Live in der Stadthalle

Howard Carpendale: Ein sehr lautes Schlager-Servus

Musik
23.03.2026 00:35

Rund 9.500 besuchten Sonntagabend in der fast ausverkauften Wiener Stadthalle vielleicht das letzte Mal Howard Carpendale in der Bundeshauptstadt. Die Schlager-Legende wird zu seinem 80er die Livepräsenz künftig stark zurückschrauben, für ein dreistündiges Set mit allen Hits reichte es aber allemal. Ein Abend voller Emotionen.

kmm

Im Leben eines Howard Carpendale haben mindestens drei andere Platz. Vor gut zwei Monaten feierte der Schlagerstar seinen 80. Geburtstag und ließ sich, mehr widerwillig als recht, in den letzten Jahren von seiner näheren Umgebung doch vermehrt dazu überreden, ein bisschen auf die Bremse zu treten und sein buntes Leben zu rekapitulieren. So ging er vor einiger Zeit offen mit seinem Kampf gegen Depressionen in die Öffentlichkeit, schrieb mithilfe einer Journalistin seine Memoiren auf und kündigte an, dass die gerade stattfindende Tournee seine Abschiedstour sein würde. Die Betonung liegt dabei strikt auf „Tour“, wie Carpendale auch in der Wiener Stadthalle gegen Mitte des Konzerts betont. „So lange ich kann und ihr mich sehen wollt, werde ich immer wiederkommen.“ Die Strapazen des täglichen Reisens erlebt Howard nach fast 60 Jahren auf der Bühne das letzte Mal und wie es bei Abschiedsvorstellungen so ist, kommen auch die Massen.

Großmannschaft auf der Bühne
Zumindest in Wien, wo die bestuhlte Stadthalle mit rund 9.500 Plätzen so gut wie ausverkauft ist und sogar einen routinierten Showman wie Carpendale ein ungläubiges Staunen abringt. Auf den bisherigen Stationen ist schon so einiges passiert. In Trier musste eine betrunkene Frau aus dem Saal eskortiert werden, nachdem sie einen Security-Mitarbeiter biss. In Köln kam Howards Sohnemann Wayne auf die Bühne, um erstmals (und vielleicht einmalig) ein Duett mit ihm zu singen. In Wien gibt’s weder illuminierte Ausfälle, noch familiäre Zusammenführungen, dafür aber einen gut gelaunten Frontmann mit frei aufspielender Band. Nicht weniger als 15 Musiker karrt Carpendale derzeit von Stadt zu Stadt. Darunter ein Bläserquartett, gleich vier Gitarristen, zwei Schlagzeuger und drei stimmstarke Sänger unterschiedlichen Geschlechts, die Carpendale mittlerweile aber auch braucht. In den Höhen gibt’s schnell grobe Aussetzer, das Rhythmusgefühl zum richtigen Einsatz ist nicht immer optimal – im Team macht man diese verständlichen Alterserscheinungen aber relativ locker wett.

Lässig am Barhocker, die frei aufspielende Band hinter sich: Carpendale in der Wiener ...
Lässig am Barhocker, die frei aufspielende Band hinter sich: Carpendale in der Wiener Stadthalle.(Bild: Andreas Graf)

Howie sitzt im schwarzen Anzug am Barhocker und intoniert zumeist behutsam, reißt vor allem im ersten Teil des samt Pause dreistündigen Absends gerne auch den einen oder anderen Altherrenwitz. Diese schrammen immer geschickt an der Schlüpfrigkeit vorbei und reißen den schönen musikalischen Abend damit glücklicherweise nicht ins Zotentief. Neben seiner massiven Mannschaft baut der gebürtige Südafrikaner auf eine massive Videowall und einen verstellbaren Lichtkranz, der in seiner buckeligen Außendarstellung an eine Kleinversion der Münchner Allianz Arena erinnert. München ist seit geraumer Zeit Carpendales neue und geliebte Heimat, die Erinnerungen an früher halten den Abend lebendig und vital. Rund 700 Lieder habe er im Laufe seiner Karriere in deutschen Studios aufgenommen, die heute gespielten „Wenn ich könnte wie ich wollte“ und das sehr persönliche, dem Thema Tod gewidmete „Du bist doch noch hier“ gehören zu seinen liebsten. 

Verbeugung vor Udo Jürgens
Die Fans freuen sich über andere Highlights. Etwa sein 1984 entstandener Klassiker „Hello Again“ zu Beginn des zweiten Konzertteils, bei dem es die Anwesenden erstmals von den Sitzen reißt. Oder die eingedeutschten Versionen von Umberto Tozzis „Ti Amo“ oder Ronan Keatings „Ruf mich an“. Ein besonderes Loblied singt Carpendale auf den unvergessenen Österreicher Udo Jürgens, den er als größten Künstler im deutschsprachigen Raum bezeichnet und ohne den seine eigene Karriere in der Form niemals möglich gewesen wäre. Das Cover von „Ich war noch niemals in New York“ hat Carpendale 2015 mit Zustimmung der Jürgens-Familie textlich adaptiert und sorgt damit für einen ebenso großen Gänsehautmoment wie mit seinem Hit „Nachts, wenn alles schläft“, wo sich die Nostalgie bei den Anwesenden endgültig Bahn bricht und sich die Stadthalle in einen Tempel der Gemeinschaft verwandelt.

Die mächtige Videowall und der variable Lichtkranz sorgten neben der Musik für die richtigen ...
Die mächtige Videowall und der variable Lichtkranz sorgten neben der Musik für die richtigen Effekte.(Bild: Andreas Graf)

Carpendale war zeit seines Lebens nicht nur Elvis-Imitator und leidenschaftlicher Interpret sanfter Schlagertexte, sondern hat mit seinen Songwritern immer darauf geachtet, dass auch politische und gesellschaftskritische Themen ihren Raum bekommen. „Ihr Großen dieser Erde“ ist ein eindringlicher Appell, der Welt endlich wieder eine Zukunft zu geben. „Ich weiß nicht, warum immer alle sagen, Musiker sollen nicht über Politik reden“, so ein kurz erzürnter Carpendale, der einst fast zwei Dekaden lang in Palm Springs lebte, einen Steinwurf entfernt von Donald Trumps Feriendomizil Mar-a-Lago, „ich finde, dass Politiker nicht über Politik reden sollen. Zu einem großen Teil haben die überhaupt keinen Plan von der Welt.“ So simpel wie Onkel Howie es gerne hätte, funktioniert es in der Realität freilich nicht, aber seine Aufgabe ist auch die Bereitstellung von mehrstündigem Eskapismus. Das Angebot, Sorgen, Nöte und Probleme beiseitezuschieben und bei Liedern wie „Let’s Do It Again!“, „Unter einem Himmel“, „Samstag Nacht“, „Mit viel, viel Herz“ oder „Laura Jane“ loszulassen.

Melancholie als steter Begleiter
Das gelingt im Kollektiv seit Jahrzehnten, bei der womöglich letzten großen Wien-Show aber natürlich ein bisschen besser. Mit dem Dolch der Endlichkeit im Rücken wirken Künstler und Publikum noch besser aufeinander gestimmt, noch konzentrierter und zueinander zugewandter. Dass die Cover-Version „Sophia Loren“ von den derzeit angesagten Pseudo-Schlagerkünstlern Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys eher zum Bauchfleck wird und der zweite Teil der Show mit seinem rasanten Medley-Charakter ein wenig überstürzt abgespult wirkt, ist zugunsten der Gesamtsituation mehr als verschmerzbar. In Howard Carpendales Sätzen und Zusammenfassungen schwingt unweigerlich der Wind des nahenden Endes mit sich, oft wirken seine Subsummierungen und Anekdoten melancholischer, als sie sollten. Doch Carpendale braucht die Bühne so, wie sie ihn braucht. Und wenn es künftig nur noch für häufigere Einzelshows der Fall sein sollte. Der Künstler ist jedenfalls untrennbar mit seiner Kunst und der Kunstausstattung verwachsen.

Dankbarkeit als Ehrensache: Der Künstler freut sich sichtlich über den ungebrochenen Zuschuss, ...
Dankbarkeit als Ehrensache: Der Künstler freut sich sichtlich über den ungebrochenen Zuschuss, der auch mit den Jahren nicht abnahm.(Bild: Andreas Graf)

Sommershow in Mörbisch
Ein Wiedersehen in Österreich gibt es sogar noch in diesem Jahr. Der am 18. April in Hamburg endenden Abschiedstour schickt Howie zumindest noch ein Set an Sommer-Open-Air-Shows nach. Am 20. Juli ist auf der Seebühne im burgenländischen Mörbisch zu sehen. Unter www.oeticket.com gibt es noch Karten und alle weiteren Informationen zum – vielleicht – wirklich letzten Österreich-Auftritt des Kultstars.

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