Der Absturz des Volkswagen-Konzerns an der Börse kennt kein Halten mehr. Die Vorzugsaktie des größten europäischen Autobauers fiel am Montag auf ein neues 15-Jahres-Tief und notierte zeitweise unter der psychologisch wichtigen Marke von 80 Euro. Damit setzt sich eine Talfahrt fort, die den einstigen Vorzeigekonzern der deutschen Industrie in seiner schwersten Krise der Nachkriegszeit zeigt.
Dass die Lage bei VW dramatisch ist, belegt, wie berichtet, eine interne Umfrage unter den Spitzenmanagern. Die Erhebung, die bereits Ende 2025 stattfand, fördert ein erschütterndes Bild zu Tage: Sechs der neun Konzernvorstände stuften das Unternehmen als „existenzgefährdet“ ein. Die übrigen drei bezeichneten die Lage immerhin als „angespannt“.
Das bisherige Geschäftsmodell ist überholt
Konzernchef Oliver Blume hatte die schonungslose Analyse der Boston Consulting Group dem Aufsichtsrat im April vorgelegt. Das Fazit: Der Konzern sei zu groß, zu teuer und ineffizient. Blume selbst sprach auf der jüngsten Hauptversammlung Klartext und erklärte das bisherige Geschäftsmodell für überholt. Das alte Prinzip, in Deutschland zu entwickeln, in Europa zu bauen und in der Welt zu verkaufen, funktioniere nicht mehr.
Die Börse spricht eine klare Sprache
Die Anleger haben das längst erkannt und ziehen die Konsequenzen. Mit einem Börsenwert von nur noch 43,23 Milliarden Euro wird Volkswagen an der Börse heute fast gleich viel wie der nach Stückzahlen viel kleinere Premium-Hersteller Mercedes (43,22 Milliarden Euro) bewertet. BMW kommt mit 66,12 Milliarden Euro auf eine deutlich höhere Marktkapitalisierung – obwohl auch die Münchner in den letzten fünf Jahren einen massiven Kursverfall hinnehmen mussten.
Dabei ist die Kursschwäche bei VW kein kurzfristiges Phänomen. Das Wertpapier ist heute knapp 60 Prozent weniger wert als noch vor fünf Jahren. Seit Jahresbeginn summierte sich das Minus zuletzt auf über 24 Prozent. Die Dividendenkürzung um 17 Prozent und die Aussicht auf harte Einschnitte haben das Vertrauen der Aktionäre zusätzlich erschüttert.
Werksschließungen und Jobabbau als letzte Mittel
Der Sparkurs wird nun immer radikaler. VW will die weltweiten Produktionskapazitäten um eine Million Fahrzeuge reduzieren – je 500.000 in Europa und China. Bis 2030 sollen konzernweit rund 50.000 Stellen wegfallen, allein bei der Kernmarke VW sind es 35.000 Jobs. Vor allem die kostenintensiven deutschen Werke in Emden, Zwickau, Hannover und das Audi-Werk in Neckarsulm stehen auf dem Prüfstand. Das Werk in Osnabrück fährt bereits die Produktion drastisch zurück.
Auch das einstige Kerngeschäft in China bricht weg. Volkswagen Group China korrigierte seine Absatzziele für 2030 von bis zu vier Millionen auf nur noch rund 3,2 Millionen Fahrzeuge. Der Grund: Der chinesische Markt schrumpft, der Wettbewerb durch einheimische Hersteller wird erdrückend, und der anhaltende Preiswettbewerb setzt die Margen massiv unter Druck.
Ausblick: Entscheidende Wochen
Die nächste entscheidende Weichenstellung wird für den 9. Juli erwartet, wenn der Aufsichtsrat über weitere Kostensenkungen berät. Finanzchef Arno Antlitz kündigte bereits an, dass man „bis zum Sommer konkreter werden“ wolle.
Ob das ambitionierte Renditeziel von 8 bis 10 Prozent bis 2030 angesichts der tiefgreifenden Krise noch zu erreichen ist, darf bezweifelt werden. Die Börse hat ihr Urteil bereits gefällt. Die Frage ist nun nicht mehr, ob VW sich verändern muss, sondern ob der Konzern die Zeit für diesen radikalen Umbau noch hat.
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