Sein Winter verlief fast wie im Märchen: Gesamtweltcupsieger, drei Kristallkugeln gewonnen, dazu drei Olympia-Medaillen erobert und den ÖSV-Rekord im Weltcup eingestellt. Johannes Lamparter ist der Überflieger in der Nordischen Kombination. Im Hangar 7 in Salzburg sprach er über eine ereignisreiche Saison, die Zukunft seiner Sportart und seine zweite große Leidenschaft.
Johannes Lamparter über ...
… über die Tage nach dem Saisonende: Es war schön, wieder mal daheim zu sein. Ich habe das sehr genossen. Es ist schön, wenn viel Rummel ist, dann weiß man, dass viel passiert ist. Daher mache ich das gerne.
… seinen Energielevel: Mir geht’s jetzt besser als nach den Olympischen Spielen. Die waren das große Saisonhighlight, es war wahnsinnig erfolgreich. Das ist dann alles mal gesackt. Ich war gewichtsmäßig am Limit. Das Ziel war weg, ich war in der Verfassung meines Lebens. Am Kulm ist es mir wahnsinnig gut gelungen, mich wieder herzuholen. Es ging um was, da war ich konzentriert bei der Sache. Es kostet aber Energie, sich aufzurappeln. Am Holmenkollen war es speziell, weil ich einmal noch All-in gegangen bin. Es war der krönende Abschluss.
… seine Pläne für die kommenden Wochen: Alles wie immer. Ich habe mich jetzt rausgenommen, weil ich froh bin, mal daheim zu sein. Im April werde ich wieder nach Norwegen fliegen mit richtig guten Teamkollegen. Es ist etwas zwischen Urlaub und Trainingslager. Ein guter Männerurlaub. Wir sind in einer Hütte, grillen, backen Waffeln – es wird eine gute Zeit. Da werden wir Champions League oder Paris-Roubaix schauen. Danach werde ich Ende April schauen, dass ich mal wegkomme. Wohin, weiß ich noch nicht, das mache ich spontan.
… Unterschiede zwischen den beiden Gesamtweltcupsiegen: Das sind eigene Geschichten. Bei der ersten Kugel hatte ich einen richtig schlechten Start und ein bescheidenes Ende. Der Jänner und Feber waren aber wahnsinnig gut. Diese Saison hatte ich einen perfekten Start und ein perfektes Ende. Zwischendrin liefen einige Wettkämpfe gut, aber auch ein, zwei, die nicht nach Wunsch liefen. Bei uns gibt’s seit drei Jahren auch die Disziplinenkugeln. Mit diesen dazustehen, ist eine Draufgabe.
… das gute Teamklima: Es gibt Athleten, mit denen man sich richtig gut versteht und mit denen man eine Freundschaft aufbaut. Du bist ja oft 24/7 zusammen. Ich fliege natürlich nur mit Leuten nach Norwegen, wo das Klima passt. Die ganze Nordische-Kombination-Familie präsentiert sich so, dass ein Zusammenhalt da ist. Es ist ein gutes Klima da, dass jeder performen kann. Es ist wichtig, dass man sich im Team wohlfühlt, das ist ganz klar der Fall.
… Rivalität: An Wettkampftagen ist sie groß. Einige Kollegen könnten mir den Wettkampf versauen, wenn man das so sagen kann. Man gönnt einander aber den Erfolg. Sie freuen sich für mich, ich mich für sie. Am Ende ist es aber ein Einzelsport, da will jeder ganz oben stehen. Es sind Freunde und Teamkollegen, aber auch Rivalen. Das muss auch so sein.
… den Kampf als Kombi-Familie um die Olympia-Zukunft: Der Austausch ist international gut. Man ist auch mit diesen Leuten befreundet und schreibt sich. Am Wettkampftag ist aber jeder in seinem Tunnel und will performen. Dafür trainieren wir. Da geht aber keiner zum anderen und sagt Punkt, Punkt, Punkt. Der Respekt ist schon da. Bei uns in der Kombi-Familie hat es wenig Platz, dass man sich gegenseitig im Weg steht.
… Druck, weil die Olympiazukunft der Kombi unklar ist: Eigentlich gar nicht. Es gibt viele Leute, die ich in Seefeld treffe, Fremde, die sagen, der Wettkampf war spannend. Es gibt dieses Fragezeichen, aber es beeinflusst mich nicht im Training oder Wettkampf. Wir können für geile Fights und Wettkämpfe sagen, ich stecke wahnsinnig viel Herzblut und Leidenschaft rein. Ich habe wieder fast alles dem Sport untergeordnet und für den Erfolg sehr viel geopfert. Das zeigt, wie ich diesen Sport liebe. Es gibt auch Nachwuchs, Mädels, die Kombiniererinnen werden wollen, obwohl die Damen noch nicht bei Olympia sind. Es liegt am IOC oder an einem Menschen, ob er mag oder nicht.
… mögliche neue Olympia-Sportarten wie Cyclocross: Es gibt immer zwei Meinungen. Der Klimawandel ist da, die Einschaltquoten sind sicher gut, darum geht’s. Für das IOC ist das Wichtigste, so viel Geld wie möglich reinzuholen. So tickt der Mensch. Leider. Den Ursprung darf man aber nicht vergessen. Im Sommer wurde diskutiert, ob Ringen dabei bleibt. Das war bei den ersten Sommerspielen überhaupt DIE Sportart. Der Ursprung sollte schon bleiben. Wir sind seit den ersten Winterspielen dabei. Hoffentlich bleiben Sportarten immer dabei. Wenn es das Budget zulässt, wenn es genug Plätze gibt, dann sollen andere Sportarten dazukommen. Andere dürfen aber nicht darunter leiden.
… das Dauerthema Olympia-Zukunft – mühsam oder wichtig zu kämpfen: Ich habe so viel Leidenschaft für diese Sportart, dass ich noch tausend Fragen beantworte und kämpfe für meinen Sport. Ich werde jegliche positive Aspekte hervorheben. Ich weiß, dass bei uns nicht am meisten Leute zuschauen – ja mei. Deshalb eine Sportart auszuschließen? Das sollte man nicht machen.
… Austausch mit Sportlern aus anderen Sportarten: Vor allem Skispringer, Langläufer, Biathleten oder Skibergsteiger kennt man, auch Skifahrer. Das ist cool, da schätze ich, dass das wahrgenommen wird, was man geleistet hat. Umso schöner, wenn andere Athleten dir den Respekt zeigen, das tut gut.
… die neuen Formate: Das hat sich gut entwickelt. Die Biathleten haben jede Woche drei unterschiedliche Wettkämpfe, das ist toll. Du musst schnell laufen und gut schießen. Bei uns ist es gleich, du musst gut hupfen und laufen. Im Massenstart hat sich brutal viel getan. Es wird nicht mehr geschaut und am Ende gibt’s einen Zielsprint. Es gab heuer so viele Rennen, wo das Feld vom ersten Meter an zerlegt worden ist, dass ein Umdenken der guten Läufer da war. Wenn es das Geld zulässt und die Veranstalter es wollen, würde ich auch bei uns an jedem Wochenende alle drei Formate durchführen.
… die Zukunft der Formate: Ich hoffe, sie bleiben. Wir haben einen lauflastigen Bewerb, einen sprunglastigen und einen normalen. So kann jeder seine Stärken ausspielen. Mir taugt es, wenn wir unterschiedliche Formate haben.
… Sommerprojekte wie den Ötztaler Radmarathon: Weniger. Ich möchte mein Haus fertig bringen, das ist ein großes Projekt. Ich freue mich wahnsinnig, wenn ich einziehen kann. Der Ötztaler würde sich nächstes Jahr anbieten, wenn keine WM ist. Er ist im September und daher ein Risikofaktor, ob das aufgeht. Ich fahre ihn nicht, um dabei zu sein. Ich stehe am Start und will eine geile Zeit hinlegen. Irgendwann will ich mal einen Marathon laufen, auch beim Wings for Life Run würde ich gerne mal schauen, wie weit es gehen kann. Diesen Sommer will ich genießen. Ich bin wieder weg von der Polizei und zurück zum Bundesheer, wo ich stressfreier trainieren kann.
… die Zukunft des Skifliegens in der Kombi: Ich weiß nicht, wie viel der Bewerb am Kulm gekostet hat. Es ist aber Fakt, dass wir uns an die Skispringer hängen müssen. Wir haben unglaublich tolles Feedback bekommen. Auch das IOC hat mitbekommen, dass wir zum ersten Mal Skifliegen waren. Jeder Athlet hatte eine große Gaudi. Es war ein geiler Bewerb und für die Kombi tolle Werbung. Ich hoffe, dass wir das in naher Zukunft immer wieder mal haben.
… Sportler, die dich inspirieren: Das sind Tadej Pogacar, Jannik Sinner oder Johannes Klaebo. Die Superstars in ihren Sportarten, die mit unglaublichem Druck umgehen können und immer performen. Sie sind zudem geile Typen. Was die Sportarten betrifft, schaue ich sehr, sehr viel: Golf, Radsport, Wintersport, Formel 1. Fußball schaue ich nicht so viel im Fernsehen, ich gehe aber gerne ins Stadion. Ich möchte vieles miterleben, weil es cool ist zu sehen, wie Sportler ticken. Ich kann mich für den Sport mehr faszinieren als fürs Theater.
… seine Liebe zur Musik und zur Trompete: Seit letztem Jahr bin ich wieder unglaublich fanatisch, was das Musizieren angeht. Es taugt mir, weil es eine Abwechslung ist. Für mich ist es genauso beeindruckend, wenn man sich gute Stücke anhört wie wenn man einen guten Sportler sieht. Ich habe mich schon für acht Konzerte im April und Mai eingetragen. Das ist meine zweite Leidenschaft.
… Ziele für die sportliche Zukunft: Ich würde fast sagen, ich bin noch hungriger als früher. Die Ziele gehen dir nicht aus. Es hatte null Auswirkung, dass ich schon eine Kugel daheim hatte. Nach Olympia war sie das große Ziel, da hat das keine Rolle gespielt. Im November werde ich wieder nach Ruka fahren, da bin ich mit einem vierten Platz sicher nicht zufrieden. Ich will der beste Kombinierer sein. Dafür müssen viele Sachen zusammenpassen, Hunger und Leidenschaft sind aber nach wie vor da.
… einen Karriereplan: Das hängt von der Entscheidung mit Olympia ab. Wenn sie gut ausgeht, spricht nichts dagegen, dass ich noch zehn Jahre dabei bleibe. Es ist immer eine Frage der Energie. Lisa Hauser hört auf, weil sie diese nicht mehr hat, um alles investieren zu können und zu wollen. Wenn das bei mir der Fall ist, lasse ich es wohl auch. Ganz oder gar nicht! Ich habe aber schon vor, noch zweimal Olympische Spiele zu machen.
… eine Heim-WM: Das wäre ein Traum! Die skandinavische WM (in Trondheim) war außerordentlich, das werde ich wohl nie mehr erleben. Aber das Triple in Seefeld packt mich immer. Eine Heim-WM 2035 – da könnte ich mir vorstellen, dass das ein krönender Abschluss wäre. Emotional ist das schon noch einmal was anderes. In Trondheim waren fünf Leute dabei. Bei den Spielen waren 40, 50 Leute dabei. Bei einer WM wären auch so viele Leute dabei – das hätte was.
… Rekorde: In der aktiven Rekorde bedeutet mir das noch nicht so viel. Wenn man aber nach der Karriere zurückblickt … wobei das Einstellen des Rekordes von Felix Gottwald (23 Weltcupsiege) war schon cool. Das Trikot von der WSG Tirol mit der 23 hinten drauf war richtig lässig. Es macht einen stolz, wenn man solche Marken einstellen kann.
… Schulterklopfer: Sicher gibt’s Leute, die mal mehr in deinem Leben sind. Wenn es dir nicht so gut geht, sind es nur noch fünf oder zehn. Es gibt aber auch Neid. Ich persönlich bin ich froh, dass mich im Dorf die Leute nicht als Kombinierer wahrnehmen, sondern als Johannes, der beim Schuhplattler- und Musikverein dabei war oder beim Maibaumkraxeln mitgemacht hat. Ich weiß jetzt schon, dass ich am 1. Mai wieder dabei sein werde. Da ist egal, was ich im Winter gerissen habe.
… Einkäufe ohne Probleme: Wenn dir Leute gratulieren, stört mich das nicht. Es ist eine Genugtuung, dass die Leute das schätzen und sich mitfreuen. Es ist mir noch nie auf den Zeiger gegangen. Der Superstar wie Justin Bieber bin ich ja nicht, dass die Leute kreischen. Das wäre der Tag, wo es zu viel wäre.
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