Er ist ein Rockstar durch und durch. Mit „Beware“ schlägt der Berliner Rapper Ufo361 ein neues Kapitel auf – exzessiv und kompromisslos. Einst lieferte er Nummer-eins-Alben und prägte den Deutschrap maßgeblich mit. Doch was bleibt, wenn Provokation zur Hauptrolle wird? Wir haben uns das Warn-Album genauer angehört ...
Wer nennt sich schon bitteschön „unbekanntes Flugobjekt“? Richtig – eigentlich nur ein Berliner Rapper. Ufo361, bürgerlich Ufuk Bayraktar, wusste schon früh, wie man Aufmerksamkeit erzeugt. Seit einem Jahrzehnt ist er fester Bestandteil des Deutschrap-Kosmos – und längst mehr als nur ein kurz aufflammendes Phänomen. 2018 erreichte der damals 30-Jährige mit seinem Studioalbum „808“ Platz eins der deutschen und österreichischen Albumcharts. Wenige Monate später legte er mit „VVS“ nach und sicherte sich erneut die Spitzenposition in Österreich. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs erklärte Ufo361 dann überraschend seinen Rückzug aus dem aktiven Musikgeschäft – aus familiären Gründen. Ganz verschwunden war er jedoch nie: Rund zwei Jahre später kehrte er zurück und blieb seitdem konstant präsent in der Szene.
Seine Musik klang aber schon immer wie aus einer anderen Umlaufbahn: schräg, futuristisch, oft sperrig – aber irgendwie deshalb faszinierend. Sein Stil polarisiert, setzt Statements und hebt sich bewusst vom Rest ab. Kein Wunder also, dass viele Artists (RAF Camora und Co.) ihn gerne featuren: Der Künstler wirkt oft tatsächlich so, als käme er nicht ganz von dieser Welt.
„Beware of UFO“
Mit seinem neuen Projekt „Beware“ meldet er sich nun erneut zu Wort – kompromissloser und experimenteller als zuletzt. Prägend für den Sound ist diesmal die Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Produzenten F1lthy, der unter anderem für seine Arbeit mit Playboi Carti bekannt ist. Die Platte klingt wie ein bewusster Bruch: aggressiv und ungeschliffen – aber dennoch nach Ufo361. Allein das Cover signalisiert Alarm. „Beware“ ist ein Begriff, den man eher aus Horrorfilmen kennt als aus Rap-Tracklists, wie eine klare Ansage: Achtung, jetzt komm ich.
Hört man sich dann die ersten Takte an, erkennt man diesen Horror-Aspekt sofort. Der legendäre Halloween-Sound von John Carpenter taktet nämlich den Opener „I Know“ an, bevor der Track in eine düstere Trap-Nummer mit klaren Rave- und Club-Einflüssen kippt.
Der nächste Song schlägt genau in dieselbe Kerbe, nur dass es in „Damn Cup“ noch expliziter darum geht, was eine Frau alles für ihn macht – und was sie sich dabei alles an Rauschmitteln reinschmeißt. Von Mushrooms bis Lean ist hier alles dabei. „Wo ist mein damn Cup“, rappt Ufo immer wieder in der Hook, und nach dem Song fragt man sich tatsächlich: Wo ist dieser Cup eigentlich? Und wenn ihr ihn findet, gebt dem Jungen endlich seinen Becher – dann gibt er vielleicht endlich Ruhe.
Zwischen Afterhour und dem Ruf der Feministinnen
„Push It To The Max“, „Kein Skater“ und „Schaufenster“ gehen genau in dieselbe Richtung weiter. Es klingt, als stecke der Rapper mitten in einem intensiven Trip, der die ganze Nacht dauert und durchfeiert – Afterhour inklusive. Alles fühlt sich rastlos an und permanent in Bewegung, ohne wirkliche Pause.
In „Schaufenster“ rappt er dann die Zeile „Zähle Cash day ’n’ night, als wäre ich Kid Cudi„ – ein Moment, der zeigt, wohin die Reise gehen soll. Hier schimmert deutlich der Anspruch durch, nicht nur Deutschrap-Star zu sein, sondern sich an der Aura amerikanischer Superstars zu orientieren.
Der nächste Track gönnt uns dann doch eine kurze Pause vom 24-Stunden-Trip. „Geld macht Happy“ schraubt die zuvor auf Anschlag gedrehten Regler wieder etwas zurück. Der Sound wird melodischer, ruhiger – auch wenn auf markante Autotune-Akzente weiterhin nicht verzichtet wird. Inhaltlich bleibt Ufo seinem Status-Narrativ treu – Geld, Luxus und Frauen als Teil dieses Lebensstils. „Chill’ auf ’ner Yacht für Twenty, Ja, mein Cup voll Henny, Meine Bitch liegt in der Sonne, Ja, sie ist nackt und Ready für ihn“. Ein Frauenbild, das vermutlich nicht überall auf Gegenliebe stoßen dürfte und Feministinnen wohl eher auf den Plan ruft als besänftigt.
Pornöses Theater und klare Seitenhiebe
Und wer dann denkt, damit sei der Gipfel der Geschmacklosigkeit erreicht, sollte besser nicht in den „Sasha Grey (Skit)“ reinhören. Es sei denn, man hat Lust auf ein kurzes Pseudo-Interview mit der bekannten Ex-Pornodarstellerin, in dem sie über Sextoys spricht und am Ende ganz beiläufig festhält, dass Berlin zu ihren Lieblingsstädten zählt. Was für ein grotesker Unsinn passiert hier eigentlich – und vor allem: Warum?
„Cullinan Series 2“ bleibt soundtechnisch auf Linie und weicht keinen Millimeter vom harten, futuristischen Trap-Kurs ab. Textlich wird es dafür wieder deutlich bissiger. Sowohl sein Ex-Label Sony Music als auch Pop-Star Justin Bieber bekommen hier einen klaren Seitenhieb ab. Zeilen wie „Ja, Stay High is back, sag dei’m Major, ich brauch nicht verhandeln (Fuck Sony)“ oder „Du warst nie ein Trapper, du singst so wie Justin Bieber, Deine Shows sind keine Rage, geh ma’ schlafen lieber“ lassen wenig Interpretationsspielraum. Der Angriff auf Sony wirkt dabei nicht zufällig: Der Künstler hat sich in der Vergangenheit mehrfach kritisch über Major-Labels, kreative Einschränkungen und starre Vertragsstrukturen geäußert.
Oh, Mann – und dann wäre da noch „Sie weint in mein Cup“. Der Track soll wohl so etwas wie ein Liebessong sein, zumindest auf dem Papier. Hört man jedoch Zeilen wie „Sie weint in mein Cup, Ihre Tränen schmecken nach Lean, Sag was ist Liebe? Ja, ich lieb nur Codein“ ist sofort klar, worum es hier wirklich geht. Romantik bleibt Nebensache – stattdessen dominiert erneut die Verklärung von Rausch und Abhängigkeit.
Misstrauen und Warnung
Der einzige Song, auf dem der 37-Jährige mal wirklich rappt, ist „Ghost“. Der Track erinnert an frühere, gute Zeiten und alte Alben. Der langsame Bass, das reduzierte Tempo – alles fühlt sich so an, als wäre die Party endlich vorbei und man kommt endlich zur Ruhe. Melancholischer Trap, atmosphärisch – wie der Kater nach einer durchfeierten Nacht.
Last but not least, noch bevor man sich durch mögliche Bonus-Tracks arbeitet, folgt „Beware“– der Titeltrack, besser gesagt ein Outro-Warnschild. Keine Auflösung, kein Abschluss im klassischen Sinn. Stattdessen ein letzter Hinweis darauf, wie misstrauisch und abgeschottet dieses Leben inzwischen geworden ist.
Fazit: Satz mit X – das war wohl nix! Auch wenn mit F1lthy ein namhafter Produzent beteiligt ist, bleibt „Beware“ insgesamt enttäuschend und stellenweise schlicht geschmacklos. Ufo361 wirkt über weite Strecken wie jemand, der dauerdicht ins Mikro stammelt – Provokation ersetzt dabei oft Inhalt. Das Frauenbild dürfte Feministinnen zuverlässig auf den Plan rufen, und echte Reflexion sucht man vergeblich. Deutlich wird auch: Die große Chartphase ist vorbei. „Beware“ klingt weniger nach Weiterentwicklung als nach endlosem Selbstzitat im Rausch. Man muss sich wirklich gut überlegen, ob man sich diese Seite von dem Rapper wirklich antun will.
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