Günter Bucher:

„Da war so viel Herzblut drin“

Vorarlberg
29.10.2025 10:45

Autor Robert Schneider besuchte Verleger und Kunstschaffenden Günter Bucher: Daraus entstand ein spannendes Gespräch über Literatur und das Element des Gestaltens

Für Günter Bucher war ein Buch nie nur Gebrauchsgegenstand, den man ausgelesen und zerfleddert ins Regal stellt. Für ihn besitzt das Buch an sich einen künstlerischen Eigenwert. Der legendäre Vorarlberger Verleger hat aus Büchern Kunstwerke gemacht und wurde dafür oft bepreist. So haben seine Publikationen den unter Grafiker hoch begehrten „Red Dot Design Award“ gewonnen, und mehr als einmal wurden die Erzeugnisse aus der hauseigenen Druckerei mit dem Staatspreis für „Schönste Bücher Österreichs“ prämiert. Das hängt damit zusammen, dass Bucher nicht nur ein leidenschaftlicher Leser ist, sondern gelernter Grafiker und Maler. Er hat an der Akademie der bildenden Künste bei Gunter Damisch studiert, unzählige in- und ausländische Ausstellungen bestritten. In der Malerei, in seinen Radierungen, Lithografien und Holzschnitten, haben ihn vor allem die strukturellen Sichtweisen auf die dargestellten Inhalte fasziniert. Das Mikroskopische im Makroskopischen zu erkennen, verblüffende Zusammenhänge und Analogien zwischen dem ganz Kleinen und ganz Großen aufzuzeigen.

Günter Bucher ist nicht nur Verleger, sondern macht auch selbst Kunst – und das vermutlich bis ...
Günter Bucher ist nicht nur Verleger, sondern macht auch selbst Kunst – und das vermutlich bis ans Lebensende.(Bild: Mathis Fotografie)

Er hat mehr als ein Dutzend Schrifttypen entworfen. Launige, aber grafisch hoch gekonnte Metamorphosen über bestehende Typen. So gibt es eine „Bucher Georgianna“, eine „Bucher Corbusier“ oder eine „Bucher Vergilius“. Alles Liebeserklärungen an seine geistigen wie künstlerischen Vorbilder. Der radikale Wandel in der Buchbranche, die Digitalisierung sowie die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben auch sein kleines Unternehmen hart getroffen. Im Sommer 2023 schlitterte die Druckerei in die Insolvenz. Eine ganz bittere Pille für den bald Siebzigjährigen, der sich ein Leben lang der Ästhetik des Buches gewidmet hat. Dennoch treffe ich beim Gespräch nicht auf einen verbitterten und mit dem Schicksal hadernden Mann, sondern auf einen Menschen, der über sich sagt, dass er dankbar sei für das, was er gestalten und erreichen durfte.

Robert Schneider: Günter, was war für dich zuerst da, die Kunst oder die Literatur
Günter Bucher: Beides war gleichzeitig in mir, und es war vor allem nicht zu verhindern. Wenn man Künstler ist, ist man Künstler. Dazu rechne ich auch die Literatur oder die Musik. Das ist einfach so und bleibt bis zum Lebensende.

Aber es muss doch so etwas wie einen Impuls gegeben haben, oder?
Natürlich. Mein Vater besuchte die Kunstgewerbeschule in Innsbruck, bevor er in den Krieg musste, war danach Restaurateur und Stoffdesigner. Er war ein wandelndes Kunstlexikon. Wir haben daheim die gesamte Kunstgeschichte, angefangen von den Ägyptern bis zur zeitgenössischen Kunst, sozusagen nebenbei mitbekommen. Im Dornbirner Stadtgymnasium haben mich dann zwei Professoren sehr geprägt, die Laufbahn des Malers und Grafikers einzuschlagen.

Du bist gelernter Industriekaufmann, hast auf der „Angewandten“ in Wien studiert und auf der Universität das Lehramt für Philosophie und Bildnerische Erziehung absolviert.
Ja, aber zuerst habe ich mit vierundzwanzig eine Druckerei gekauft, ohne irgendeine Ahnung davon zu haben, hatte neben dem Studium also einen Fulltime-Job.

Beeinflussten die Studienjahre in Wien deine künstlerischen Arbeiten
Interessanterweise habe ich vor dem Studium genau das Gleiche gemacht wie danach. Aber die Klasse Gunter Damisch war ein Melting Pot. Studierende aus der ganzen Welt. Das war sehr wichtig für mich, nämlich zu sehen, wie Künstler sozialisiert werden, wie sich das auf die Arbeit auswirkt. Jemand, der den Krieg miterlebt hat, macht andere Kunst als jemand, der das nicht kennt.

Man soll einen Künstler ja nie nach der eigenen Interpretation seiner Kunst fragen. Ich tue es trotzdem. Wie würdest du dein Werk beschreiben?
Als Künstler arbeitet man ein Leben lang nur an einem einzigen Werk. Die Trennung geschieht höchstens durch das Format, die Technik usw. Ein wunderbares Beispiel ist Bruno Gironcoli. Von seinen Akademiezeiten bis zum Lebensende war sein Schaffen aus einem einzigen Guss.

Ist die Kunst für dich Ausweg aus den Zwängen dieses Lebens?
In der Kunst erfahre ich völlig andere Wahrheiten als im anderen, bürgerlichen Leben, wo ich von rein profanen Dingen gesteuert bin. Die Wahrheit in der Kunst hat etwas mit Poesie und Ästhetik zu tun. Das geht 24 Stunden am Tag. Noch einmal: Man ist Künstler, auch wenn man nicht direkt am Kunstwerk arbeitet.

Du bist auch leidenschaftlicher Herpetologe, also Reptilienforscher. Schlägt sich das in deiner Malerei nieder?
Der evolutorische Moment hat mich immer sehr fasziniert, die sich wandelnden Ornamente und Formen in der Natur. Es gibt nicht einfach nur ein grünes Blatt. Jede klassische Rosenart hat ihr unverwechselbares Blattgrün, das nur zu ihr gehört. Alle Eidechsen am Liebfrauenberg haben eine je unterschiedliche Rückenzeichnung. Das sind z. B. Inspirationen für meine Kunst.

Bücher für Bucher.
Bücher für Bucher.(Bild: Mathis Fotografie)
Bucher Verlag.
Bucher Verlag.(Bild: Mathis Fotografie)

Jetzt aber zum Verleger Günter Bucher. Was hat dich an diesem Geschäft so interessiert?
Mich haben die Techniken des Buch- und Offsetdrucks immer sehr fasziniert. Die Tätigkeit als reiner Buch-Verleger gab mir allerdings die Freiheit, in meiner Kunst völlig autark zu bleiben und nie unter Druck arbeiten zu müssen. Ich musste nicht um jeden Preis monatlich ein Bild verkaufen. Das hatte natürlich den Effekt, dass ich hierzulande als Künstler wenig Akzeptanz fand. Mein Markt war mehr im Ausland oder in Restösterreich. Für viele ging das einfach nicht zusammen: Künstler sein und gleichzeitig Verleger.

Dir ist es gelungen, dich nicht nur hierzulande, sondern auch im Ausland als kleiner, aber ungemein exquisiter Verlag zu etablieren. Wer bei Bucher verlegt war, durfte seinen Kopf ziemlich hochtragen. Wie hast du das geschafft?
Unser Glück war, dass wir eine Reihe von außergewöhnlich guten Grafikern und Freelancern mit an Bord hatten. Die ersten rund 1000 Titel waren ja reine Kunstbücher. Der Aufwand, den wir betrieben haben, war gigantisch. Allein für ein Buch über Hermann Nitsch flog der Grafiker fünfmal nach Wien, damit es wirklich perfekt wird. Da war so viel Herzblut drin. Aber irgendwann war das alles einfach nicht mehr leistbar.

Die letzte Frage, Günter: Was möchtest du noch in deinem Leben als Künstler schaffen?
Das Schöne ist, dass ich als Künstler ja nie fertig bin. Selbst Picasso hatte noch seinen Bleistift in der Hand, obwohl er vermutlich nichts mehr mitbekommen hatte. Ein Werk ist nie vollendet, darum kann ich es gelassen nehmen, ob ich noch zehn Jahre lebe oder dreißig.

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