Nicht erwünscht
Syrische Flüchtlinge werden in der Türkei zum Angriffsziel
Eine der türkischen Städte, in denen syrische Flüchtlinge erneut um ihr Leben fürchten müssen, ist Reyhanli nahe der Grenze zu Syrien. Auf etwa 90.000 Einwohner kommen geschätzte 25.000 Syrer, die auf Hilfe im Nachbarland hoffen. Die Gastfreundschaft hat in Reyhanli jedoch spätestens seit einem Autobombenanschlag am 11. Mai, bei dem 51 Menschen getötet wurden, schwere Risse.
Die Hintergründe des Anschlags sind noch nicht zweifelsfrei geklärt - die Regierung gibt türkischen Linksextremisten mit Kontakten nach Syrien die Schuld. Die Tat soll in Abstimmung mit dem syrischen Geheimdienst verübt worden sein. Diese Vorwürfe machen syrischen Flüchtlingen nun das Leben schwer, sie stehen bei Teilen der türkischen Bevölkerung unter Generalverdacht.
Angriffe auch auf Frauen und Kinder
Als etwa Muafaq Nasan nach der Explosion Verwundete ins Krankenhaus bringen wollte, wurde er von einer Menschenmenge aufgehalten. "Die Leute haben zu schreien begonnen: 'Die Syrer müssen ausgewiesen werden, sie sind verantwortlich'", erzählte der 37-Jährige gegenüber NBC News. Auch syrische Frauen und Kinder seien daraufhin vom Mob verprügelt worden. "Ich hatte mich sicher gefühlt", so Nasan. Nun verlasse er mit seiner Familie kaum noch das Haus.
Türkische Regierung machte Grenze dicht
Die türkische Regierung hat Sicherheitsleute nach Reyhanli abgestellt, um die Gewalt gegen Flüchtlinge einzudämmen. Der Wille, weitere Vertriebene aufzunehmen, scheint jedoch enden wollend. So ließ die türkische Regierung am vergangenen Mittwoch verlauten, die Grenze in Reyhanli werde aus Sicherheitsgründen gesperrt. Zudem kündigte die Regierung an, an der Grenze auf 2,4 Kilometern Länge eine doppelte Mauer zu errichten.
Syrer in Angst, aus dem Haus zu gehen
Die Aktionen könnten auf einem Stimmungswandel innerhalb der türkischen Bevölkerung beruhen. Gangs würden Autos mit syrischem Kennzeichen sogar verfolgen und attackieren, berichteten Flüchtlinge gegenüber NBC News. Auch ein Mann, der nur "Onkel Musa" genannt werden wollte, sagte, das Leben seiner Familie habe sich nicht verbessert: "In Syrien hatten wir Angst, aus dem Haus zu gehen, weil uns das Regime schlagen oder verhaften oder sogar töten könnte. Jetzt haben wir hier das gleiche Gefühl." Sein Herz breche vor allem wegen seiner Kinder, die im Haus gefangen seien.
Viele Türken wollen Syrer verbannen
Einer jener Türken, die sich offen gegen die Flüchtlinge stellen, ist Ayhan Cuneydi Oglu, dessen Restaurant bei der Explosion beschädigt wurde und der dabei einen Verwandten verlor. Es gebe zwar eine Menge "respektierte und ehrenhafte" Syrer, so Oglu, aber um die Gewalt aus dem Land zu verbannen, gebe es nur eine Lösung: "Sie alle - ohne Unterschied - weit weg von hier zu halten. Männer, Frauen und Kinder."
Flüchtlinge in auswegloser Situation
Doch es gibt auch Gegenstimmen. Der Türke Ahmad Khakje zeigte sich entsetzt über die Forderung, die Syrer aus dem Land zu jagen: "Sie sind unsere Brüder", so Khakje zu NBC News. "Sie haben niemanden, der ihnen beisteht." Trotz solcher Helfer überlegt Muafaq Nasan, in sein Heimatland zurückzukehren. "Ich habe Angst um meine Familie, wenn wir nach Syrien zurückkehren, aber ich glaube nicht, dass die Situation hier noch besser wird. Ich ziehe es vor, stattdessen in meinem eigenen Land geschlagen oder getötet zu werden."
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