Die Laudatio

„Qualitätsjournalismus muss Gegenbewegung sein!“

Kärnten
02.05.2026 21:00

Weil viele nachgefragt haben: Die Laudatio von „Kärntner Krone“-Kulturchefin Irina Lino zum Thema Qualitätsjournalismus bei der Verleihung des 7. Humbert-Fink-Preises:

Zwei Kulturjournalisten, zwei Literaten, die mit ihrem Wirken Spuren hinterlassen haben, in der öffentlichen Meinung ebenso wie in der Kärntner Kulturlandschaft und weit darüber hinaus. Der eine, Humbert Fink, u. a. Erfinder des Ingeborg-Bachmann-Preises, Namensgeber DIESER hohen Auszeichnung und mein Vorgänger als Kolumnist wie Kultur-Ressortleiter der Kärntner Kronen Zeitung. Der andere, Bertram Karl Steiner, der heute mit dem Humbert-Fink-Preis der Landeshauptstadt Klagenfurt geehrt wird, u. a. langjähriger Kulturchef der Kärntner Tageszeitung, Chefredakteur der „Brücke“ und Autor mit großer, sprachkünstlerischer Qualität, die sich im selben Maße zwischen Buchdeckeln wie Zeitungsseiten entfaltet. Ich habe heute die Ehre und Freude, als Laudatorin zwischen diesen beiden Großen der schreibenden Zunft zu stehen und – basierend auf meiner jahrzehntelangen Berufserfahrung – darüber zu sprechen, was Qualitätsjournalismus in der Kultur ausmacht und warum er heute wichtiger denn je ist.

Wir leben in einer Zeit, in der Informationen omnipräsent und auf Knopfdruck verfügbar sind. Jeder kann veröffentlichen, kommentieren, bewerten, kritisieren. Das ist zwar demokratisch wertvoll, hat aber auch viele Schattenseiten, da die Grenzen zwischen Wissensvermittlung, Meinung, Werbung, Aktivismus, persönlicher Kränkung und fundierter Kritik verschwimmen.

Am Mittwoch wurde der Humbert-Fink-Literaturpreis der Landeshauptstadt Klagenfurt im Musil-Haus ...
Am Mittwoch wurde der Humbert-Fink-Literaturpreis der Landeshauptstadt Klagenfurt im Musil-Haus an Bertram Karl Steiner (Foto) verliehen.(Bild: Bertram Karl Steiner)

Gerade in der Kultur ist das besonders heikel, weil Kunst selten nur „richtig“ oder „falsch“ ist. Sie bedarf der Interpretation. Doch Interpretation ist nicht gleichbedeutend mit Beliebigkeit.

Kulturjournalismus bewegt sich zwischen Fakt und Deutung. Er berichtet nicht nur, was geschehen ist, sondern hilft zu verstehen, was es bedeuten könnte.

Qualitätsjournalismus heißt nicht, dass Journalisten keine Haltung haben dürfen. Ganz im Gegenteil! Aber diese Haltung muss auf Recherche, Wissen, Transparenz und Verantwortung beruhen und darf sich weder von Lob verführen, noch von Angriffen einschüchtern lassen. Das heißt ganz konkret, Stichwort Sorgfalt: Fakten werden geprüft, Quellen eingeordnet, Behauptungen nicht einfach übernommen. Kulturjournalismus muss auch unabhängig sein und darf nicht bloß als verlängerte Werbung für Verlage, Theater, Festivals, Museen oder Künstler agieren. Außerdem sollte der Leser erkennen: Was ist Information, was Interpretation, was Kritik, was persönliche Meinung? Unablässig dafür ist Kompetenz also Fachwissen: Kunstgeschichte, Literatur, Musik, Film, darstellende wie bildende Kunst, gesellschaftliche Kontexte und ästhetische Traditionen – sie sind der Urgrund, aus dem sich unser Wort erhebt, um dem Werk gerecht zu werden – auch als kritische Rezension, die nicht vernichtet, sondern analysiert und klärt.

Denn eines darf man nie vergessen: Journalismus hat Wirkung. Immer! Er kann Karrieren fördern oder beschädigen, Diskurse öffnen oder verengen. Sich seiner großen Verantwortung als Journalist tagtäglich bewusst zu sein, Wort für Wort, Zeile für Zeile, Satz für Satz ist fundamentaler Teil einer Berufsethik, die Wahrheit, Unabhängigkeit und die Verpflichtung, Schaden möglichst zu minimieren, als Grundwerte nennt.

Aber was ist Wahrheit in der Kultur? Hier gibt es selten eine einzige Wahrheit wie beispielsweise in der Mathematik. Ob ein Roman gut, ein Theaterstück gelungen oder ein Bild bedeutend ist, lässt sich nicht objektiv messen, weil jeder Mensch seinen subjektiven Erfahrungsraster darüber legt. Daraus folgt nicht, dass alles beliebig ist.

Lassen Sie mich drei Ebenen unterscheiden:
1. Die FAKTENWAHRHEIT, die klärt: Wann wurde ein Werk geschaffen. Wer hat es finanziert? Welche Aussage hat ein Künstler tatsächlich gemacht? Was ist auf dem Bild konkret zu sehen.
2. Die KONTEXTWAHRHEIT: Sie fragt: In welcher Tradition steht das Werk? Welche politischen, historischen, biografischen Hintergründe sind relevant? Welche Debatten berührt es?
Und 3. Die DEUTUNGSWAHRHEIT, die sich damit beschäftigt, welche Interpretation plausibel, gut begründet und nachvollziehbar ist.

Auf dieser Ebene gibt es mehrere Wahrheiten, aber nicht jede Deutung ist gleich stark.

Ein zentraler Gedanke dabei ist: Qualitätsjournalismus behauptet nicht, die einzig mögliche Deutung zu besitzen. Aber er unterscheidet zwischen begründeter Interpretation und bloßer Behauptung.

Nun leben wir in schwierigen Zeiten, in denen Weltbilder flacher werden und sich Menschen in der erdrückenden Fülle an Informationen zunehmend ihre eigenen Wahrheiten aus Realitätsschnipseln und Wunschvorstellungen basteln, weil sie auf komplexe Fragen und manifeste Bedrohungen einfache Antworten und gangbare Auswege suchen, die Orientierung und Sicherheit vorgaukeln.

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Qualitätsjournalismus schützt weder Künstler vor Kritik noch das Publikum vor Zumutung! Aber er schafft Raum für Diskurs und schützt die Debatte vor Vereinf

Diese Gefahr der EIGENEN WAHRHEIT ist wohl eine der größten, mit denen wir nicht nur im Informationswesen, sondern auf globaler Ebene als Individuum zu kämpfen haben, das die Geister, die es rief, nicht mehr loswird: Bewusste Falschinformation und manipulative Desinformation, KI, Algorithmen, Online-Influencer und überzeugungswütige Empörung – sie alle sind die Brandbeschleuniger einer Gesellschaft, die langsam aber sicher im Social-Media-Wahnsinn den Verstand zu verlieren droht.

Für die Kultur bedeutet das: Ein Kunstwerk wird nicht mehr betrachtet, sondern sofort etikettiert. Ein Künstler wird nicht mehr hinterfragt, sondern moralisch einsortiert, eine Ausstellung wird nicht mehr entdeckt, sondern schnell zum Symbol eines Kulturkampfes, eine Rezension wird nicht mehr als argumentierte Kritik gelesen, sondern als Angriff oder Zustimmung.

Hier kann (und muss!) Qualitätsjournalismus eine GEGENBEWEGUNG sein: langsamer, genauer, reflektierter, gebildeter.

Um historische, gesellschaftliche, ästhetische Zusammenhänge aufzuzeigen. Um Qualität, Anspruch, Wirkung und Widerspruch zu prüfen. Um kulturelle Vielfalt zu schützen und nicht nur den Lautesten, Bekanntesten oder Marktstärksten medial zu dienen UND … um Öffentlichkeit zu schaffen für Kultur als offenen, gemeinsamen Gesprächsraum.

Gerade dieser demokratische Beitrag des Kulturjournalismus wird in der Medienforschung zunehmend betont: Kulturjournalismus ist nicht bloß „weiche“ Berichterstattung, sondern trägt zu öffentlicher Debatte und demokratischer Selbstverständigung bei.

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Kulturjournalismus bewegt sich zwischen Fakt und Deutung. Er berichtet nicht nur, was geschehen ist, sondern hilft zu verstehen, was es bedeuten könnte.

Qualität heißt auch: Verschiedenste Kunstformen ernst zu nehmen. Regionale Kultur nicht als Provinz abzuwerten. Junge Künstler nicht nur als „Nachwuchs“ zu behandeln. Weibliche, migrantische, queere, religiöse oder soziale Perspektiven nicht zu exotisieren. Populärkultur nicht automatisch geringzuschätzen. Klassische Kultur nicht vorschnell als elitär abzutun.

KURZUM: Eine gute Kulturseite ist nicht nur ein Schaufenster des Etablierten. Sie ist auch ein Resonanzraum für das, was noch nicht selbstverständlich gehört wird, was überhört oder verdrängt wird. Kulturjournalismus darf nie zur Applausmaschine verkommen, sondern muss auch die Machtverhältnisse des Kulturbetriebs im Auge behalten.

Ein gutes Beispiel für die Komplexität von Kulturjournalismus ist die „documenta fifteen“.

2022 geht sie in Kassel als 15. Ausgabe der documenta, die als weltweit bedeutendste Ausstellungsreihe für zeitgenössische Kunst gilt, an 32 Standorten über die Bühne. Bereits im Vorfeld gibt es heftige Diskussionen über einen möglichen antisemitischen Charakter der Veranstaltung.

Das wegen technischer Pannen beim Aufbau erst nach der Presseführung installierte, dreiteilige Banner „People’s Justice – Die Gerechtigkeit des Volkes“ vom indonesischen Künstlerkollektiv Taring Padi auf dem Friedrichsplatz führt bei der Eröffnung zum Eklat, weil darauf u. a. eine Figur mit einer Art Judenhut samt SS-Runen, Schläfenlocken, blutunterlaufenen Augen und spitzen Zähnen zu sehen ist. Ein Soldat wird mit Schweinegesicht dargestellt, der ein Halstuch mit einem Davidstern und einen Helm mit der Aufschrift Mossad trägt…

Am Abend erklärte die Künstlergruppe, die Darstellungen seien nicht antisemitisch gemeint, sondern „kulturspezifisch auf unsere Erfahrungen während der Militärdiktatur in Indonesien bezogen.“ Tags darauf wird das Werk entfernt.

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Kulturjournalismus muss auch unabhängig sein und darf nicht bloß als verlängerter Arm für Verlage, Theater, Festivals, Museen oder Künstler agieren.

Kunstfreiheit, Antisemitismusvorwürfe, postkoloniale Perspektiven, institutionelle Verantwortung, mediale Zuspitzung und politische Reaktionen prallen daraufhin aufeinander. Der Abschlussbericht und viele Analysen zeigen explizit: Nur Empörung zu reproduzieren, genügt nicht. „Es bedarf genauer Prüfung von Werken, Kontexten, Verantwortlichkeiten und betroffenen Gruppen“, so die documenta reüssierend. Genau hier, bei kulturellen Konflikten, zeigt sich Qualität daran, ob Journalismus nur den Skandal verstärkt, oder hilft, genauer zu sehen.

Kein Kulturjournalist kommt an der Frage vorbei: Wie mit Künstlern umgehen, deren Verhalten problematisch ist? Darf man Werk und Person trennen? Muss man historische Werke neu bewerten? Was bedeutet Verantwortung gegenüber Opfern, Publikum und kulturellem Erbe?

Nun… Qualitätsjournalismus schützt weder Künstler vor Kritik noch das Publikum vor Zumutung! Aber er schützt die Debatte vor Vereinfachung.

Der Welt kein vorschnelles Etikett aufkleben, genauer hinsehen, besser zuhören, Zusammenhänge erkennen und sichtbar machen, um Räume zu schaffen, in denen Wahrheit nicht Besitz, sondern gemeinsame Suchbewegung ist. Diesem Anspruch versucht qualitativer Kulturjournalismus gerecht zu werden.

Abschießend möchte ich noch zwei Bereiche berühren, die eins werden in meinem für mich so erfüllenden Beruf: Die Liebe zum Schreiben – das Brennen für Kunst und Kultur.

Was für ein wunderbarer, wundersamer, wirkmächtiger Werkstoff ist das –  SPRACHE.

Sie kann heilen, trösten, verletzen – ausgrenzen, einbinden, anspornen, vernichten - Regierungen stürzen, Umbrüche anstoßen und neue Welten erschaffen.

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Qualitätsjournalismus behauptet nicht, die einzig mögliche Deutung zu besitzen. Er unterscheidet zwischen begründeter Interpretation und bloßer Behauptung.

Die größte Magie kann aus ihr entstehen, der schlimmste Albtraum kann von ihr entfesselt werden. Auf der reflektorischen Ebene des Schreibens, im polyfonen Echoraum der Gedanken, ist man ganz auf sich selbst geworfen und dem überantwortet, worüber ich heute gesprochen habe.

Doch auf der Metaebene zwischen Wort und Gedanke, Satz und Aussage, wo Emotion wurzelt und wir berührt werden, gibt es manchmal einen glückseligen Moment der Inspiration, den ein Bild, eine Aufführung, ein Konzert oder vielleicht ein Gedicht anstoßen.

Dann beginnt alles aus sich selbst zu atmen und man steht mit dem Staunen eines Kindes auf der Flugrampe des Geistes und wird erfasst von der Luft zwischen den Zeilen, die weit über die Ränder des Offensichtlichen tragen. Dann vermag Sprache jene Begeisterung für ein Werk in Worte zu fassen, die den Blick öffnen, die zum Innehalten, Nachdenken, Weiterdenken anregen.

Und Kulturjournalismus steht an der Nahtstelle zur Literatur und manchmal … ist er mittendrin.

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