Expertin bremst:

Längere Volksschule allein löst das Problem nicht

Innenpolitik
12.02.2026 07:16
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Von krone.at

Die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg erst mit zwölf statt mit zehn Jahren – das klingt nach weniger Druck für Kinder und Eltern. Genau das soll eine sechsjährige Volksschule bringen, wie sie in Wien in einem Pilotprojekt erprobt werden soll. Doch ob damit auch mehr Chancengerechtigkeit erreicht wird, ist für Bildungsforscherin Barbara Schulte alles andere als ausgemacht.

Grundsätzlich hält die Bildungswissenschafterin die Verlängerung der Volksschule für „eine gute Idee“. Für den individuellen Entwicklungsweg sei es positiv, wenn Kinder später als bisher auf Mittelschule und AHS aufgeteilt würden, sagte die Leiterin des Arbeitsbereichs für international vergleichende Schul- und Bildungsforschung an der Universität Wien.

Der derzeitige Übertritt nach vier Jahren bedeute für viele Kinder Stress – kaum hätten sie sich in der Volksschule eingelebt, stehe bereits der nächste Schulwechsel an. Zudem passiere in diesem Alter besonders viel in der Entwicklung.

Minister Wiederkehr möchte das Schulsystem umkrempeln, wie gut das gelingen wird, muss sich erst ...
Minister Wiederkehr möchte das Schulsystem umkrempeln, wie gut das gelingen wird, muss sich erst noch zeigen.(Bild: Eva Manhart)

Bloße Umstellung „relativ wenig Sinn“
Geht es allerdings um das erklärte Ziel von Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS), die Chancengerechtigkeit zu erhöhen, sieht Schulte in einer bloßen Systemumstellung „relativ wenig Sinn“. An der teils schlechten ethnischen und sozialen Durchmischung der Schulen, vor allem in Städten, würde eine Verlängerung wenig ändern. Schon jetzt würden bildungsaffine Eltern bestimmte Volksschulen meiden, um den Bildungsweg ihrer Kinder zu „optimieren“.

Auch der in Österreich besonders starke Einfluss des Elternhauses auf die Bildungschancen lasse sich durch zwei zusätzliche Volksschuljahre allein nicht verringern. Es reiche nicht, die Volksschule von vier auf sechs Jahre auszudehnen oder ein Gesamtschulkonzept einzuführen, wenn sonst alles gleich bleibe, betonte Schulte.

Braucht auch mehr Personal
Die Expertin plädiert daher für ein „ganzheitliches Konzept“. Konkret schlägt sie vor, auch die letzten beiden Kindergartenjahre mitzudenken und Kinder mit Förderbedarf über insgesamt acht Jahre hinweg systematisch intensiv zu unterstützen. Dafür brauche es nicht nur mehr Lernhilfe, sondern auch zusätzliches Unterstützungspersonal, etwa aus der Schulpsychologie. Lehrerinnen und Lehrer seien tagtäglich mit sehr komplexen Problemen konfrontiert und bräuchten mehr Unterstützung.

Vor einem Umbau des Systems sei jedenfalls ein durchdachtes pädagogisches Konzept nötig. Zudem stelle sich die praktische Frage, wo die zusätzlichen Jahrgänge untergebracht werden sollen. Die Erarbeitung neuer Konzepte und organisatorische Anpassungen seien mit erheblichem Aufwand verbunden. Den Ansatz, die sechsjährige Volksschule zunächst im Rahmen eines Pilotprojekts zu testen, unterstützt Schulte ausdrücklich – verbunden mit der Hoffnung, „dass man noch weiter denkt“.

Die Karte zeigt die Dauer der Grundschule in den EU-Ländern. In Österreich und mehreren Nachbarländern dauert die Primarstufe 4 Jahre. In vielen süd- und osteuropäischen Ländern sind es 5 Jahre, in Skandinavien, Frankreich und Portugal 6 Jahre. In Dänemark dauert die Grundschule 7 Jahre. In Berlin-Brandenburg dauert sie in Deutschland 6 Jahre, sonst 4 Jahre. Quelle: EU-Kommission.

Vier Jahre Volksschule eher selten in Europa
Ein Blick in andere EU-Staaten zeigt, dass Österreich mit seiner vierjährigen Volksschule eher zur Minderheit zählt. Laut dem Bildungsnetzwerk Eurydice dauert die Primarstufe in 14 von 27 EU-Ländern sechs Jahre. Eine vierjährige Volksschule gibt es neben Österreich nur in sechs weiteren Staaten. Ein direkter Zusammenhang zwischen der Dauer der Primarstufe und einem Gesamtschulsystem besteht allerdings nicht.

In Österreich stehen die Planungen für mögliche Modellregionen noch ganz am Anfang. Sowohl im Bund als auch in Wien wird betont, dass pädagogische und organisatorische Fragen erst geklärt werden müssten. Die Debatte über die sechsjährige Volksschule ist damit neu entfacht – ob sie zu einer grundlegenden Reform führt, bleibt offen.

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