„Brüssel versagt“

Bei Europas Waldschutz klafft große Leder-Lücke

Klima
05.05.2026 13:00

Grünes Gesetz, blinder Fleck: Wird Leder nun aus strengen EU-Regeln gegen Entwaldung herausgenommen, entsteht eine gefährliche Lücke ...

Lange wurde gerungen, verhandelt, verschoben – nun ist es so weit: Die Europäische Union macht ernst im Kampf gegen die weltweite Entwaldung. Mit dem neuen Waldschutzgesetz soll verhindert werden, dass Produkte auf den europäischen Markt gelangen, für die Wälder zerstört wurden. Ein überfälliger Schritt, ein Signal an die Welt.

Ab dem 30. Dezember 2026 sollen strenge Regeln greifen. Unternehmen müssen nachweisen, dass ihre Waren – von Holz bis Soja, von Kakao bis Kaffee – nicht mit Abholzung in Verbindung stehen. Eine Zeitenwende, so scheint es. Doch mitten in diesen Aufbruch mischt sich ein bitterer Beigeschmack.

Die Leerstelle namens Leder
Denn während viele Risikoprodukte erfasst werden, bleibt eines außen vor: Leder. Und genau hier beginnt die Kritik – laut, deutlich, alarmierend. Denn Leder ist kein Randprodukt. Es ist eng verbunden mit der globalen Rinderindustrie – und diese wiederum zählt zu den größten Treibern der Entwaldung weltweit. Vor allem im Amazonasgebiet werden riesige Flächen Regenwald gerodet, um Platz für Weideflächen zu schaffen. Was bleibt, sind kahle Böden, zerstörte Lebensräume und ein Klima, das weiter aus dem Gleichgewicht gerät.

Die Dimensionen sind gewaltig: Zwischen 2001 und 2022 wurde weltweit Wald in einer Größenordnung vernichtet, die etwa der Fläche von ganz Spanien entspricht – ein Großteil davon für die Rinderzucht. Dass ausgerechnet Leder nun nicht unter die strengen EU-Regeln fällt, sorgt für Kopfschütteln.

Ein Gesetz mit Rissen
Umweltschutzorganisationen sehen darin eine gefährliche Schwachstelle. Was als Meilenstein gedacht ist, droht durch diese Ausnahme an Schlagkraft zu verlieren. Denn Märkte reagieren sensibel – und wo Regeln fehlen, entstehen schnell neue Wege, sie zu umgehen.

Wenn Leder nicht erfasst wird, könnte ein Teil der Lieferketten schlicht verlagert werden. Holz wird kontrolliert, Fleisch vielleicht auch – doch die Haut des Tieres bleibt außen vor. Ein System, das sich selbst widerspricht.

Die Greenpeace-Wirtschaftsexpertin Ursula Bittner bringt es auf den Punkt: „Dieses Gesetz ist richtungsweisend für den Schutz unserer Wälder – es ist ein wichtiges Signal, dass die EU-Kommission hier endlich grünes Licht gibt. Durch die Ausnahme von Leder wird dieser Erfolg massiv geschmälert.“

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Dabei ist das Ziel des Gesetzes unbestritten: Europas Verantwortung endet nicht an seinen Grenzen. Was hier konsumiert wird, hat Folgen – oft Tausende Kilometer entfernt. Der neue Rechtsrahmen soll genau diese Verbindung sichtbar machen und Unternehmen in die Pflicht nehmen.

Doch gerade deshalb wiegt jede Ausnahme schwer. Denn sie entscheidet darüber, ob das Gesetz tatsächlich wirkt – oder ob es am Ende nur ein gut gemeintes Versprechen bleibt.

Der Preis unseres Konsums
Hinter jeder Lederjacke, jedem Autositz, jeder Handtasche steht eine Geschichte. Nicht selten beginnt sie in Regionen, in denen Regenwälder weichen müssen, um Platz für Rinder zu schaffen. Wälder, die nicht nur Lebensraum für unzählige Arten sind, sondern auch gigantische Mengen CO₂ speichern.

Ihr Verlust beschleunigt die Klimakrise – und zerstört zugleich die Lebensgrundlage indigener Gemeinschaften. Es ist ein Kreislauf, der sich immer weiter dreht.

Noch ist nichts entschieden
Das EU-Waldschutzgesetz ist ein Anfang. Ein wichtiger, vielleicht sogar historischer. Doch es ist kein fertiges Werk. Noch gibt es Spielraum, nachzuschärfen, Lücken zu schließen, Widersprüche zu beseitigen.

Die Mahnung von Ursula Bittner bleibt daher eindringlich: Wälder lassen sich nicht halb schützen. „Wer es ernst meint, darf zentrale Treiber der Entwaldung nicht ausklammern.“ Denn am Ende geht es um mehr als Paragrafen. Es geht um das Überleben ganzer Ökosysteme – und um die Glaubwürdigkeit eines Kontinents, der sich selbst als Vorreiter im Umweltschutz versteht.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung