren, sie handeln von Begegnungen. „Europa ist für mich voller Freunde geworden“, so der sympathische Dornbirner, der früher beruflich ständig unterwegs war und mehr als 100.000 Kilometer jährlich im Auto zurücklegte.
Mit 62 änderte sich alles. Der Jakobsweg und Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ brachten ihn zum Nachdenken. Von einem Tag auf den anderen hörte er nach zwei Schachteln Marlboro täglich mit dem Rauchen auf.
Alkohol?
„Nicht einmal mehr ein Radler.“
Stattdessen kaufte er sich ein Vorarlberger Simplon-E-Bike und heute, 18 Jahre und mehrere Simplon-Fahrräder später, stehen rund 150.000 Kilometer auf seinem Tacho.
Eine Botschaft an die Babyboomer-Generation
Im September wird Walter Jochum 80 Jahre alt. „Viele glauben, mit der Pension hört das Leben auf.“ Walter hat erlebt, wie ehemalige Kollegen und Freunde nach dem Berufsleben in ein Loch gefallen sind. „Von zehn Bekannten sind sechs nicht mehr da“, so Walter.
Sein Rat ist deshalb ebenso einfach wie eindringlich.
„Angst vorm Leben darf man nicht haben. Wer neugierig bleibe, sich bewege und offen auf Menschen zugehe, könne auch im hohen Alter noch unglaubliche Abenteuer erleben.“
Und in manchen Fällen braucht es gar nicht viel dafür und vielleicht reicht manchmal sogar schon ein Fahrrad oder E-Bike, um große Abenteuer zu starten.
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