Live aus Stockholm

Linkin Park: Mit der richtigen Chemie zur Spitze

Musik
30.05.2026 06:00

Die „Krone“ war live dabei, als Linkin Park in der Stockholmer 3Arena vor rund 40.000 Fans den Europa-Tourauftakt feierten. An der Setlist und der Show wurde im Direktvergleich zum vorjährigen Sommer etwas gefeilt – die größte Evolution vernahm aber die jetzt gestählte und stimmstarke Sängerin Emily Armstrong. Am. 9. Juni kommen sie für ein „Krone“-Konzert nach Wien.

kmm

Wer wo wie an der Hitze ächzt, das ist immer relativ. Während man sich in unseren Breitengraden über 30 Krügerl im Schatten Ende Mai wundert, schwitzen die Schweden zu dieser Zeit schon bei 18 Grad. Ein Stockholmer Stadtrundgang Freitagmittag macht dabei sicher: Die Dichte an kurzen-Hosen-Trägen ist exorbitant hoch und jeder zweite läuft mit einer Eistüte in der Hand an einem vorbei. Viele davon schon in schmucken Bandshirts gewandet, denn am heutigen Abend sollen die Nu-Metal-Legenden Linkin Park den Startschuss für ihre neue Europatour zünden, die sie in knapp zwei Wochen auch ins Wiener Happel-Stadion führen wird. Nach dem furiosen Comeback mit dem Album „From Zero“ und der Inthronisierung von Sängerin Emily Armstrong haben sich die Amerikaner mittlerweile recht gut eingespielt. Dass Armstrong nicht als Nachfolgerin des 2017 durch Freitod verstorbenen Chester Bennington gesehen werden darf, ist mittlerweile auch rundum angekommen.

Großes Spektakel
Rund 40.000 Fans wollen sich dieses Spektakel in der überdachten 3Arena nicht entgehen lassen. Im hohen Norden sind Linkin Park nicht so angesagt, wie in unseren Breitengraden. In Stockholm waren Bandboss Mike Shinoda und Co. das letzte Mal 2011 vorstellig, bei der aktuellen Tour deckt die heutige Show den kompletten skandinavischen Markt ab, weshalb sich auch viele Touristen und Gäste aus dem Nachbarland einfinden, die untertags in der sengenden Frühsommersonne bereits die ersten Hopfengetränke in der malerischen, aber touristisch heillos überlaufenen Altstadt (Gamla Stan) in Anspruch nehmen. Das Einlass- und Getränkeholsystem funktioniert einwandfrei, jedoch darf man mit dem frisch erworbenen Bier schlussendlich nicht in die Halle. Es wäre zu stark, sagt die anwesende Sicherheitsbeauftragte, aber 20 Meter im Konzertoval gäbe es eine Bar, mit leichterem Bier. Nur blöd, dass man mit dem „zu starken“ in der Hand nicht dorthin darf. Manchmal sind auch die sonst bis ins Mark organisierten Nordlänger äußerst seltsam.

Die Maschine ist mittlerweile auch live wirklich gut geölt. Emily Armstrong und Mike Shinoda ...
Die Maschine ist mittlerweile auch live wirklich gut geölt. Emily Armstrong und Mike Shinoda haben das Publikum in die Show im Griff. (Fot vom Nova Rock 2025).(Bild: Andreas Graf)

Die Stimmung in der vollgefüllten Halle ist von Anfang an bombastisch, DJ-, Electro- und Hip-Hop-Klänge wärmen die Partycrowd auf. Jene, die zu den Hochzeiten Linkin Parks ab dem Millennium dabei waren, bringen zuweilen schon ihre eigenen Kinder mit. Die Zeit bleibt eben für niemanden stehen - noch nicht einmal für Mike Shinoda. Das Band-Mastermind versucht sich mit lässigem T-Shirt, Spongebob-Cap und breiten Hosen zwar für immer hinterm lässigen Skateroutfit zu verstecken. Dass er vor kurzem aber auch schon 49 wurde, lässt sich an der größer werdenden Zahl der Augenringe nicht leugnen. Auf der Rockbühne macht das aber keinen Unterschied und die juvenile Kraft geht sowieso von der 40-jährigen Gesangskollegin Emily Armstrong aus. War - krankheitsbedingt – vor allem der letztjährige Nova-Rock-Auftritt besonders bitter, ist sie zum Europa-Tourstart in absoluter Topform und singt, brüllt und schreit alles nieder, was sich nicht rechtzeitig in Deckung bringen kann.

Ansammlung an Hits
Dass die so zierlich wirkende Frontfrau vor allem aus der härteren Rock- und Hardcore-Schiene kommt, merkt man vor allem in Songs wie „Heavy Is The Crown“ oder dem neu ins Set aufgenommenen „IGYEIH“, wo sie einen richtigen Feuersturm zu entfachen weiß. Das grundsätzliche Bühnensetting ähnelt der Vorjahrestour. Zwei riesige Videowürfel hängen über der breit ausgelegten Bühne, drei mächtige Videowalls übertragen das Konzert auch bis zu den hintersten Sitzern in bester Qualität. Dazu spielen die Kalifornier sehr stark mit Licht- und Lasereffekten, die sich gerne mit den Videoeinblendungen verbinden und zu den Songs eine besondere Atmosphäre erschaffen. Bei einem Vierteljahrhundert Karriere kommen schon einige Top-Hits zusammen. Wer schon in der ersten halben Stunde Klassiker wie „Crawling“ und „Somewhere I Belong“ mit neuen Chartsongs der Marke „Up From The Bottom“ oder „The Emptiness Machine“ verknüpfen kann, hat sich diese große Publikumsschicht jedenfalls redlich verdient.

Noch ist etwas Zeit, um sich in aller Ruhe auch mit den älteren Songs einzuladen.(c) ma
Noch ist etwas Zeit, um sich in aller Ruhe auch mit den älteren Songs einzuladen.(c) ma(Bild: Andreas Graf)

Armstrong läuft mit einem Fußball-Jersey über die Bühne, während die Instrumentalfraktion gewohnt statisch bleibt. Nur Bassist Dave „Phoenix“ Farrell darf mit der Sängerin einmal auf den ausgedehnten Bühnensteg, den die beiden Frontmenschen immer wieder zur Interaktion nützen. Bis auf ein paar standardisierte Dankesworte gehören tatsächlich beide nicht zu den großen Rednern im Rock-Business und lassen daher auch lieber die Musik sprechen. Der einzig herzliche und aus dem sonst so perfektionierten Show-Raster fallende Moment ist jener, als Shinoda für ein paar Minuten direkt mit den Fans auf Tuchfühlung geht und in einer Zuschauerin namens Sophie eine Armstrong-Doppelgängerin verortet (nicht zu Unrecht) und diese mit einer signierten Bandkappe beschenkt. Ansonsten ist alles von allerhöchster Qualität, aber auch fast schon steril. Eine direkte Folge daraus, dass man eine derart gut geölte Maschine ist, die „Burn It Down“, „Over Each Other“ oder „Waiting For The End“ aus dem Effeff herauszieht und dabei nicht mal mit der Wimper zuckt.

Bunter Karrierequerschnitt
Armstrong und Shinoda erweisen sich als eingespielt, auch wenn man nur das mit einem Piano eingeleitete „Lost“ einen Beweis dafür hat, weil sich ihre Stimmen da ohne großen Rock-Zinnober das einzige Mal im Paarlauf die Gehörgänge suchen. Die vertrauten Blicke und neckisches Lachen Emilys lassen darauf schließen, dass sie sich ein Jahr nach den größten Konzerten ihres Lebens auch mental gefangen hat, was der Show gleich einen anderen Drive gibt. Mal steht Shinoda am Keyboard und Armstrong übt sich als Drummerin. Mal bleibt der eine im Hintergrund, dann die andere. Mal sorgt er für die leisen Töne, dann wieder sie. Der Metalbrecher „Two Faced“ mag zwar nicht zu den Hits der Band gehören, beweist dafür aber, mit welcher stimmlichen Variantenvielfalt man es zu tun hat. Wie keine zweite Band verknüpfen Linkin Park Rap („When They Come For Me/Remember My Name“), Old-School-Riff-Kannonaden („One Step Closer“, „Papercut“) und Experimentelleres („The Catalyst“, „Overflow“) musikalisch derart geschickt.

Kritikpunkte gibt es zum Tourauftakt von Linkin Park nur wenige. Die diffuse und übertriebene Lautstärke, das Fehlen von noch mehr Interaktion mit dem Publikum und das Zuweilen gar sehr routiniert wirkende Runterspulen des mit fast 30 Songs extrem üppigen Sets sind leichte Störfaktoren, die den Gesamteindruck aber auch nicht ins Negative verändern. Unerfüllt bleibt auch der Traum vereinzelter Fans, zur neuen Tour könnte sich auch ein brandneues Lied geschlichen haben – dem ist zumindest live nicht so. Dafür zeigt Armstrong endlich, wie vielseitig und kräftig sie mit Sicherheit und Gesundheit sein kann, während ihr der Rest der Band die Bälle schön zuspielt, um gemeinsam mit Shinoda den Takt anzugeben. Diese Show macht definitiv Lust auf mehr und das gibt’s am 9. Juni im Wiener Ernst-Happel-Stadion. Freuen dürfen sich aber nur aktive Ticketbesitzer, den die Bombast-Show ist seit wenigen Tagen restlos ausverkauft.

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