Mit Alban Bergs „Wozzeck“ schenkt Regisseur Evgeny Titov der Grazer Oper ein Ereignis. Auch das Orchester unter Dirigent Vassilis Christopoulos und das fantastische Ensemble sorgen für einen verstörenden und tief berührenden Abend, der nicht nur hiesige Maßstäbe sprengt.
Der Mensch auf seine nackte Existenz zurückgeworfen, ausgeliefert seinen Trieben und Begierden, die sich in seinem jeweiligen Gegenüber manifestieren. Das ist das Bild, das Regisseur Evgeny Titov in seiner „Wozzeck“-Inszenierung für die Grazer Oper von Anfang an heraufbeschwört.
Die Gesellschaft tanzt bei ihm nicht mehr am Abgrund, längst ist sie diesen hinabgetaumelt, und das Menschliche ist dabei auf der Strecke geblieben. In grotesker Übersteigerung lebt sie die niedrigsten Triebe aus, verwandelt sich auch optisch (dank Klaus Bruns‘ schaurig-schöner Kostüme) in obszöne Karikaturen.
Einzig die Titelfigur Franz Wozzeck kommt noch menschlich daher. Zu Beginn schon nackt und der Willkür seiner Umwelt ausgeliefert, verliert auch er mehr und mehr den moralischen Anker, bis er schließlich die ihm untreue Marie in einem (stilisierten) Blutrausch ersticht.
Eine düstere Welt, in der es nie Tag wird
Titov zeigt die ohnehin düstere Handlung durch Blackouts in kurze Szenen unterteilt. Gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Gideon Davey siedelt er diesen Malstrom der Entmenschlichung in einer postapokalyptischen Szenerie an, einem finsteren, abgestorbenen Wald voller Flechten, in dem es nie Tag wird. Liebe hat da keinen Platz; Gier, Wollust, Maßlosigkeit übernehmen das Zepter. Eine beängstigende Dystopie, die uns jedoch schon sehr nahe gerückt ist.
Selbst Marie, der Annette Dasch spielerisch wie stimmlich eine unglaubliche Intensität und Dramatik verleiht, ist hier nicht das unschuldige Opfer der Umstände. Dass sie für ihre selbstbewussten Entscheidungen mit dem Leben bezahlt, ist heute aktueller denn je.
Daniel Schmutzhard als Wozzeck ist ein Erlebnis. Sein Schmerz ist nicht nur hör-, sondern spürbar, die Ausweglosigkeit, in der er steckt, beklemmend. Das funktioniert freilich nur mit starken Gegenspielern wie Matthias Koziorowski als glitzernder Tambourmajor, dessen Heldentenor machtvoll schmettert, oder Thomas Ebenstein als sadistischer Hauptmann und Daeho Kim als Doktor, dem das Experiment über die Menschlichkeit geht.
Ted Black überzeugt als Andres, Neira Muhic als Margret; die Handwerksburschen Will Frost und Wilfried Zelinka oder Martin Fournier als Narr mit Totenkopf kann man als Edelbesetzung für die kleinen Rollen ansehen.
Musikalische Wucht aus dem Orchestergraben
Und wäre dieses düstere Szenario nicht schon genug, kommt aus dem Orchestergraben eine überwältigende Wucht. Die Grazer Philharmoniker erzeugen unter Vassilis Christopoulos eine scharfkantige Klanglandschaft voller Klippen und tiefer Gräben, eine aufrüttelnde, atemberaubende Stimmung, die Titovs Bildern zusätzliche Tiefen verleiht.
Zeitgemäßer, mitreißender, berührender, ja kathartischer kann Oper kaum sein. Unbedingt anschauen!
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