Die Urteile waren verstörend. Mehrere Jugendliche hatten vor zwei Jahren ein damals 12-jähriges Mädchen missbraucht. Zwei von ihnen wurden bereits freigesprochen. Anna hätte zwar Nein gesagt, sich letztendlich aber doch zu sexuellen Handlungen überreden lassen.
Kurz fiel mir die äußerst unangenehme Nachbarin meiner Jugendzeit wieder ein. Frau Benesch hatte nämlich das dringende Bedürfnis, uns Mädchen unaufgefordert aufzuklären, weshalb es zu Vergewaltigungen käme: „Diese Flitscherln sind selber schuld, wenn sie mit jedem mitgehen.“ Glücklicherweise hatte die Frau keine eigenen Kinder.
In Berichten war zu lesen, der 17-jährige syrische Jugendliche hätte sein Wissen über Sexualität allein aus dem Internet erworben. Da ihn jedoch sein Vater zur Verhandlung begleitet hat, lebt der Jugendliche offensichtlich auch in Österreich mit einer Familie. Genau das ist der Punkt, über den ich mir inzwischen mehr Gedanken mache als über die Urteile. Welches Frauenbild wurde dem jungen Mann eigentlich von seinem familiären Umfeld vermittelt, wenn das Nein einer 12-Jährigen nicht zählt?
Die Freisprüche haben sich im Übrigen in der syrischen Community wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Welches Signal sendet der österreichische Staat hier aus? Wir müssen sachlich, aber offen über das Bild sprechen, das viele Muslime von westlichen Frauen haben. Sonst heißt es demnächst wieder: Er wusste es eben nicht besser.
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