Vor wenigen Jahren war die Schwedin Yaeger drauf und dran, an die absolute Pop-Spitze vorzustoßen, doch zuletzt hat sich der anfängliche Erfolgslauf stark eingebremst. Mit „Piratebae“ erschien unlängst nun endlich ihr Debütalbum, das aber nicht durchgehend überzeugen kann. Ein Porträt einer Hoffnungsvollen, die nicht aufgibt.
2023 gehörte sie in ihrer schwedischen Heimat zu den meistgespielten Künstlerinnen im Radio und die Kollaboration „Shit We Do For Love“ mit den kultigen Landsfrauen Icona Pop machten Yaeger endgültig zum temporären Superstar. Die erste Zeit danach fühlte sich wie ein nicht enden wollender Erfolgsrausch an. Sie überzeugte mit ihren Cover-Versionen von Stars wie Robyn oder Avicii, spielte in Stockholm an der Seite von Raye und Massive Attack und ging Anfang 2024 mit Zara Larsson auf ihre „Venus“-Europatour, wo sie im Wiener Gasometer ihre bislang einzige Wien-Livevorstellung zum Besten gab. Dort gleich mit einer viertelstündigen Verspätung als Support auf die Bühne zu gehen ist zumindest ungewöhnlich, im Falle von Hanna Jäger, so ihr bürgerlicher Name, aber auch einer gewissen Portion angeborener Schusseligkeit zu verdanken.
Ein Sprung zwischen Gegenwart und Vergangenheit
Ihr Sound lässt sich am besten als „Emotional Rave Pop“ umschreiben. Mit „Piratebae“ veröffentlichte sie vor Wochen endlich ihr lang ersehntes Debütalbum. Das nur eine gute halbe Stunde dauernde Werk setzt sich dabei aus ein paar brandneuen und einigen bereits bekannten Songs zusammen und bestätigt, dass Yaegers Karriere derzeit leicht festzustecken scheint, auch wenn vor geraumer Zeit noch alles golden und glorreich wirkte. „Piratebae“ spielt visuell mit einer Mischung aus Pippi Langstrumpf- und Tim Burton-Ästhetik, ist inspiriert vom Rom-Com-Internetpop der 2000er, einem offen zur Schau gestellten Feminismus und der Liebe zur verzerrten Stimme und viel Elektronik, die Yaegers mittlerweile knapp zehn Jahre andauernde und via Soundcloud- und Spotify-Uploads gestartete Karriere besonders prägt.
Für Yaeger ist die Musik nicht nur ein Platz, um Gedanken und Emotionen freien Lauf zu lassen, sondern auch, um auf die immerwährende Suche nach der größtmöglichen Authentizität zu sein. „Ich entscheide in meiner Karriere fast alles aus dem Bauch heraus“, verrät sie der „Krone“ im Interview, „das gilt für die Musik, die visuelle Umsetzung und auch die Mode, die eine wichtige Rolle spielt. Ich weiß auch nicht, wo das hingeht, aber Veränderung ist konstant. Yaeger ist auch keine eigene Rolle für mich als Hanna Jäger. Es ist mehr so eine Art erweitertes Ich, das sich in der Musik gehen lassen kann.“ Vor allem der Fashion-Aspekt ist der 28-Jährigen wichtig. Ihr Lebensgefährte ist Modedesigner und schneidert ihr Unterschiedlichstes auf den Leib. Drei Koffer waren es auf der Larsson-Tour, die alleine mit Bühnenmode gefüllt waren. „Ich brauche die Abwechslung dort genauso wie in der Musik.Wenn ich ich selbst sein und mich wohlfühlen will, dann brauche ich diese Auswahl.“
Ständige Neuerfindung
In Liedern wie „Baewatch“, „Luminous“, „Hazy Eyes“ oder „Cast Away“ lässt sie zuweilen tief in ihr Leben und ihre Erfahrungen blicken. Wichtig ist ihr dabei, sich nicht allzu sehr von außen beirren zu lassen. „Natürlich bin ich auch mit MTV, Christina Aguilera, Britney Spears und Shakira großgeworden, aber ich habe früh versucht, meinen eigenen Weg zu finden. Am ehesten inspirieren mich David Bowie als gesamte Erscheinung und Robyn in der Art und Weise, wie sich von allen Zwängen befreit und sich eine völlig eigene Nische in der Welt der Musik ausgegraben hat. Sie ging nie Kompromisse zulasten ihres Kunstverständnisses ein und genau so verstehe ich auch meinen Zugang zur Musik.“ Yaeger wäre auch nicht die einzige, die sich immer wieder neu erfindet. „Madonnas gesamte Karriere ist durchzogen von verschiedenen Zugängen und Neuerfindungen. Ihr hat man das auch nie krummgenommen.“
Auf „Piratebae“ mögen nicht alle Songs schon beim ersten Durchlauf zünden. Tracks wie „Take It! Take It!“ sind zudem durchzogen vom hektischen Hyperpop und konterkarieren damit ein bisschen die klassischeren Nummern, die sich auf der kurzen Zusammenstellung auch finden lassen. Der Nachteil von Yaegers andauernder Selbstfindungsphase ist gewiss jener, dass sie für sich noch keine Richtung gefunden hat. Das muss per se nicht schlecht sein, führt in diesem Fall aber dazu, dass die klangliche Sprunghaftigkeit zwischen den Songs zulasten eines kongruenten, genussvollen Hörerlebnisses gehen. Oder in komprimierten Worten zusammengefasst: weniger wäre manchmal mehr gewesen. „Meine Texte sind extrem persönlich und ich versuche der jeweiligen Gefühlslage einen musikalisch passenden Ausdruck zu verleihen. Ich arbeite mit einem eher kleinen Team eng zusammen, weil mir die Vertrauensbasis wichtig ist.“
Mit einer gewissen Entspanntheit
Von einer eigenen neuen Europatour ist derzeit noch nichts zu vernehmen. Yaeger scheint nach den national so erfolgreichen Sturm-und-Drang-Jahren noch immer nach ihrem Selbst und ihrer wahren musikalischen Heimat zu suchen. Dabei ging im Laufe der Karriere nicht alles nach Wunsch. „Ich habe Songs veröffentlicht, die ich eigentlich gar nicht mochte und Videos gemacht, wo ich gefühlt habe, dass sie meine Gefühlswelt nicht adäquat vermitteln. Mittlerweile sorge ich mich wahrscheinlich zu stark um manche Dinge und bremse mich dabei selbst aus.“ Großen Druck macht sich Yaeger mit ihrer Karriere keinen, sonst hätte sie sich mit dem Debütalbum nicht derart lange Zeit gelassen. „Es sollte alles zusammenpassen und sich richtig anfühlen. Andernfalls hätte es keinen Sinn gemacht.“ Mit dieser Prämisse und „Piratebae“ im Rücken will die Schwedin jetzt wieder verlorene Zeit gutmachen. Kein Problem, denn Yaeger liebt die Langstreckendistanz.
Liebe Leserin, lieber Leser,
die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.