Die Kosten für Medikamente explodieren. Besonders teuer sind Präparate außerhalb des offiziellen Kassensystems – dort können Pharmafirmen ihre Preise oft selbst bestimmen, indem sie ganz einfach Preisverhandlungen umgehen.
Fast jeder fünfte Euro des Jahresbudgets von Österreichs Krankenkassen fließt in Medikamente. 2024 gaben die Sozialversicherungsträger insgesamt rund 5,17 Milliarden Euro dafür aus. Eine aktuelle parlamentarische Anfrage an Gesundheitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) zeigt jetzt, wie teuer dieses System geworden ist.
Die Medikamentenkosten in öffentlichen Spitälern haben sich seit 2015 mehr als verdoppelt (+104,1 Prozent). Zum Vergleich: Die Personalkosten stiegen im selben Zeitraum deutlich langsamer – nämlich um 62,6 Prozent. „Die Medikamentenkosten steigen massiv und entwickeln sich zunehmend zu dem zentralen Belastungsfaktor für Sozialversicherung und öffentliche Gesundheitsfinanzierung“, sagt der Gesundheitssprecher der Grünen, Ralph Schallmeiner. Besonders ins Gewicht fallen dabei Medikamente außerhalb des offiziellen Erstattungskodex (EKO). Fast 450 Millionen Euro entfielen 2024 allein auf sogenannte „No-Box“-Produkte.
„No-Box“-Produkte als Problem
Das österreichische Kassensystem teilt Medikamente je nach Kosten und Bewilligung in verschiedene Kategorien ein: Medikamente der Grünen Box können Ärzte direkt verschreiben, bei der Gelben oder Roten Box braucht es zusätzliche Genehmigungen. Anders ist das bei der „No-Box“: Diese Medikamente sind nicht im offiziellen Erstattungskodex gelistet und werden nur in Einzelfällen bewilligt. Trotzdem müssen die Krankenkassen die Kosten übernehmen – oft ohne zuvor Preise verhandeln zu können.
Genau darin liegt laut Schallmeiner das Problem. Denn bei No-Box-Medikamenten gebe es meist keine Preisvereinbarungen. „Der vom Unternehmen vorgegebene Preis ist im Normalfall zu bezahlen“, sagt er. Besonders teuer werde das dort, wo Pharmaunternehmen eine Monopolstellung hätten. Tatsächlich verursachen rund zehn Prozent der No-Box-Produkte mehr als 80 Prozent der gesamten Kosten.
2025 wurden ausgegeben:
2025 befanden sich 4240 Medikamente außerhalb des EKO: 3813 unter der Umsatzschwelle von 750.000 und 427 über der Umsatzschwelle. Sobald Medikamente über der Schwelle liegen, gelten für die Pharmafirmen strengere Regeln und sie müssen zusätzliche Rabatte an die Krankenkassen bezahlen. Zu ihnen zählen z.B. spezielle Zelltherapien bei Blutkrebs, wie Zologensma oder Yescarta.
Firmen umgehen Preisverhandlungen
Warum landen Medikamente überhaupt in der „No-Box“? Viele Pharmaunternehmen lassen ihre Medikamente bewusst außerhalb des offiziellen Kassensystems, obwohl (oder gerade weil) diese Produkte teilweise alternativlos sind. Der Vorteil für die Firmen: Preisverhandlungen und gesundheitsökonomische Prüfungen entfallen. Für Schallmeiner lässt das System den Unternehmen „zu viel Spielraum“. Gleichzeitig steigen die Kosten weiter: Laut Gesundheitsministerium erhöhten sich die Heilmittelkosten 2025 erneut um 7,5 Prozent. Zwischen 2021 und 2025 lag das durchschnittliche jährliche Wachstum bei 7,4 Prozent – und damit mehr als doppelt so hoch wie im Zeitraum 2013 bis 2020 mit 3,6 Prozent pro Jahr.
Laufende Gerichtsverfahren um 4 Millionen Euro
Um die Ausgaben einzudämmen, wurde 2022 der sogenannte „No-Box-Rabatt“ eingeführt. Liegt der österreichische Preis eines Medikaments über dem EU-Durchschnitt, müssen Pharmafirmen einen Teil des Geldes zurückzahlen. Mehrere Unternehmen wehren sich allerdings dagegen – derzeit laufen Gerichtsverfahren um Millionenbeträge. Allein die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) forderte für 2024 rund 5,8 Millionen Euro zurück. Bezahlt wurden bisher allerdings nur etwa 1,6 Millionen Euro.
Statt Leistungskürzungen für Versicherte braucht es aus grüner Sicht endlich so etwas wie einen transparenten, gemeinsamen Einkauf für Österreich

Ralph Schallmeiner, Grüner Gesundheitssprecher im Nationalrat
Bild: Thomas Topf
Eine Erhöhung des Rabattes von 6,5 auf zehn Prozent würde laut Ministerium zusätzliche Einsparungen von 3,6 Millionen Euro bringen. Weitere Millionen sparen könnte man durch „einen transparenten gemeinsamen Einkauf – auf nationaler oder europäischer Ebene“, fordert der Grünen-Gesundheitssprecher. Auf EU-Ebene hat es erst gestern eine Einigung für neue Förderungen und stärkere Unterstützung der Medikamentenproduktion in Europa gegeben. Ziel ist es, unabhängiger von asiatischen Lieferketten zu werden und innovative Medikamente schneller verfügbar zu machen.
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