Nachdem eine türkische Familie in Hall in Tirol vor ihrer Wohnungstür einen Schweinskopf und eine antimuslimische Botschaft fand, kommen aus mehreren Richtungen Forderungen nach Maßnahmen. Die Ermittler halten sich währenddessen bedeckt.
Knapp eine Woche, nachdem einer muslimischen Familie ein Schweinskopf vor die Tür gelegt wurde, ist die Betroffenheit weiter groß. „Das hat uns sehr schockiert und damit haben wir nicht gerechnet“, sagt etwa Metin Doganer vom Vorstand der Haller Zweigstelle der türkisch-islamischen Union (ATIB). In der Sozial- und Kulturorganisation habe man von ähnlichen Fällen bisher nur gehört, „in Hall hatten wir so etwas noch nicht“.
Eigentlich habe die türkisch-islamische Community in Hall ein gutes Standing. „Wir haben eine super Beziehung mit der Stadtgemeinde und diversen Organisationen.“
Wir haben jetzt den Fastenmonat Ramadan und gleichzeitig die christliche Fastenzeit. Eigentlich sollte das eine schöne Zeit für beide Gruppen sein.
Metin Doganer, Vorstandsmitglied ATIB Hall in Tirol
Doganer erwähnt auch das Verhältnis mit der Kirche, das gut sei. „Wir haben den Fastenmonat Ramadan und gleichzeitig die christliche Fastenzeit. Eigentlich sollte das eine schöne Zeit gemeinsam sein“, ruft er in Erinnerung. Jetzt habe man in der Community zwar nicht direkt Angst, „ich finde es aber schon erschütternd“.
Versäumnisse von Politik und Behörden kritisiert
Nach wie vor Angst aber hat die Familie, die den grausigen Fund machen musste. Orhan Gurcan von ADIF Innsbruck, der Vereinigung demokratischer Arbeiter aus der Türkei in Österreich, steht mit ihr in Kontakt. In seinen Augen ist die Politik gefordert, betreibe mit Forderungen wie dem Kopftuchverbot Spaltung. „Seitdem spüren wir den Rassismus in der Gesellschaft noch mehr“, findet Gurcan.
Müssen wir warten, bis jemand umgebracht oder angezündet wird? Die Familie hat Angst.
Orhan Gurcan, ADIF Innsbruck
Zudem würden die Behörden solche Vorfälle häufig verharmlosen. „Müssen wir warten, bis jemand umgebracht oder angezündet wird?“ Wie berichtet, widerspricht die Polizei den Vorwürfen, betont, dass sie in dem konkreten Fall noch am selben Tag Anzeige erstattet habe und bemüht sei, den Sachverhalt umfassend aufzuklären.
Wie geht Polizei mit politischen Taten um?
LA Zeliha Arslan fordert zum einen eine Aufstockung finanzieller Mittel: „Aktuell finanziert die Landesregierung der Antirassismusarbeit Tirol nur eine Teilzeitstelle, die für ganz Tirol zuständig ist.“ Zum anderen würden rassistische Schmierereien und Ähnliches häufig nur als Vandalismus dokumentiert. Die Grünen kündigten einen Antrag an, wonach künftig automatisch auf politisch motivierte Vorfälle geprüft werden soll.
Laut einer Sprecherin der Polizei geschieht dies jedoch bereits. Eine politisch motivierte Schmiererei werde nicht nur als Sachbeschädigung, sondern auch – zum Beispiel – als Verstoß gegen das Verbotsgesetz verzeichnet. „Jeder Fall wird einzeln bewertet und im Hintergrund erfasst.“
Die Tiroler Grünen warnen, dass rassistische und antimuslimische Vorfälle zunehmen. Das bestätigt ein Blick in die Statistik der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst: Die Verfassungsschützer verzeichneten in Österreich 2024 insgesamt 1486 rechtsextremistische, fremdenfeindliche bzw. rassistische, islamfeindliche, antisemitische und ähnliche Taten – ein Anstieg von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 81,5 Prozent der in dem Zusammenhang angezeigten Personen waren österreichische Staatsbürger.
Wohl kein Zusammenhang mit Nazi-Schmierereien
In Hall wurden zuletzt nahe dem Jugendzentrum Wände mit Naziparolen beschmiert. Bürgermeister Christian Margreiter geht aber davon aus, dass diese Täter mit dem Schweinskopf nichts zu tun haben: „Ich glaube eher, dass da wirklich hasserfüllte Menschen am Werk waren.“ Die Polizei spricht ebenfalls von zwei „eigenständigen Fällen“. Am Mittwoch wollte sie aus taktischen Gründen keine neuen Erkenntnisse teilen.
Indes findet kommenden Dienstag in Hall eine Kundgebung unter dem Motto „Stopp Rassismus“ statt.
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