Österreich-Premieren auf der Diagonale in Graz: Ruth Beckermanns „Wax & Gold“, Massoud Bakhshis „All My Sisters“ und „A Russian Winter“ von Patric Chiha rittern um den Preis für den besten Dokumentarfilm. Am Montag werden die Auszeichnungen verliehen.
Der Krieg im Iran macht diese Dokumentation hochaktuell: Für „All My Sisters“ hat Massoud Bakhshi seine Nichten Mahya, Zahra und Maleka 18 Jahre lang mit der Kamera begleitet. Es sind intime Aufnahmen aus einem Familienalbum: Kleinkinder, die Kassetten in Rekorder einlegen, tanzen und Barbiepuppen geschenkt bekommen. Schulkinder, die ihre Kopftücher anlegen. Teenager, die zwischen den strengen Vorstellungen der Großmutter und des Staates um kleine persönliche Freiheiten ringen. 2022 hören sie die Rufe „Frau, Leben, Freiheit“ aus ihren Smartphones, die ihre Gesichter im dunklen Zimmer erleuchten, und schreien sie wenig später selbst vom Dach eines Hochhauses.
Eigentlich hätte Bakhshi nach Graz reisen sollen, aber zu ihm wie zu seiner ganzen Familie ist der Kontakt mit dem Krieg abgebrochen – man weiß nur, dass sie zu Fuß aus Teheran flüchten mussten. Nicht nur aufgrund der aktuellen Lage ist „All My Sisters“ der Film der Stunde – er ist eine einfühlsame Coming-of-Age-Dokumentation, die ihre Protagonistinnen ermächtigt und ernst nimmt.
Der Kaiser und sein Erbe
Für „Wax & Gold“ reiste Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann nach Äthiopien, um die Spuren des letzten Kaisers Haile Selassie (1892–1975) zu erkunden. Inspiriert vom Buch „König der Könige“ von Ryszard Kapuściński beginnt sie im Hilton-Hotel zu forschen: ein luxuriöser Tempel, der Ende der 60er-Jahre für den Aufbruch der afrikanischen Nation stand.
(Leider) erst ganz am Ende, nachdem Studenten über die Lage der Nation berichtet haben, entfernt sich die Kamera aus der Hotelanlage und fährt durch die Straßen der Millionenstadt, deren Gesicht sich vor allem dank Geldes aus Asien rasant verändert. Halie Selassie erweist sich als dankbare – vielen wohl auch völlig unbekannte – historische Figur, von der aus sich über Luxus und Armut, über den Aufbruch und das Zurückbleiben erzählen lässt. „Wax & Gold“ eröffnet Perspektiven nicht nur über die Geschichte Äthiopiens, sondern auch über den europäischen Faschismus und Kolonialismus, bleibt aber doch zu sehr im Elfenbeinturm.
Junge Russen im Exil
Regisseur Patric Chiha widmet sich in seinem neuesten Film „A Russian Winter/Un hiver russe“ jungen russischen Exilanten. Eine nicht unumstrittene Perspektive, denn seine Protagonisten Margarita und Yuri sind nicht Opfer, wie die Menschen in der Ukraine es sind, sie sind auch keine Regimekritiker, sondern junge Menschen, die in Putins Regime nicht mehr leben konnten.
Ihr Leben ist geprägt von Ungewissheiten und Kontrasten: Margarita wartet in Istanbul auf ein französisches Visum. Während die beiden im sanften Sonnenlicht in einem Pariser Park im Gras liegen, erzählt Yuri von seinem im Krieg gefallenen Vater. Gespräche wechseln sich ab mit fast psychedelisch anmutenden Aufnahmen von Winterlandschaften und Häuserfassaden. Chiha findet Bilder, die wie aus dieser Welt wirken – etwa die bunten Gesichter von Partygästen – und doch werden seine Protagonisten nie zu hundert Prozent greifbar oder gar sympathisch.
Am Montag um 18 Uhr werden im Annenhof-Kino in Graz die Preise der Diagonale verliehen.
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