Schriftsteller Robert Schneider erzählt von der Faszination, die damals von Schrägluftaufnahmen ausging – ganz besonders, wenn es sich dabei um das eigene Haus handelte. Für ein solches Foto war der eine oder andere durchaus bereit, einen nahezu unverschämten Preis zu berappen.
Ich erinnere mich sehr gut. Ich war noch auf dem Gymnasium, als eines Tages, mitten im Sommer zur Heuzeit, ein Herr mit schwerem Lederkoffer und schwäbischem Akzent an unsere Haustür trat. Ein Vertreter, wie sie gelegentlich zu uns herauf nach Meschach kamen, denn meine Mutter führte nebenbei eine kleine Gemischtwarenhandlung. Es gab keine geregelten Öffnungszeiten. Wer etwas einzukaufen hatte, schaute einfach vorbei, stand vor der Haustür, wobei ich korrekterweise schreiben müsste: stand im Türrahmen, denn die Haustür blieb im Sommer stets sperrangelweit offen.
Süßigkeiten für die Kinder
Gern mochte ich den Vertreter der „Alpenländischen Zuckerwarenfabrik Gelautz“. Diese Firma gab es tatsächlich. Ihr Handlungsreisender war ein feiner, weißhaariger Mann, der sich hinreißend aufs Komplimentemachen verstand. Er trug ebenfalls einen schweren Lederkoffer bei sich. Den konnte er auseinanderziehen wie eine Handorgel. Unglaublich, was alles darin Platz fand. In den weit gespreizten Fächern des Koffers durften wir Kinder uns nach Herzenslust an Süßigkeiten bedienen. Meine Mutter schmolz indessen bei den Komplimenten des „Herrn Gelautz“ dahin, wie sie ihn zu nennen pflegte. Eine Win-win-Situation, würde man heute sagen.
Aber ich will ja von einem anderen Vertreter erzählen, von dem, der schwäbelte. Dieser Zeitgenosse war nicht so charmant. Aufdringlich war er, unfreundlich, bärbeißig. Ich rief nach meiner Mutter. Die schlüpfte schnell in ihren weißen Arbeitskittel und wehte aus der Küche heraus. In den Taschen klimperte es. Ach, die Kitteltaschen meiner Mutter! Damit könnte ich halbe Romane füllen. Was darin klimperte, waren 10-Schilling-Münzen, kaputte Zippverschlüsse, Reißzwecken. (Ich gebe ehrlich zu, dass ich mehr als einmal in den Kitteltaschen meiner Mutter gewühlt habe, wenn etwa das Benzin meines schwarzen Puch-Mofas ausgegangen war. Sie hat es nie gemerkt. Vielleicht schon, aber nie ein Wort darüber verloren.)
„Wir mussten es haben“
Der Schwabe, der sich namentlich erst gar nicht vorstellte, sagte zu meiner Mutter, dass er ihr jetzt etwas ganz Besonderes zeigen werde, etwas, das sie so nie mehr wieder zu Gesicht kriegen würde. „Nie wieder!“ Es klang wie eine Drohung. Dann öffnete er seinen Koffer und zog eine große, gerahmte Fotografie heraus, auf welcher zweifelsfrei unser Haus abgebildet war. Aus der Vogelperspektive. Ich war total perplex. Meine Mutter auch. Auf diese Weise kannten wir unser Haus wirklich nicht. Schräg, aus der Luft heraus fotografiert, mit den es umgebenden Bergwiesen und Obstbäumen. Eine unglaublich aufregende Perspektive. Freilich, als Junge war ich schon mal auf den Dachfirst geklettert, um die Landschaft von ganz oben zu betrachten, aber so etwas verschlug mir wirklich den Atem. Wir mussten das Foto haben. Unser Haus, unsere Heimat. Aus der Luft.
Das traf mitten ins Herz
Diese damalige Begeisterung für Schrägluftaufnahmen, wie der Fachterminus heißt, ist heute schwerlich nachzuempfinden. Im Zeitalter der zivilen Drohnen ist man der „Aerial-Photography“ regelrecht überdrüssig geworden. Dennoch muss die Schrägluftfotografie damals ein sehr einträgliches Geschäft gewesen sein. Ich habe nämlich in vielen Häusern solche Fotografien hängen gesehen, oft in kostspieliger Rahmung und an einem besonders markanten Platz in der Stube. Schließlich traf so ein Foto den waschechten Vorarlberger mitten in Herz: Ganz allein! Mein Haus! (Wenn es schließlich beim Renteneintritt bis zum letzten Groschen abbezahlt sein wird.)
Mitten ins Herz traf meine Mutter auch der Preis, den der Vertreter nannte. Ich weiß nicht mehr genau, was das Kunstwerk gekostet hat, aber in heutiger Währung und inflationsbereinigt dürften es wohl drei- bis vierhundert Euro gewesen sein. Höllisch teuer. Meine Mutter, die nie handelte, weil sie ein sehr unsicherer Mensch war, lief in den Gemischtwarenladen, plünderte die Kasse und drückte dem Unverschämten das Geld in die Hand. Am Abend zeigte sie das Foto meinem Vater. Zuerst staunte er, wie wir gestaunt hatten. Als er jedoch erfuhr, was die Schrägluftaufnahme unseres Hauses gekostet hatte, sprach er den ganzen langen Abend kein Wort mehr mit meiner Mutter. Tags darauf nahm er doch Hammer und Nagel, praktizierte das Bild so an die Wand, dass man es unweigerlich als Erstes sehen musste, wenn man in die Stube trat. Nach dem Tod meiner Eltern ist dieses Bild verloren gegangen. Ich habe es jedenfalls nicht mehr gefunden. Vielleicht hat es auch jemand einfach weggeworfen.
Hier finden Sie Ihr eigenes Haus
Haben Sie noch so eine Schrägluftaufnahme Ihres Hauses in Küche oder Stube hängen? Wenn nicht, dann besuchen Sie doch die Internetseite „pid.volare.vorarlberg.at“. Es ist die digitale Plattform der Landesbibliothek. Dort stoßen Sie auf die Sammlung „Air Color“. Das war die Firma, die zwischen 1978 und 1992 Luftaufnahmen von Vorarlberger Häusern und Gebäuden den Eigentümern zum Verkauf angeboten hat. Der unfreundliche Schwabe, der uns damals besuchte, war vermutlich einer, der für diese Firma gekeilt hat. Die Sammlung, die 36.894 digitalisierte Objekte umfasst, wurde übrigens vom Landesamt für Vermessung und Geoinformation und der Abteilung Raumplanung und Baurecht unterstützt, weil die Fotos zwischenzeitlich die Architektur einer Epoche zeigen sowie den enormen Wandel von Siedlung und Landschaft.
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