Im Drogenrausch

„Meine Tochter wurde wie letzter Dreck entsorgt“

Tirol
09.05.2026 18:00

Mehrere Todesfälle durch Drogen-Überdosen von Minderjährigen erschüttern derzeit Tirol – die „Krone“ berichtete ausführlich. Nun erzählt eine weitere Mutter die unfassbare Geschichte ihrer Tochter (20), die vor drei Jahren nur knapp überlebte und sich seither ins Leben zurückkämpft. Die Szenen, die sich in Innsbruck abgespielt haben, gehen unter die Haut.

Vor drei Jahren war die damals 17-Jährige Lea (Name geändert) auf der Beerdigung eines Mädchens, das sie gekannt hatte. Die Jugendliche ist an einer Überdosis gestorben. „Das Handy der Verstorbenen war abgängig, meine Tochter stand mit der Mutter des Mädchens in Kontakt. Um das Telefon zu suchen, tauchte meine Tochter damals in die besagte Szene ein – und rutschte selbst in den Drogensumpf ab“, erzählt die Mutter (Name bekannt) von Lea im Gespräch mit der „Tiroler Krone“.

Ende Juli 2023 erlitt Lea die ersten Überdosen. „Es folgten Klinik-Aufenthalte in Innsbruck und Hall. Aber was sie dort mit meiner Tochter besprochen haben, wurde mir nie gesagt. Ich war machtlos, hatte laut den Ärzten kein Recht auf Auskunft, da meine Tochter über 16 Jahre alt war“, so die Mutter. Ein Arzt habe nach der dritten Überdosis eine Selbstgefährdung gesehen und das Jugendamt kontaktiert. „Mitarbeiter sind zu uns nach Hause gekommen, weiterhelfen konnten sie uns jedoch nicht. Und auch sonst entwickelte sich dadurch nichts zum Positiven“, schildert die Tirolerin.

Die jungen Drogen-Konsumenten schrecken vor nichts zurück – auch nicht davor, sich illegale ...
Die jungen Drogen-Konsumenten schrecken vor nichts zurück – auch nicht davor, sich illegale Substanzen zu spritzen.(Bild: Christof Birbaumer)

In den darauffolgenden Monaten habe ihre Tochter immer wieder Drogen konsumiert. „Und dann hat sie begonnen, sich die illegalen Substanzen auch zu spritzen“, erinnert sich die Mutter, „laut Befunden waren es verschiedene Drogen, ein sogenannter Mischkonsum“.

Ende September 2023 habe Lea plötzlich während eines gemeinsamen Essens telefoniert. „Sie meinte, dass sie sich noch mit einem Freund treffen würde. Und dann war sie tagelang wie vom Erdboden verschluckt.“

„Arzt meinte, dass sie jede Sekunde sterben könnte“
Am 8. Oktober änderte sich dann alles. „Es war ein Sonntag, ich hatte den ganzen Tag über schon so ein ungutes Gefühl, plötzlich kam ein Anruf von der Polizei. Ein Beamter teilte mir mit, dass meine Tochter in die Klinik eingeliefert worden ist“, schildert die Tirolerin, „erst knapp fünf Stunden später habe ich dann durch einen Arzt erfahren, dass sich meine Tochter in einem kritischen Zustand befand und jede Sekunde sterben konnte“. Sie sei auf der Stelle nach Innsbruck gefahren. „Während der Fahrt habe ich nur noch geweint und geschrien“. Sie fand Lea in einem Bett auf der Intensivstation – „auf dem Bauch liegend, gefühlt tausend Schläuche hingen an ihr. Das war ein absolut grausamer Anblick“.

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Das, was man meiner Tochter und uns als ganze Familie angetan hat, kann man mit Geld nie im Leben wieder aufwerten. Das Urteil ist viel zu mild.

Die Mutter der jungen Tirolerin

Tagelang lag die 17-Jährige im Koma. „Sie bekam eine Sepsis, einen Herz-Keim, Hepatitis C und eine Blutvergiftung, weil sie laut Ärzten lange nicht mit Sauerstoff versorgt wurde. An den Armen hatte sie Fingerabdrücke, sie konnte anfänglich ihre rechte Körperseite nicht einsetzen, musste aufstehen, schlucken und gehen lernen. Zudem konnte sie lange Zeit auf einem Auge nicht ordentlich sehen. Sie war auf den Rollstuhl angewiesen, ich musste sie pflegen.“ Es folgten wochenlange Klinikaufenthalte und ein steiniger Weg zurück.

„Ich wollte endlich wissen, was mit meiner Tochter in der folgenschweren Nacht passiert ist.“ Deshalb begab sich die Mama auf Spurensuche. Sie fand schließlich heraus, mit wem Lea unterwegs war und erhielt den Hinweis, wo sich das Handy ihrer Tochter befand. Die Polizei war bereits eingeschaltet und hatte mit den Ermittlungen begonnen.

Videos zeigen viele abscheuliche Szenen
„Mitte November 2023 konnten wir das Handy von Lea, das die Polizei ausgewertet hatte, wieder abholen.“ Was Mutter und Tochter darauf entdeckt haben, sprengt jegliche Vorstellungskraft. „Videos zeigten, wie meine Tochter, die komplett auf Drogen war, im Sterbeprozess auf einem Stuhl dahinvegetierte und wie sie von den anderen währenddessen an den Haaren gezogen und geschlagen wurde. Jeder hätte sofort erkennen müssen, dass es ihr nicht gut ging. Sie hatte blaue Lippen, bekam keine Luft, krampfte total, ließ alles hängen und rang alle zwei Minuten nach Luft.“

Die 17-Jährige befand sich in der Wohnung eines pensionierten einheimischen Paares. Auch jener Freund, den sie damals getroffen hat, war samt seiner Freundin anwesend – beide ebenfalls Tiroler. „Schließlich wurde meine Tochter wie der letzte Dreck im Hausgang entsorgt! Sie wurde dort abgelegt, während sie um ihr Leben kämpfte.“ Erst später habe die pensionierte Frau den Müll hinuntergetragen und die Rettung gerufen. „Vier Minuten lang mussten die Einsatzkräfte meine Tochter wiederbeleben.“

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Elf Stunden ließen die Beteiligten verstreichen, ehe sie die Rettung alarmierten – obwohl meine Tochter im Drogenrausch um ihr Leben kämpfte.

Die Mutter der jungen Tirolerin

Es folgte Anklage und ernüchterndes Urteil
Der zeitliche Horizont lässt sich wie folgt rekonstruieren: Die ersten Videoaufnahmen von Lea wurden um 4 Uhr in der Früh erstellt, die Rettung wurde um 15 Uhr angerufen – also 11 (!) Stunden später. „Das sind alles Details, die im Zuge der Gerichtsverhandlungen an das Tageslicht gekommen sind.“

Denn es folgte eine Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung und schwerer Körperverletzung. Unterstützt wurde die Familie dabei vom „Weißen Ring“, der sich bundesweit kostenlos für Opfer von Straftaten einsetzt. „Meine Tochter wurde von einem Gutachter untersucht. Dieser kam zum Entschluss, dass ihre Schäden vermeidbar gewesen wären, wenn die Rettung früher angerufen worden wäre. Und er sagte, dass weitere Folgeschäden nicht ausgeschlossen werden können.“

Es gab mehrere Verhandlungstage, dann fiel das Urteil: Das Pensionistenpaar wurde zu einem Tagsatz von 4 Euro auf ein halbes Jahr gesehen verurteilt. Die Frau muss zudem 5000 Euro Schmerzensgeld an Lea bezahlen. „Das war’s auch schon. Wie soll man so ein mildes Urteil jemals verstehen?“, quält die Mama seither diese Frage. Die Freundin des Kollegen wurde freigesprochen, er selbst verstarb kurz vorher an einer Überdosis.

Junge Tirolerin wird mittlerweile substituiert
Und wie geht es Lea mittlerweile? Sie befindet sich in einem Substitutionsprogramm, um von den Drogen ganz wegzukommen. „In den vergangenen drei Jahren hatte sie immer wieder Rückfälle, doch derzeit geht es ihr gut, sie hält auch gut durch. Ich unterstütze sie, wo ich kann.“

Prinzipiell falle es der Mutter schwer, das alles zu begreifen: „Die Gesetzeslage muss dringend adaptiert werden. In erster Linie müssten wir Eltern das Recht erhalten, unsere suchtkranken Kinder zwangseinweisen zu lassen. Denn nur so haben wir eine realistische Chance, sie zu retten.“

„Krone“-Kommentar
Der Weg muss zu Ende gegangen werden

„Als ich im Gerichtssaal gehört und gesehen habe, was man meiner Tochter angetan hat, habe ich nicht nur geweint, sondern ich wurde gleichzeitig extrem wütend und wäre – ich muss es leider so drastisch formulieren – am liebsten Amok gelaufen.“ Das sind die Worte einer Mutter, deren Tochter drogenabhängig wurde und die während einer Rauschparty in einer Privatwohnung von anderen Gästen – eigentlich Verbündeten, denen sie sich anvertraut hat – im Hausgang eiskalt „entsorgt“ wurde, obwohl sie ums Überleben kämpfte. „Wir haben gemeint, sie sei schon tot, deswegen haben wir sie einfach liegen gelassen“, hieß es von den Angeklagten vor Gericht.

(Bild: Krone KREATIV/Christian Forcher, stock.adobe.com)

Die damals 17-Jährige hat nur knapp überlebt, integriert sich nun Schritt für Schritt wieder in den Alltag. Nach wie vor hat sie mit gesundheitlichen Folgen zu kämpfen. So wie auch ihre Mutter. „Mir hat nie etwas gefehlt. Nun, nach all diesen brutalen Erlebnissen, habe ich permanent Angst, leide an Panikattacken, an einem viel zu hohen Blutdruck“, sagt sie.

Man kann es sich nicht vorstellen, was es bedeutet, derartige Horrorszenarien durchmachen zu müssen – ohne diese nicht selbst erlebt zu haben. Man darf solche Vorfälle aber auch nicht negieren – nur weil man diese nicht selbst erlebt hat. Im Gegenteil: Man muss der Zeit ins Auge sehen und bewusst Akzente dagegen setzen. Die Landesregierung hat damit angefangen – Stichwort: Angebot für Unter-14-jährige Drogenabhängige. Der richtige Weg wurde eingeschlagen, er muss nun nur zu Ende gegangen werden.

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