Hat an Ihrer Tür noch nicht ein Wildfremder geklingelt, sie sanft und lange angeschaut und gesagt, er oder sie sei nur zum Zuhören gekommen? Nein? Dann sind Sie noch kein Opfer von „Deep Canvassing“ geworden. Autor Robert Schneider beleuchtet das Phänomen.
„Deep Canvassing“ ist in Großstädten wie Amsterdam, London oder Berlin gegenwärtig der letzte Schrei. Übersetzen könnte man es frei mit „empathischer Gesprächsführung“, obwohl das Wort Kundenfang darin steckt (Canvassing). Da klopfen zumeist junge, eher dem linken Spektrum zuzurechnende Menschen an wildfremden Türen und sprechen die Leute (über den Umweg des Wetters o. ä.) auf kontroversielle Themen an. Migrationspolitik, LGBTQ+, Antisemitismus, erneuerbare Energien usw. Die Verkaufstaktik besteht im Zuhören.
Ein „Deep Canvasser“ weiß, dass Argumente das Gegenüber nicht überzeugen, feinfühliges Nachfragen schon. Der Plan ist geglückt, wenn das Gegenüber von sich zu erzählen beginnt. Dann wird tiefer gegraben, werden Werthaltungen, politische Standpunkte ausgetauscht. Es geht, wie die „Deep Canvasser“ sagen, nicht um schnelle Überzeugungsarbeit, sondern um eine nachhaltige Begegnung, die vielleicht aus einem rechtsradikalen Mittvierziger einen Mann der Mitte machen könnte.
Die Idee entstand 2008 im Leadership Lab des „Los Angeles LGBT Center“, als ein Mitarbeiter auf die Idee kam, mit Menschen in seiner Straße, die gegen die gleichgeschlechtliche Ehe waren, das direkte Gespräch zu suchen, Vertrauen aufzubauen und sie im Endeffekt umzustimmen. David Steindl-Rast hat einmal so formuliert: „Die Pfade von Haus zu Haus sollen ausgetreten sein.“ Der Unterschied ist nur, dass Steindl-Rast das absichtslose Gespräch unter Nachbarn meint. Eben einfach über die Spritpreise reden und nicht verlogen „canvassen“.
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