Wer flog MH370?

Ein Hobbyheimwerker und ein Charmeur im Cockpit

Ausland
16.03.2014 15:57
Wer hat Flug MH370 vorsätzlich manipuliert und stundenlang weitergeflogen? Terroristen im Stil der Anschläge auf New York und Washington 2001, die eigens das Fliegen gelernt hatten? Bisher sind jedoch nur zwei Männer an Bord bekannt, die eine Boeing 777 fliegen konnten: der Pilot und der erste Offizier. Mittlerweile wird offiziell wegen Entführung, Sabotage und Terrorismus ermittelt - und dabei zu immer ausgefalleneren Maßnahmen gegriffen, um die vermisste Maschine endlich zu finden. Ein hochrangiger malaysischer Militärvertreter verglich die Suche zuletzt gar mit einer "Mission zum Mond".

Der Pilot Zaharie Ahmad Shah (52) hat nach Angaben der Airline seine ganze Berufslaufbahn bei Malaysia Airlines absolviert. In 33 Dienstjahren kam der glatzköpfige Kapitän auf 18.365 Flugstunden. Privat kommt der Mann in im Internet selbst geposteten Videos, wie in Filmen, die seine Freunde und Verwandten hochgeladen haben, als jovialer, sympathischer "Mann von nebenan" rüber, etwa als begeisterter Heimwerker.

"Hallo Leute, wir sind hier im Haus meines Sohnes, und hier ist ein undichtes Fenster", sagt Shah in einem Video und erklärt dann, wie man Fenster dichten kann. "Dieses Video zeigt euch, wie ihr die Stromrechnung reduzieren könnt", sagt er in einem anderen Video über die Optimierung von Klimaanlagen direkt in die Kamera. Zu sehen ist er dabei vor dem Flugsimulator, den er zu Hause hatte.

Eigener Simulator im Wohnzimmer
Was macht ein Pilot, der so viel Flugerfahrung hat, mit einem Simulator? "Er wollte Freunde an der Lust am Fliegen teilhaben lassen", zitiert die Zeitung "South China Morning Post" den Freund, Peter Chong. "Mich hat er auch öfter eingeladen, es auszuprobieren, aber ich bin nie dazu gekommen." Jeder Pilot könne seinen Hobbys frei nachgehen, sagte Malaysia-Airlines-Chef Ahmad Jauhari Yahya auf die Frage, wieso der Pilot einen Simulator zu Hause hatte. Mittlerweile wurde der Simulator von den Ermittlern abgebaut und mitgenommen. "Wir haben das Gerät in unseren Büros wieder aufgebaut und Experten untersuchen es jetzt", sagte der Polizeichef Khalid Abu Bakar am Sonntag in Kuala Lumpur.

Shah ist nach malaysischen Medienberichten verheiratet und hat drei erwachsene Kinder sowie ein Enkelkind. Er gilt als leidenschaftlicher Hobbykoch. Freunde und Verwandte haben eine Fotokollage als Video hochgeladen. "Dies ist Onkel Ari", heißt es da. Zu sehen ist Shah als Passagier, Shah mit Modellflugzeug und vor allem: Shah als Familienmann, in jungen Jahren mit Schnauzer und schwarzen Haaren, später glatt rasiert und haarlos. Shah sei Mitglied der Gerechtigkeitspartei, die die seit der Unabhängigkeit regierende Koalition bei Wahlen immer mehr bedrängt, zitierte die "South China Morning Post" Chong, der selbst für einen Abgeordneten der Partei arbeitet.

Co-Pilot "war ein guter Sohn"
Auch der erste Offizier Fariq Abdul Hamid (27) war von Anfang an bei Malaysia Airlines, er startete seine Karriere dort nach Angaben der Fluggesellschaft vor sieben Jahren. Der Co-Pilot von Flug MH370 hat 2.763 Flugstunden hinter sich und war erst vor kurzem auf die Boeing 777 umgestiegen. Er sei der Sohn eines einflussreichen Beamten, schrieb die Lokalpresse, eines von fünf Kindern, und wollte bald heiraten. "Er ist ein guter Sohn, folgsam, fromm und er respektiert die Älteren", zitierten Lokalmedien seine Großmutter Halimah Abdul Rahman (84).

Vergangene Woche machten Berichte über Hamid und seine Flirtereien mit zwei jungen Frauen im Cockpit Schlagzeilen. Die in Australien lebende Südafrikanerin Jonti Roos berichtete, bei einem Flug von Phuket in Thailand nach Kuala Lumpur 2011 hätten Hamid und sein Kollege sie am Flugsteig schon ins Cockpit eingeladen. "Wir waren die ganze Zeit dort, vom Start bis zur Landung", berichtete sie. Das ist nach internationalen Luftverkehrsrichtlinien streng verboten. "Wir sind schockiert", war die Reaktion der Airline. Sie werde die Berichte untersuchen.

Hamid war erst vor Kurzem von dem US-Sender CNN im Cockpit gefilmt worden. CNNs Luftfahrtexperte Richard Quest beobachtete - mit Genehmigung von Malaysia Airlines - im Cockpit, wie Hamid von einem erfahrenen Piloten angeleitet wurde, eine 777 in Hongkong auf die Landebahn zu setzen. "Eine perfekte Landung" kommentierte der Trainer-Pilot anschließend.

Mögliche Route "nachgeflogen"
Mittlerweile ermittelt die Polizei Malaysias offiziell wegen Entführung, Sabotage und Terrorismus. Man konzentriere sich laut Angaben des Polizeichefs besonders auf die Besatzung und die Passagiere. Am Sonntag hatte es zudem geheißen, eine mit der Maschine identische Boeing 777 sei die vermutete Flugroute abgeflogen und habe dabei zu Testzwecken verschiedene Richtungswechsel ausgeführt. Nur kurze Zeit später korrigierte die Nachrichtenagentur AFP ihre Meldung allerdings. Es sei demnach lediglich eine mögliche Route in einem Flugsimulator nachgestellt worden.

Die Aktion sei in den vergangenen Tagen vonstatten gegangen, um die Übereinstimmung der Radar- und Satellitendaten des Simulators mit jenen des verschollenen Flugzeugs abzugleichen. Das Ergebnis stütze nun die Annahme, dass Flug MH370 von seinem planmäßigen Kurs über das Südchinesische Meer abgewichen, über die Malaysische Halbinsel geflogen und weiter in nordwestlicher Richtung auf die Andamanensee zugesteuert sei.

Suche nach Boeing schwierig wie "Mondmission"
Anhand der gewonnenen Daten "können wir nun abschließend sagen, in welche beiden möglichen Richtungen die Maschine geflogen ist, und haben unsere Such- und Bergungsaktivitäten entsprechend an diese zwei neuen Gebiete angepasst", sagte ein namentlich nicht genannter ranghoher malaysischer Militärvertreter. Die logistischen Anstrengungen der Ermittler verglich der anonyme Informant mit einer "Weltraummission zum Mond". Rückblickend würden die laufenden Ermittlungen nach seinen Worten vermutlich sogar "noch herausfordernder" sein. Damit gab der Militärvertreter indirekt der Regierung des Inselstaates und der betroffenen Fluggesellschaft Rückendeckung - die ihre zögerliche Informationspolitik mit aufwendigen Datenüberprüfungen gerechtfertigt hatten.

Das Kommunikationssystem ACARS war nach dem Start noch kurz vor der Ostküste Malaysias deaktiviert worden, das zweite Gerät, der Transponder, wenig später, erklärte unterdessen der malaysische Ministerpräsident Najib Razak. "Diese Schritte lassen auf eine absichtliche Handlung von jemandem an Bord schließen." Die ACARS-Datenübermittlung wurde damit noch vor dem letzten Sprechkontakt unterbrochen, der erst kurz vor dem vietnamesischen Luftraum stattfand. "Okay, gute Nacht", kam aus dem Cockpit - ob dies einer der Piloten oder jemand anders sagte, blieb allerdings unklar.

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