Es ist das entscheidende Projekt, um die Grazer Fernwärme vom Gas unabhängiger zu machen – aber im Herbst stand es vor dem Aus. Nach Monaten der Ungewissheit gibt es nun aber eine Einigung für das große Geothermie-Vorhaben. Die Stadt Graz trägt weniger Risiken als ursprünglich vorgesehen, zahlt aber eine Risikoprämie von 35 Millionen Euro.
Die Müllverbrennungsanlage beim Recyclingcenter, die thermische Klärschlammverwertung in Gössendorf, der Sonnenspeicher im Steinbruch Weitendorf, mehr Abwärme von der Gratkorner Papierfabrik Sappi – all diese Projekte sollen die Grazer Fernwärmeversorgung dekarbonisieren. Sprich: Die derzeit noch hohe Abhängigkeit von Gas soll in den nächsten Jahren drastisch reduziert werden.
Der größte Wurf ist aber das Geothermie-Projekt: Mit heißem Wasser aus der (vermutlich oststeirischen) Erde sollen Grazer Wohnungen und Häuser beheizt werden, bis zu 50 Prozent des Fernwärmebedarfs sollen so gedeckt werden – frühestens ab dem Jahr 2030. Als Investitionsvolumen werden etwa 500 Millionen Euro genannt. Projektpartner sind neben Holding und Energie Graz auch die OMV und die Energie Steiermark.
Schlammschlacht irritierte
Im November dann der Knalleffekt: Das Projekt stand vor dem Aus. Die Stadt Graz war nicht bereit, umfangreiche Haftungen bereits für die Bohrungen und die Errichtungsphase zu übernehmen – die Rede war damals von bis zu 200 Millionen Euro. Bei der OMV zeigte man sich irritiert, auch über eine tagelange politische Schlammschlacht – inklusive brüsk abgelehnten Übernahmeangebots der Energie Steiermark für die Fernwärmesparte der Energie Graz.
Dann beruhigten sich die Gemüter, Gespräche wurden wieder aufgenommen. Anfang des Jahres die nächste Überraschung: Die seismologischen Untersuchungen begannen, weil die Energie Steiermark fünf Millionen Euro dafür bereitstellte. Vor allem in der Südoststeiermark sind seitdem mehrere spezielle Seismik-Lkw unterwegs. Sie sollen den besten Standort für die Bohrungen nach heißem Wasser finden und sind, wie auf dieser Karte ersichtlich ist, weitgehend abgeschlossen. Laut OMV ist das Ende schon für kommende Woche geplant.
Stadt Graz zahlt Risikoprämie
Am Freitag der nächste Knalleffekt: Es gibt eine Einigung zwischen allen Projektpartnern! Damit haben vor der Gemeinderatswahl Ende Juni viele nicht mehr gerechnet. Die Holding Graz spricht von einem „umfangreichen, komplexen Vertragskonstrukt, das mehrere hundert Seiten umfasst und in allen Details ausverhandelt wurde“. Der Kernpunkt aus Sicht der Stadt Graz: Sie muss keine Haftungs- und Patronatserklärungen abgeben. Sprich: Das Risiko, bis tatsächlich Wärme nach Graz fließt, liegt bei der OMV und der Energie Steiermark, die im Vorjahr ein gemeinsames Joint Venture gegründet haben.
Als „adäquate Ersatzlösung“, so die Holding, wird von der Energie Graz eine Risikoprämie an die Energie Steiermark errichtet. Die Höhe beträgt 3,5 Millionen Euro jährlich über zehn Jahre, in Summe also 35 Millionen Euro. „Diese klare Struktur schafft die notwendige Stabilität für die Stadt und ihre Unternehmen und legt damit den Grundstein für eine langfristige Kooperation.“ Die Rede ist von 40 Jahren.
Konkret sieht die Aufgabenaufteilung so aus: Das angesprochene Joint Venture übernimmt die Bohrung und die Energieaufbringung, die Energie Steiermark errichtet die Leitungen bis Graz, die Energie Graz sorgt dann für die Verteilung an die Haushalte.
Gemeinderat muss noch zustimmen
„Die Risiken wurden klar benannt und entsprechend nachgebessert. Das Ergebnis ist eine sachlich vertretbare Lösung, auf deren Basis das Projekt weitergeführt werden kann“, meint KPÖ-Finanzstadtrat Manfred Eber: Auch Bürgermeisterin Elke Kahr, Vizebürgermeisterin Judith Schwentner und SPÖ-Obfrau Doris Kampus zeigen sich in ersten Statements mit der Lösung zufrieden. Im Gemeinderat muss der Vertrag noch beschlossen werden.
Von einer „historische Chance“ sprechen die Energie-Steiermark-Vorstände Martin Graf und Werner Ressi: „Wir haben die Verhandlungen in den vergangenen Monaten partnerschaftlich und auf Augenhöhe geführt und eine Lösung gefunden, die für alle Beteiligten an diesem nachhaltigen Jahrhundertprojekt eine faire und sinnvolle Grundlage schafft.“
Und die Holding-Graz-Vorstände Gert Heigl und Alice Loidl betonen: „Wir bedanken uns bei allen Projektpartnern für die konstruktiven und vertrauensvollen Gespräche. Unser gemeinsames Ziel ist eine nachhaltige, sichere und langfristig leistbare Energieversorgung der Grazer Bevölkerung.“
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