Während gerade in der Bundespolitik eine Ausweitung der Volksschulzeit von vier auf sechs Jahre diskutiert wird, um Kindern den frühen Selektionsdruck zu nehmen und die Chancengerechtigkeit zu erhöhen, lässt eine Lehrerin aus dem Burgenland mit einem unkonventionellen Vorschlag aufhorchen. Auch mit Kritik an konfliktfreudigen Eltern spart sie nicht.
Mit dem Schulschluss rückt wieder ein Ritual in den Mittelpunkt, das seit Generationen zum Bildungssystem gehört: die Zeugnisvergabe. Doch Jahr für Jahr sorgt diese für kontroverse Diskussionen. Befürworter sehen in Schulnoten ein wichtiges Instrument zur Leistungsrückmeldung. Lehrkräfte könnten so die Lernerfolge bzw. Misserfolge dokumentieren. Eltern würden dadurch eine verständliche Orientierung erhalten. Und Kinder früh lernen, dass Anstrengung und Ergebnis zusammenhängen. Nur so könne man Resilienz und Leistungsbereitschaft für das weitere Leben entwickeln. Außerdem sei durch die Ziffernnoten eine gewisse Vergleichbarkeit möglich.
Noten als unfaires Mittel
Die burgenländische Pädagogin und Buchautorin Isabella Sodoma-Enz – sie brachte vor Kurzem den Aufreger „Das Volksschuldilemma“ auf den Markt – sieht genau darin das Problem. „Lernen ist ein komplexer Prozess. Eine einzige Zahl ist nur eine Momentaufnahme und kann daher niemals den Lernweg eines Kindes innerhalb eines ganzen Schuljahres fair abbilden“, sagt sie. Außerdem würden Ziffernnoten Kinder dazu anstiften, sich mit ihren Mitschülern zu vergleichen, was in jungen Jahren das Selbstwertgefühl massiv beeinträchtigen könne. „Ein wesentlich sinnvollerer und nachhaltigerer Anreiz wäre es, wenn Lehrer die Fortschritte der Schüler weiterhin dokumentieren würden. Das motiviert viel mehr und steigert die Motivation an lebenslangem Lernen“, ist sie überzeugt.
„Jedes Kind soll aufsteigen dürfen“
Aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung als Beratungslehrerin in Volkschulen, weiß Sodoma-Enz, wie es in Bildungseinrichtungen zugeht. Mittlerweile sei der Leistungsdruck für die Sechs-bis Zehnjährigen schon so groß, dass sich Gespräche in vielen Familien sogar am Wochenende nur noch um Schularbeiten, Tests und Notendurchschnitte drehen. Häufig arten Diskussionen auch in Streitereien aus, vor allem, wenn Eltern der eigene Ehrgeiz packt: „Ist es kein ,Sehr gut‘, werden Noten immer öfter angezweifelt. Viele Mütter und Väter beschuldigen dann Lehrer und Direktoren, ihr Kind unfair zu behandeln. Manche machen sogar in der Bildungsdirektion Terror!“
Andererseits, und das sei auffällig, gebe es in Volksschulen kaum noch „Nicht genügend“ im Zeugnis. Stattdessen werde in Klassenkonferenzen der Aufstieg in die nächste Schulstufe beschlossen, selbst wenn Klassenlehrer überzeugt sind, dass die Kompetenzen eines Schülers dafür nicht genügen: „Wozu also dann das ganze Tamtam um Ziffernnoten?“, fragt Sodoma-Enz und sorgt mit einem Vorschlag für Aufsehen, der Schülern gewiss gefällt: „Ich fordere die Abschaffung der Zeugnisse an Österreichs Volksschulen. Jedes Kind sollte während des Schuljahres gelobt und motiviert werden und am Ende in die nächste Schulstufe aufsteigen dürfen!“
Was wirklich helfen würde
Aber was ist mit jenen Schülern, die erforderliche Kompetenzen nicht erreichen? „Sie sollten freiwillig wiederholen und zusätzliche Unterstützung beim Lernen erhalten – etwa durch Förderkurse in Kleingruppen in den Sommerferien und durch Testungen zur Feststellung des individuellen Förderbedarfs, der im darauffolgenden Schuljahr gezielt spezifische zusätzliche Unterstützung bereitstellt. Nur so können wir Kinder bei ihren Lernprozessen wirklich unterstützen.“
Auch nach der vierten Schulstufe sei ein Übergang in die nächste Schule ohne Zeugnis möglich: „Man bräuchte lediglich Empfehlungen, die durch die Klassenkonferenz geregelt werden, ob Mittelschule oder Gymnasium geeigneter wäre. Die Abschaffung der Zeugnisse in Volksschulen ist noch keine systemische Lösung, aber eine Befreiung aus dem Würgegriff überalteter Denkstrukturen und die Aufhebung einer wichtigen Blockade auf dem Weg zu einer fortschrittlichen Neuorientierung im Bildungssystem.“
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