Warum kandidieren noch immer deutlich weniger Frauen für das Bürgermeisteramt? Eine neue Studie liefert überraschende Antworten – und zeigt, dass Männer ausgerechnet bei Vereinbarkeit mit der Familie und Bürokratie größere Probleme sehen. Präsentiert wurde sie im Zuge der Bürgermeisterinnenkonferenz 2026.
Bürgermeisterinnen aus Österreich, Deutschland, Südtirol und der Schweiz tauschten sich in den vergangenen zwei Tagen in Wien darüber aus, wie mehr Frauen für politische Funktionen gewonnen werden können. Ziel der Konferenz war es, Erfahrungen zu teilen, Netzwerke zu stärken und strukturelle Hürden sichtbar zu machen. Denn der Frauenanteil in der Kommunalpolitik bleibt niedrig – insbesondere in den Spitzenfunktionen.
„Wäre die Politik weiblicher, wäre die Welt eine friedlichere“, sagte Daniela Kampfl, Vizepräsidentin des Österreichischen Gemeindebundes. Gleichzeitig brauche es bessere Rahmenbedingungen, um mehr Frauen für politische Ämter zu gewinnen. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Vizepräsidentin des Südtiroler Gemeindenverbandes, Cristina Pallanch, der Schweizer Alt-Kantonsratspräsidentin und Alt-Gemeindepräsidentin von Lütisburg, Imelda Stadler, sowie Kathrin Alte, Bürgermeisterin des deutschen Anzing, wies sie darauf hin, dass Frauen auch „anders“ Politik machen würden.
Wäre die Politik weiblicher, wäre die Welt eine friedlichere.
Daniela Kampfl, Vizepräsidentin des Österreichischen Gemeindebundes
Eine im Rahmen der Tagung präsentierte Studie unter rund 2400 Kommunalpolitikerinnen und -politikern zeigt, wie groß die Unterschiede weiterhin sind. Demnach streben Frauen deutlich seltener das Bürgermeisteramt an. Nur 8,8 Prozent der befragten Vizebürgermeisterinnen geben an, die Spitzenfunktion übernehmen zu wollen. Bei den Männern sind es 32 Prozent. Gleichzeitig sagen 73,5 Prozent der Frauen, keine Ambitionen auf das Amt zu haben – bei den Männern liegt dieser Anteil bei 49,5 Prozent.
Als Gründe nennen Frauen häufiger die hohe Verantwortung, zunehmende persönliche Angriffe sowie den steigenden Druck im politischen Alltag. Auch strukturelle Hürden und unterschiedliche Erwartungen spielen eine Rolle.
Unterschied bei Erwartungen
Die Studie zeigt deutlich, dass Frauen in der Kommunalpolitik andere Rahmenbedingungen erleben. Insgesamt 40,8 Prozent der Frauen sind der Ansicht, dass an Bürgermeisterinnen andere Erwartungen gestellt werden als an Männer. Unter den männlichen Befragten sehen das lediglich 10,7 Prozent.
In offenen Antworten berichten Teilnehmerinnen von doppelten Standards: Während Durchsetzungsstärke bei Männern als Führungsqualität gelte, werde sie bei Frauen schneller negativ bewertet. Auch Auftreten und Erscheinungsbild würden stärker beurteilt. „Wenn Frauen lauter werden, sind sie eine Furie“, erklärt Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle. Frauen werden zudem stärker beobachtet und schneller kritisiert.
Österreichweit stehen derzeit 243 Gemeinden unter weiblicher Führung, das entspricht knapp zwölf Prozent aller Bürgermeisterämter. Die meisten Bürgermeisterinnen gibt es in Niederösterreich mit 95, dahinter folgen Oberösterreich mit 51 sowie die Steiermark mit 26 und Tirol mit 21. Im Burgenland sind aktuell 17 Frauen an der Gemeindespitze, in Salzburg 14, in Kärnten zehn und in Vorarlberg neun.
Männer empfinden Vereinbarkeit mit Familie als Hürde
Überraschend fällt ein weiterer Befund aus: Die Vereinbarkeit von Familie und politischem Amt wird insgesamt häufiger von Männern als von Frauen als Herausforderung genannt. Ebenso empfinden Männer Bürokratie und rechtliche Verantwortung öfter als Belastung als ihre weiblichen Kolleginnen.
Unterschiede zeigen sich auch beim Einstieg in die Politik. Männer kandidieren deutlich häufiger aus eigener Motivation. 42,9 Prozent geben an, von sich aus kandidiert zu haben, bei den Frauen sind es 27,7 Prozent. „Frauen werden hingegen häufiger von außen angesprochen oder motiviert. 30,9 Prozent nennen Parteikollegen als Auslöser, 9,6 Prozent berichten, überredet worden zu sein“, schildert Stainer-Hämmerle. Auch familiäre Motivation spielt bei Frauen mit 3,2 Prozent eine größere Rolle als bei Männern mit 0,5 Prozent.
„Frauen, engagiert euch!“
Der Frauenanteil in der kommunalen Politik bleibt insgesamt gering. In Österreich gibt es derzeit nur rund 243 Bürgermeisterinnen, das entspricht etwa 11,6 Prozent. Insgesamt liegt der Frauenanteil in der Kommunalpolitik bei rund 27 Prozent.
Die Bürgermeisterinnenkonferenz in Wien sollte daher auch ein Signal setzen. Neben Erfahrungsaustausch und Vernetzung stand vor allem die Frage im Mittelpunkt, wie mehr Frauen für politische Funktionen gewonnen werden können – von gezielter Ansprache über bessere Rahmenbedingungen bis hin zu mehr Sichtbarkeit von Vorbildern. „Wir wissen, wo wir stehen, und wir wissen, dass es noch viel zu tun gibt. Es liegt an allen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, junge und engagierte Frauen für den kommunalpolitischen Weg zu ermutigen“, sind sich die Politikerinnen Kampfl, Pallanch, Stadlter und Alte einig.
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