Mensch von nebenan

„In jedem Menschen steckt eine Geschichte“

Wien
18.05.2026 11:00

Henric Wietheger setzt sich raus, stellt sein Equipment auf und spricht mit fremdem Menschen darüber, was auf der Seele brennt

„Krone“: Henric, wie entstand die Idee zu Ihrem Format?

Hendric Wietheger: Ich wollte schon lange ein Gesprächsformat umsetzen. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass unsere Gesellschaft zunehmend von Gegeneinander geprägt ist. Ich bin überzeugt, dass Gespräche über Meinungsgrenzen hinweg verbinden können.

Sie sprechen wildfremde Menschen auf der Straße an. Wie funktioniert das?Ich setze mich mit meinem Equipment an öffentliche Plätze. Vor mir steht ein kleines Schild mit der Aufschrift „Lust auf einen Plausch?“. Dann warte ich, bis jemand stehen bleibt, neugierig wird und sich dazusetzt. Genau daraus entstehen dann oft sehr persönliche und überraschende Gespräche.

Was war Ihr bisher überraschendstes Gespräch?
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein elfjähriger Bub, der unbedingt DJ werden möchte. Er erzählte voller Begeisterung, dass er bereits mehr als 50 Tracks produziert hat. Das war unglaublich unterhaltsam. Sehr berührt hat mich eine Geschäftsfrau aus Großbritannien, die schon seit Jahren in Österreich lebt. Sie sprach über Ausgrenzung und Hass, den sie hier erlebt hat. Man hat gespürt, wie wichtig es für sie war, diese Erfahrung endlich auszusprechen.

Welche Begegnung hat dir gezeigt, dass hinter jeder scheinbar gewöhnlichen Person eine außergewöhnliche Geschichte steckt?
Eine Frau am Westbahnhof hat mich angesprochen, weil sie über Corona und gesellschaftliche Entwicklungen sprechen wollte. Ich dachte, das würde ein sehr kontroverses Gespräch werden. Am Ende erzählte sie jedoch von ihrem Leben als Lehrerin, ihrer Zeit in Schottland und las mir ein englisches Gedicht über einen engen Freund vor, den sie verloren hatte. Sie sagte mir danach, dass sie dieses Gedicht noch nie jemandem vorgelesen hatte. Das war ein sehr bewegender Moment.

Was sagen diese Geschichten über Einsamkeit und Sehnsucht in unserer Gesellschaft aus?
Viele Menschen glauben, dass sich niemand für ihre Geschichte interessiert. Wenn man aber ehrlich nachfragt und echtes Interesse zeigt, öffnen sich viele Menschen sehr schnell. Ich denke, dass sich viele einsam fühlen und sich wünschen, dass ihnen jemand wirklich zuhört.

Warum fällt es vielen Menschen leichter, einem Fremden ihr Herz auszuschütten als Freunden oder Familie?
In meinen Gesprächen entsteht durch die Mikrofone und Kopfhörer fast eine Art geschützter Raum. Man sitzt zwar mitten in der Öffentlichkeit, fühlt sich aber wie in einem Tonstudio. Das kommt, dass ich ohne Vorurteile zuhöre. Es gibt keine Erwartungen, keine festen Rollen. Das macht es für viele einfacher, offen über Dinge zu sprechen.

Was haben Sie durch die Gespräche über Menschen gelernt?
Ich habe vor allem etwas über mich selbst gelernt. Am Anfang hatte ich großen Respekt davor, mich mit meinem Equipment öffentlich hinzusetzen. Heute weiß ich, dass ich Menschen nicht unterhalten oder beeindrucken muss. Es reicht, aufmerksam da zu sein und ehrlich zuzuhören. Das klingt simpel, aber genau darin liegt eine enorme Kraft.

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