Gewalt in Vietnam

Antichinesische Proteste fordern zahlreiche Tote

Ausland
15.05.2014 13:31
Bei den schwersten antichinesischen Protesten seit Jahren in Südvietnam sind in der Nacht auf Donnerstag nach Angaben eines Arztes mindestens 20 Menschen getötet worden. Rund 500 Menschen seien nach den Ausschreitungen festgenommen worden, teilte die Polizei mit. Die Proteste hatten sich gegen chinesische Ölbohrungen in einem von beiden Ländern beanspruchten Gebiet im Südchinesischen Meer gerichtet. Die Regierung in Peking äußerte ihre "ernste Besorgnis" über die Vorfälle.

"Rund 100 Personen sind gestern Nacht eingeliefert worden", erklärte der Mediziner am Donnerstag. "Die meisten von ihnen waren Chinesen. Auch heute kamen neue Patienten." Am Mittwoch war es im Süden des Landes bereits den zweiten Tag in Folge zu schweren Ausschreitungen gekommen. Die Übergriffe hatten chinesische oder von Chinesen geleitete Fabriken zum Ziel, die Verdächtigen seien auf frischer Tat bei Brandstiftungen und Plünderungen in mehreren Fabriken gefasst worden, teilte die Polizei der Provinz Binh Duong mit.

Spezialeinheiten vor Ort
Zehntausende Arbeiter waren dort am Dienstag auf die Straße gegangen. Eine kleine Gruppe habe dann laut den Behörden begonnen, Wachleute und Fabrikmanager anzugreifen. Anschließend seien mindestens 15 Gebäude in Brand gesetzt worden. Die Polizei schickte Spezialeinheiten in die Region, um weitere Ausschreitungen zu verhindern. "Diejenigen, die die Lage ausgenutzt haben, um Unruhen anzuzetteln, werden hart bestraft", hieß es.

Auch Produktionsstätten taiwanesischer oder südkoreanischer Unternehmer wurden attackiert, die offenbar versehentlich für Chinesen gehalten wurden. Mehrere Fabriken mussten ihren Betrieb zeitweise einstellen, auch mehrere taiwanesische, japanische und südkoreanische Unternehmen in der Region schlossen vorsorglich ihre Fabriken.

Hunderte Chinesen nach Kambodscha geflohen
Hunderte Chinesen sind bereits vor der Gewalt in den Industriezonen ins Nachbarland Kambodscha geflohen. Ein Sprecher der kambodschanischen Polizei sagte, mehr als 600 Chinesen hätten bei Bavet die Grenze überquert. Sie seien in Gästehäusern und Hotels untergebracht worden. "Wenn sich die Situation wieder beruhigt hat, werden sie vermutlich nach Vietnam zurückkehren oder woandershin ausreisen", sagte er. Bavet liegt an der Fernstraße von Ho-Chi-Minh-Stadt, dem früheren Saigon, in die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh.

Auf dem Flughafen von Ho-Chi-Minh-Stadt drängten sich zahlreiche Chinesen, die einen der ersten Flüge nach China, Malaysia, Kambodscha, Taiwan oder Singapur erwischen wollten. "Wir wollen nur schnell Vietnam verlassen", sagte ein Mann, der für ein Stahlwerk arbeitete und ein Ticket nach China ergattert hatte. "Egal ob nach Thailand oder Kambodscha - Hauptsache raus aus Vietnam."

Peking "ernsthaft besorgt"
Die chinesische Regierung äußerte ihre "ernste Besorgnis" über die Vorfälle. Peking fordere die vietnamesische Regierung auf, die Ausschreitungen zu stoppen und die Täter zur Verantwortung zu ziehen, sagte Außenamtssprecherin Hua Chunying am Mittwoch. Die Sicherheit chinesischer Bürger und Unternehmen in Vietnam müsse gewährleistet sein. Auch Taiwans Außenminister David Lin verurteilte die Gewalt und rief Hanoi auf, die Sicherheit seiner in Vietnam beschäftigen Landsleute zu garantieren.

Beobachter vermuten, dass die vietnamesische Regierung in Hanoi die Proteste der Bevölkerung bewusst zulässt und damit ihre eigene Empörung über das chinesische Vorgehen zum Ausdruck bringt. Normalerweise werden Demonstrationen in Vietnam von den Sicherheitsbehörden unterbunden, zuletzt wurden aber mehrere gegen China gerichtete Kundgebungen zugelassen.

Jahrzehntelanger Streit
China und Vietnam streiten sich seit Jahrzehnten um Inseln im Südchinesischen Meer. Der Konflikt hatte sich Anfang Mai zugespitzt, als Peking eine Tiefseebohrplattform vor die Paracel-Inselgruppe verlegte. Hanoi schickte Schiffe in die Gegend, die dort nach eigenen Angaben von chinesischen Schiffen angegriffen und gerammt wurden. China warf seinerseits den vietnamesischen Schiffen vor, seine Schiffe Dutzende Male gerammt zu haben.

Im Südchinesischen Meer kommt es im Streit um überschneidende Gebietsansprüche immer wieder zu Zwischenfällen. China beansprucht fast das gesamte Seegebiet für sich, auf dessen Grund große Rohstoffvorkommen vermutet werden. Doch auch andere ASEAN-Mitglieder, allen voran Vietnam und die Philippinen, erheben Ansprüche.

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