Nach dem Rücktritt des ORF-Generaldirektors wurde Ingrid Thurnher am Donnerstag in einer turbulenten Sitzung zur vorläufigen Chefin des Staatsfunks ernannt. Die Umstände seien „alles andere als erfreulich“, sagte sie in einer ersten Stellungnahme.
Jetzt liegt die Zukunft von Roland Weißmann in den Händen von Ingrid Thurnher: Einstimmig wurde das ORF-Urgestein in der Sitzung des Stiftungsrats mit der vorläufigen Geschäftsführung des Öffentlich-Rechtlichen betraut – und damit entscheidet sie auch über Weißmanns weitere Rolle im ORF. Denn er ist weiterhin dort beschäftigt, daran änderte sein Rücktritt als Generaldirektor wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung nichts.
Das war aber auch schon der einzige Punkt, in dem man sich am Donnerstag in einer langen und hitzigen Sitzung einig war. Die „Krone“ war vor Ort: Schon zu Beginn attestierte FP-Rat Peter Westenthaler dem Küniglberg eine „Diktatur“, kündigte einen „Tag der Abrechnung“ an und erklärte: „Der Ruf des ORF ist angeschlagen, wenn nicht zerstört.“ Weißmann habe ein Recht darauf, seine Sicht darzustellen. Dieser war jedoch nicht anwesend. Nach der Darlegung der Vorwürfe war Westenthaler aber sichtlich schockiert und bezeichnete sie als „grauslich“: „Das ist starker Tobak. Das geht so nicht, was da passiert ist.“ Ein strafrechtlicher Tatbestand sei dennoch nicht gegeben.
Und: „Der Vorsitzende Heinz Lederer hat dem ORF durch sein fehlerhaftes Verhalten Kosten verursacht. Denn er hat die Chance auf eine sofortige Entlassung von Weißmann verwirkt, die nach Bekanntwerden der Vorwürfe möglich gewesen wäre.“ Das sah der SP-Vorsitzende freilich anders: „Wir haben Rede und Antwort gestanden.“ Er sei hauptsächlich froh, dass Thurnher einstimmig angenommen wurde.
„Das jetzige Bild vom ORF haben sich die 4000 Mitarbeiter nicht verdient“
Die neue Generaldirektorin sagte sichtlich emotional: „Ich übernehme diese Aufgabe mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist es eine unglaubliche Ehre, dieses Unternehmen leiten zu dürfen. Andererseits sind die Umstände alles andere als erfreulich. Wichtig ist mir, zu sagen: Das Bild, das es jetzt vom ORF gibt, haben sich die 4000 Mitarbeiter nicht verdient. Klar ist: Künftig gibt es im ORF nur volle Transparenz mit aller Konsequenz. Denn Macht bedeutet Verantwortung. Das Wichtigste ist, das Vertrauen des Publikums zurückzugewinnen.“
Sie werde sich auch dafür bewerben, den Rest des Jahres den Posten zu bekleiden. Auch zur Bewerbung für die neue Periode ab 2027 sagte sie nicht Nein.
Thurnher: Von der TV-Ansagerin bis zum ORF-Chefsessel
Die 63-jährige Thurnher ist eines der bekanntesten Gesichter des ORF und ließ in ihrer 40-jährigen Karriere kaum eine Station im größten Medienhaus des Landes aus. Der Weg der Vorarlbergerin führte sie von der TV-Ansagerin, dem NÖ-Landesstudio und der Innenpolitikredaktion beim Hörfunk über Moderationen in der „ZiB“, „ZiB 2“ sowie „Im Zentrum“ bis zur Chefredakteurin bei ORF III und schließlich zur Radiodirektion.
Der ORF-Stiftungsrat habe sich für sie entschieden, weil sie die „öffentlich-rechtliche DNA“ in sich trage. Sie habe stets die Unabhängigkeit an oberste Stelle gesetzt und sei eine hervorragende Chefredakteurin und Direktorin gewesen, hieß es bereits am Mittwoch bei einem Pressegespräch des Stiftungsratsvorsitzenden Lederer und seines Stellvertreters Gregor Schütze.
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