Neu: „Alpha DNA“

Felix Blume: Größenwahn in lyrischer Bestform

Musik
11.05.2026 05:00

Der „King“ kehrt erneut zurück: Mit „Alpha DNA“ legt Felix Blume sein zweites Album unter bürgerlichem Namen vor und beweist, dass er zwar nicht mehr offiziell Kollegah ist, dessen Größenwahn, Kanzlerfantasien, Machtgehabe und lyrische Präzision aber weiterhin tief in seiner musikalischen DNA trägt. Wir haben uns die neue Platte angehört ...

kmm

Mit den Worten „Still King, Vorhang auf für den letzten Akt“ verabschiedete sich Kollegah alias Felix Blume im August 2024 eigentlich von seiner langjährigen Rapkarriere. Der König dankte ab, so schien es zumindest. Statt Punchlines, Luxusvergleichen und Boss-Aura sollten künftig andere Projekte im Mittelpunkt stehen: seine Malerei, sein Fitness-Imperium und ein Leben abseits der großen Bühne. Doch wer Kollegah kennt, weiß: Ein endgültiger Abgang war bei ihm schon immer schwer vorstellbar.
Im Dezember 2025 kam er plötzlich zurück – allerdings nicht mehr unter dem Namen Kollegah, sondern als Felix Blume. „Kanzler (Frührentnertape Vol. 1)“ wirkte wie ein Neustart unter bürgerlichem Namen, aber nicht wie ein musikalischer Bruch. Aus der bekannten Boss-Figur wurde eine Staatsmann-Persona: Kanzlerfantasie, politische Bildsprache, Machtanspruch. Blume richtete seine Angriffe weniger gegen eine einzelne Person als gegen das politische Establishment – mit Friedrich Merz als naheliegender Zielscheibe. 

Während andere alle zwei Jahre ein Album veröffentlichen, legt Felix Blume nur wenige Monate später schon sein zweites Werk unter bürgerlichem Namen nach. Mit Alpha DNA“ möchte der 41-Jährige nun endgültig beweisen, dass er noch immer der „King“ ist. Und schnell wird klar: Der Name ist neu, die Überheblichkeit nicht. Blume bleibt Blume – nur ohne das alte Kollegah-Schild über der Tür. Der deutsch-kanadische Rapper, der Jura studiert hat, über Jahre ein Fitness-Imperium aufgebaut hat und inzwischen auch als Maler auftritt, verbindet auf diesem Album all diese Facetten seiner Person: den wortgewaltigen Battle-Rapper, den Unternehmer, den Körperkult-Boss, den politischen Provokateur und den Künstler, der seine eigene Welt längst nicht mehr nur mit Rap beschreibt.

Herausforderung
Schon im Song „Intro“ macht Blume klar, wohin die Reise geht. Er fordert Bundeskanzler Friedrich Merz diesmal direkt heraus: „Immer noch der höchstwahrscheinlich alt sterbende Staatsmann. Auf kaltherzige Art zwing’ ich bald Merz in den Nahkampf“. Das ist natürlich keine nüchterne politische Analyse, sondern pure Inszenierung. Er stellt sich als Mann dar, der nicht diskutiert, sondern herausfordert. Noch deutlicher wird es in den Zeilen: „Politik voll Lügen. Ich kämpf’ hier bis zum Ende. Ich bin real und nicht irgend so ’ne BlackRock-Marionette“.

Felix Blume (Kollegah) zwischen Jura, Malerei und Größenwahn: Auf „Alpha DNA“ rappt er sich ...
Felix Blume (Kollegah) zwischen Jura, Malerei und Größenwahn: Auf „Alpha DNA“ rappt er sich erneut zur eigenen Legende.(Bild: Instagram/kollegahderboss)

„Jeder Song ist ein Gemälde“
Musikalisch setzt das Werk „Alpha DNA“ stark auf klassischen Battle-Rap. Keine überladene Pop-Produktion, kein Autotune, keine soften Feature-Hooks. Das Album kommt komplett ohne Gäste aus und umfasst 20 Tracks inklusive Bonustrack „Baphomet“. Gerade dadurch wirkt es wie ein geschlossenes Statement. Blume braucht niemanden neben sich, weil die ganze Platte auf seine eigene Aura zugeschnitten ist.
Der Titeltrack „Alpha DNA“ zeigt direkt, warum Kollegah beziehungsweise Felix Blume lyrisch immer noch in einer eigenen Liga spielt. Die Reime sitzen messerscharf, die Vergleiche sind übertrieben, aber präzise, und die Technik ist stellenweise fast unheimlich souverän. Man merkt dem Album an, dass hier jemand rappt, der sein Handwerk nicht nur beherrscht, sondern daraus eine eigene Sportart gemacht hat. In seinen besten Momenten erinnert diese Reimdisziplin an die alte Schule des deutschen Battle-Rap – sauber, hart, ohne viel Tamtam.

Gleichzeitig bleibt der in Hessen geborene Musiker größenwahnsinnig wie eh und je. Das ist einerseits seine Stärke, andererseits auch die größte Angriffsfläche des Albums. Er will der Beste sein, sagt es in jeder zweiten Zeile und rappt auch so. Auf dem ganzen Album macht sich Blume selbst zur großen Figur: mal Kanzler, mal Boss, mal Lichtgestalt, mal letzter seiner Art. Zurückhaltend ist das nicht – aber genau das war bei ihm auch nie das Ziel.
Besonders interessant ist aber auch, dass er seine künstlerische Seite diesmal stärker in das Gesamtbild einbaut. Für „Alpha DNA“ hat er nicht nur gerappt, sondern das Album auch visuell mitgestaltet. Für jeden Song malte er ein eigenes Porträt und schrieb dazu auf Instagram sinngemäß: „Jeder Song ist ein Gemälde.“ Auch im Musikvideo zu „Lichtgestalt“ tauchen seine Malereien auf. Damit erweitert er seine Rap-Person um eine neue Ebene: Der Boss ist nicht mehr „nur“ Rapper und Unternehmer, sondern auch bildender Künstler, der seine eigene Mythologie malt.

Selfmade-Millionär
In „Staatsmann“ geht es weniger um echte Politik als um Macht und Auftreten. Blume zeigt sich als Kanzler, Pate, Streetlegende und Boss zugleich. Das ist voller Wortspiele, bewusst übertrieben und technisch stark gemacht. Gerade diese Mischung aus Größenwahn und Präzision macht den Track spannend.
„Blockbuster“ bringt mit seinem Beat einen leichten 80er-Vibe auf die Platte und erzählt die klassische Selfmade-Geschichte: Aus wenig wird viel, aus dem Underdog eine Machtfigur. Blume rappt von Business, Banken, Luxus und Aufstieg – von dicker Kasse über Investment-Anspielungen bis hin zu teuren Mänteln und Patek-Uhren. Dass er in Interviews schon offen über seinen finanziellen Erfolg gesprochen hat, passt zu diesem Bild. Trotzdem bleibt es typisch Blume: Erfolg wird hier nicht einfach erzählt, sondern zur großen Legende aufgeblasen.

Auf dem Track „Pluralis Majestatis“ wird es fast opernhaft. Der hohe Gesang am Anfang erinnert an Walküren, bevor er sich wieder in voller Boss-Pose aufbaut: „Der letzte seiner Art setzt die Krone auf sein Haupt. Walküren singen, bricht der Wolkenhimmel auf“. Das ist maximal pathetisch, aber auch wirkungsvoll. Blume weiß, wie man ein Bild groß macht. Er rappt nicht einfach, dass er überlegen ist – er lässt gleich den Himmel aufbrechen. Wenn er dann ergänzt: „Du sprichst den Boss an im Pluralis Majestatis“, ist das fast schon eine Karikatur seiner eigenen Figur.

Die Abrechnung
Deutlich problematischer und provokanter wird es bei „Killuminati“ und „Blume Island“. In „Killuminati“ schießt der Musiker gegen mächtige Männer und politische Figuren, unter anderem Donald Trump. Die Zeilen sind hart, direkt und verschwörungsideologisch aufgeladen. Er rappt etwa: „Komm heran Donald Trump, du kannst mir hier viel erzählen, aber mach mir nicht auf Boss, du Handpuppe Israels“.
Solche Stellen zeigen, wie stark Blume auf Reibung setzt. Er will provozieren, Gegner markieren und große politische Feindbilder in seine Rap-Welt ziehen. Das kann man als kompromisslose Härte lesen, kippt aber auch schnell ins Fragwürdige.

Noch extremer ist aber „Blume Island“, eine Art Abrechnung mit den Epstein-Files und prominenten Namen aus Popkultur, Politik und Entertainment. Der Track beginnt mit drastischen Bildern: „Dreckige Sexdetails in Epstein-Files. Mal seh’n, wen ich heute von der Death-List streich’“.
Der Musiker arbeitet hier mit Namenslisten, Schockeffekten und Vernichtungsfantasien. Beim Hören denkt man immer wieder: Okay, jetzt geht er wirklich noch einen Schritt weiter. Oprah Winfrey, Beyoncé, Jay-Z, Bill Clinton, Ellen DeGeneres, Lady Gaga, Harvey Weinstein – Er zieht zahlreiche Namen in seinen düsteren Kosmos und inszeniert sich als Rachefigur. Wichtig ist: Der Track funktioniert nicht als sachliche Aufarbeitung, sondern als extreme Fantasie – er lebt von Übertreibung, Gewaltbildern und moralischer Selbstermächtigung. Das ist wirkungsvoll, aber auch teilweise unangenehm. 
Genau darin liegt die Spannung von „Alpha DNA“. Felix Blume ist technisch brillant. Seine Reime sind präzise, seine Stimme sitzt, seine Bilder bleiben hängen. Man hört sofort, warum er im deutschen Rap jahrelang eine Sonderstellung hatte. Gleichzeitig ist dieses Album aber voll von Größenwahn, Provokation und politischen Kampfansagen, die nicht immer sauber trennbar sind zwischen Kunstfigur, Meinung und Inszenierung.

Dass Dieser einst Jura studierte, passt dabei fast ironisch gut zu diesem Werk. Er baut seine Tracks wie Plädoyers auf: Anklage, Beweisführung dann Urteil. Nur dass er selbst Richter, Staatsanwalt und Vollstrecker zugleich sein will. Dazu kommt der Fitness-Unternehmer, der Körper, Disziplin und Härte immer wieder in seine Sprache einfließen lässt. Und Last but not Least der Maler, der seine Tracks inzwischen auch visuell in Szene setzt. 
Seine Musik ist kein entspannter Rap-Ausflug, sondern ein weiteres Kapitel in Felix Blumes Selbsterschaffung. Er hat Kollegah offiziell hinter sich gelassen, doch dessen DNA steckt noch immer in jeder Ecke dieser Musik. Fast wirkt es, als würde Blume mit seiner alten Kunstfigur ringen – und dabei feststellen: Ein bisschen Kollegah schadet offenbar doch nicht.

Fazit: „Alpha DNA“ beeindruckt und irritiert zugleich. Das Album zeigt Felix Blume in Bestform, wenn es um Technik, Reimkunst und Präsenz geht. Gleichzeitig lebt seine Kunst weiterhin von Überhöhung, Feindbildern und Provokation. Wer sauberen Battle-Rap ohne Autotune sucht, bekommt hier reichlich Material. Wer politische Tiefe erwartet, landet eher in einer überdrehten Kanzlerfantasie. Und wer sich für einen Moment wie der nächste Mafiaboss fühlen will, findet hier vermutlich den passenden Soundtrack.

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