Wer denkt, fürs Schnitzen zu wenig Geschick oder räumliches Vorstellungsvermögen zu haben, wird in der privaten Schnitzschule in Elbigenalp eines Besseren belehrt. Wir ließen uns zeigen, wie’s geht.
Anfangs kommt es dir kompliziert vor. Aber nach dem dritten Mal fragst du dich, was du beim ersten Mal so schwierig gefunden hast.“ Das sagt sich so leicht für Peter Gastl, der Bildhauer ist und in der Schnitzschule Geisler-Moroder schon viele Kurse gegeben hat. Ich weiß hingegen genau, was schwierig daran ist, einen Steinbock zu schnitzen: Mir ist das eine Dimension zu viel.
Dabei hat mein Lehrer eines der einfachsten Motive ausgesucht: „Flächen sind gut, weil man sie messen kann“, erklärt er, „runde Objekte sind viel schwieriger.“ Aus einem grob vorgeschnittenen Holzblock muss ich zunächst die Kontur der Figur herausarbeiten. Dafür zeichnet Peter die Vorderansicht auf, an der ich das Hohleisen ansetzen soll, mit dem ich nach hinten schlage.
Früher kamen vor allem Handwerker für Fortbildungen. Heute sind es Menschen, die sich kreativ ausleben wollen.
Martin Geisler-Moroder
Das weiche Zirbenholz ist ein dankbares Material. Nach ein paar Minuten fliegen die Späne nur so davon – das macht Spaß! „Vor allem, wenn man wütend ist“, grinst Charlotte am Arbeitsplatz neben mir. Sie absolviert hier die Bildhauer-Lehre im zweiten Bildungsweg. Mehrtägige Kurse bietet ihr die private Schnitzschule Geisler-Moroder dafür zuhauf: vom Kettensägen-Schnitzen übers Drechseln bis zum Steinbildhauen.
Ein Urlaubsangebot der besonderen Art kommt an
„Früher kamen vor allem Handwerker für Fortbildungen“, erklärt Martin Geisler-Moroder. „Heute sind es Menschen, die sich kreativ ausleben wollen.“ Im Urlaub aussteigen, runterkommen, weg vom Bildschirm – das kommt an. So sehr, dass die Familie gerade erst das hauseigene Hotel erweitert hat.
Dass man beim Schnitzen alles um sich herum vergisst, kann ich bestätigen. Bis der grobe Umriss aus dem Holz gehauen ist, bin ich ganz entspannt. Doch ab jetzt geht es genauer zu. Peter zeichnet auf, wo die Beine des Steinbocks sein sollen, wo die Halspartie ansetzt. Unsicher wiege ich das Flacheisen in der Hand. Wo anfangen, ohne aus Versehen ein falsches Teil unwiederbringlich zu entfernen? Peter liefert Orientierung. „Schau immer auf das Modell, das hilft.“ Er zeigt mir Kanten und Eckpunkte, die ich gar nicht am Schirm hatte, von denen ausgehend, ich mich aber gut voranarbeiten kann.
Langsam nimmt der Körper Gestalt an. Wenn ich an einer Stelle nicht weiterkomme, wechsle ich zu einer anderen, bis ich neue Anhaltspunkte habe. Zugegeben – der Steinbock ist ein wenig pummeliger als sein Vorbild. „Du kannst dich schon trauen, noch einiges wegzunehmen“, ermuntert mich Peter. Also Beine, Bauch, Hals nach innen versetzen, die Proportionen noch einmal herausarbeiten.
Nach dem Durchbruch unter dem Bauch kommt der Kopf, der auch von vorne bearbeitet werden will. Noch eine Seite mehr. Und die Wangen sind irgendwie gar nicht symmetrisch. Doch wo der Fehler liegt, kann ich einfach nicht sagen. Schließlich greift Fotografin Johanna zum Flacheisen, und unter vielen prüfenden Blicken gelingt ihr schließlich der Kopf. Bei der Feinarbeit können wir dann gar nicht mehr aufhören: Hier lässt sich noch eine Stelle glätten, dort könnte die Flanke etwas runder sein – Suchtpotenzial!
Nur die Ohren und der Nacken wollen nicht so recht werden. Ich kann mir nicht zusammendenken, wie ich das Eisen ansetzen muss, um diese Form aus dem Holz zu holen. Peter eilt mit einigen gezielten Handgriffen zur Hilfe. Spätestens jetzt ist der Steinbock nun – zumindest in meinen Augen – die hübscheste Holzskulptur der Welt.
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