Jörg Rothenpieler leitet ehrenamtlich in Graz eine Selbsthilfegruppe für Missbrauchsopfer. Während sexualisierte Gewalt zunimmt, beobachtet er beim schwierigsten Schritt eine positive Entwicklung: „Jüngere Teilnehmer sind unglaublich reflektiert und beim Benennen tougher als meine Generation.“
Am Anfang stand Jörg Rothenpielers persönliche Geschichte. „Ich war mir meiner eigenen nachteiligen Lebenserfahrungen viele Jahre nicht bewusst“, sagt er. 2019 gründete der gebürtige Kärntner den Verein „Vive Veritas“, um über Missbrauch und Misshandlung zu sprechen. „Ich wollte mit anderen in Austausch kommen.“ Seither treffen sich Betroffene regelmäßig zu seinen „Seelenstammtischen“.
Schuld, Scham und Ängste
Da geht es um Machtmissbrauch, um häusliche Gewalt, Vergewaltigungen oder auch Femizidversuche, die Frauen nur knapp überlebten. Der Tatort ist mal das eigene Zuhause, mal die Schule, die Kirche oder der Arbeitsplatz. Alle Teilnehmer schleppen einen Rucksack voller Sorgen mit sich. Er ist meist bis oben hin mit Schuld, Scham und Ängsten gefüllt.
All diese Gefühle sind in den Räumen der Selbsthilfe Steiermark, wo die gemeinsamen Abende stattfinden, willkommen. Die Teilnahme ist kostenfrei und nach Wunsch anonym. „Man kann einfach nur drinnen sitzen und zuhören oder sich vorstellen und seine Geschichte erzählen“, erklärt Rothenpieler, der das alles ehrenamtlich macht. Der größte Schritt sei es ohnehin, die eigene Erfahrung zu benennen: „Viele kommen erst Jahre oder Jahrzehnte später drauf, dass sie als Kind missbraucht wurden.“
Wenn Frauen digital vergewaltigt werden
Ein immer größeres Thema sei die sexualisierte Gewalt, meint der Grazer. Jüngstes Beispiel: Schauspielerin Collien Fernandes, die mittels Künstlicher Intelligenz zum Gesicht von Pornos wurde. „Die sexualisierte Gewalt nimmt vor allem im digitalen Raum massiv zu“, warnt Rothenpieler vor dem vermeintlich rechtefreien Raum.
Jüngere Teilnehmer sind unglaublich reflektiert und beim Benennen deutlich tougher als meine Generation.
Jörg Rothenpieler
Doch er attestiert auch eine erfreuliche Entwicklung. „Jüngere Teilnehmer sind unglaublich reflektiert und beim Benennen tougher als meine Generation.“ Die Enttabuisierung ist Rothenpielers großes Ziel. Einerseits im gesellschaftlichen Diskurs, andererseits auf persönlicher Ebene. Trotz aktueller Fälle – wie die Morde an Stefi P. und Johanna G. – erkennen viele nicht, dass sie selbst von Gewalt betroffen sind. „Sich das einzugestehen, braucht Mut.“
Eigene Erfahrungen nicht weitergeben
Wichtig ist diese Selbstreflexion aber auch, um die Gewaltspirale zu durchbrechen und nicht selbst zum Täter zu werden. „Auch ich möchte toxische Verhaltensmuster bei mir selbst erkennen und bewältigen. Das fängt bei Kleinigkeiten im Alltag an“, sagt Rothenpieler.
All jene, die diesen Weg gehen wollen, ermutigt er, mit dem Verein „Vive Veritas“ Kontakt aufzunehmen oder zu einem „Seelenstammtisch“ zu kommen. Der nächste Termin findet am 27. April in der Grazer Lauzilgasse 25 statt. Auch in Kärnten (Gutenbergstraße 7, Klagenfurt) leitet Rothenpieler mittlerweile eine Gruppe, die sich das nächste Mal am 11. Mai trifft.
Verein „Vive Veritas“: Dietrichsteinplatz 15/EG, 8010 Graz; www.vive-veritas.at; info@vive-veritas.at; +43 664 3765850
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