Eine neue Umfrage unter 1021 Wiener Ärzten zeichnet ein düsteres Bild. Verpflichtende Diagnosecodierung, Honorardeckel & Co. lassen den Frust der Mediziner steigen. Die Ärztekammer warnt vor einem Kollaps der Versorgung – und lässt mit der Einführung der umstrittenen Ambulanzgebühr aufhorchen.
„Die Politik ist komplett am falschen Dampfer.“ Mit diesem Befund schlägt die Vizepräsidentin der Wiener Ärztekammer, Naghme Kamaleyan-Schmied, jetzt Alarm. Eine neue Umfrage des Meinungsforschers Peter Hajek unter 1021 Wiener Medizinern bringt brisante Zahlen:
„Man treibt fast aktiv die Kassenärzte aus dem Kassensystem“, so der Befund der Kurienobfrau. Den Frust junger Mediziner bringt sie auf den Punkt: „Die denken sich: Warum soll ich im Minutentakt für neun Euro brutto Patienten behandeln und dafür einen Kredit aufnehmen? Pfeif drauf, mach ich nicht.“
Reform ohne Ärzte: Patienten kommen nicht vor
Was die Kammer besonders erzürnt: Bei den Verhandlungen zur Gesundheitsreform sitzt sie nicht mit am Verhandlungstisch. Die Sicht jener, die täglich am Patienten arbeiten, fehle ebenso wie jene der Patienten selbst. „Diskutiert werden massive, langwierige und undurchsichtige Systemumbauten, während die Gesundheitsversorgung jetzt unter enormem Druck steht“, kritisiert Kamaleyan-Schmied. Statt konkreter Hilfe werfe die Politik „Nebelgranaten“ und komme „auf irgendwelche lustigen Ideen, die am Ende des Tages eh nicht umsetzbar oder rechtswidrig sind“. Ihr ernüchterndes Fazit: „Es geht nur um Zahlen, die man hin und her verschiebte, aber es geht nicht um die Menschen dahinter.“
Codieren statt Heilen: Frust in den Ordinationen
Hauptauslöser des Frusts: die verpflichtende Diagnosecodierung, eine Honorarobergrenze und die geplante Zwangseinbindung von Wahlärzten. Statt den Patienten anzusehen, würden sich die Ärzte durch Dropdown-Menüs quälen und mit der Fehlersuche im System beschäftigt sein. Kammerpräsident Johannes Steinhart rechnet vor: „In größeren Ordinationen frisst alleine das Codieren bereits eine Stunde pro Tag.“ Auch sinnvolle Tests, mit denen Spitalseinweisungen vermieden werden könnten, werden im Kassenkatalog gedeckelt oder gar nicht erst vergütet.
Besonders brenzlig ist die Lage in den Mangelfächern Allgemeinmedizin, Dermatologie, Kinderheilkunde und Gynäkologie. Die Frauenheilkunde gilt als am schlechtesten bezahlte Fachgruppe – und als tickende Zeitbombe: Fast jede zehnte Kassenstelle in der Frauen- und Geburtsheilkunde ist unbesetzt, 26 Prozent der Gynäkologen mit Kassenvertrag gehen in den nächsten Jahren in Pension.
Steinhart warnt vor Verstaatlichungswelle
Mit aller Schärfe wendet sich Steinhart gegen die Reformpläne. „Die kolportierten Reformvorschläge gefährden das solidarische Gesundheitssystem“, warnt er. „Es ist unser höchstes Gut, dass alle Patienten – unabhängig von Einkommen, Alter oder Herkunft – sicher sein können, in Österreich eine hochwertige medizinische Versorgung zu erhalten.“
Aus Kammersicht laufen die Pläne auf eine Verstaatlichung mit massiver Zentralisierung und einer Schwächung der Sozialpartnerschaft hinaus. Alle drei Varianten verlangten umfassende gesetzliche, teils verfassungsrechtliche Änderungen. „Wenn so viel Steuerung im Raum steht, bin ich vorsichtig“, so Steinhart. Neue Supergremien blähten die Bürokratie nur weiter auf.
Wiener Ruf nach Comeback der Ambulanzgebühren
Statt neuer Großgremien bringt die Kammer unter anderem für ein scharfes Lenkungsinstrument von früher, das man diskutieren könnte, ins Spiel: die Ambulanzgebühr. „Wir haben ja bereits eine Art Lenkung gehabt, die funktioniert hat, die man aber abgedreht hat“, erinnert Kamaleyan-Schmied. Heute sei das Gesundheitssystem überfüllt mit Dauergästen, die jeden Tag in die Erstversorgungsambulanz spazierten – viele davon mit Migrationshintergrund und ohne Kenntnis des hiesigen Ordinationssystems.
Die nüchterne Diagnose der Kammer: „Man kann nur lenken, wenn es weh tut.“ Eine sanfte Gebühr reiche nicht: „Da kann man nicht 5, 10, 20 Euro verlangen, sondern nur 50 Euro.“ Der Effekt wäre durchschlagend: „Dann ist innerhalb kürzester Zeit die Spitalsambulanz leer.“ Die Forderung mit Sprengkraft würde zwar das Budget entlasten – die Chance auf Umsetzung geht politisch derzeit gegen Null.
Kleine Schrauben statt großer Systembruch
Statt Großumbau pocht die Kammer auf rasch wirksame Maßnahmenbündel. Konkret gefordert: flexible Kassenverträge mit Teilzeit- und Doppelbesetzungen, ein Ausbau der Primärversorgung, eine ausreichend dotierte Sozialversicherung und die Sicherung der freien Arztwahl. Schon eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten könnte rasch Dutzende Kolleginnen ins System holen, ohne den Steuerzahler einen Cent zu kosten. Auch die schiefe Förderlandschaft kritisiert Steinhart deutlich: „38 Millionen Förderung kriegen die Firmen, die uns die Codierungssoftware dann teuer verkaufen.“ Die Botschaft an die Politik ist eindeutig: Ohne ärztliche Expertise wird keine Reform gelingen.
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