Die erste umfassende Vergleichsstudie, die nach langem Zaudern am Dienstagnachmittag von der EZB freigegeben wurde, liefert jede Menge Munition für die Verteilungsdebatten im Euro-Raum. Rund zweieinhalb Jahre lang haben Forscher der nationalen Notenbanken zwischen 2008 und 2011 mehr als 62.000 Haushalte in Ländern der Euro-Zone befragt. Das Ergebnis ist die erste Vermögensstatistik, die europaweite Vergleiche von 15 Ländern ermöglicht. Irland und Estland werden erst bei der nächsten Welle in drei Jahren mitveröffentlicht.
Studie wegen Zypern-Krise unter Verschluss gehalten?
Dass es sich bei der Studie um ein heißes Eisen handelt, belegen die Medienspekulationen der letzten Wochen: Die EZB verschiebe den Zeitpunkt, um die Verhandlungen über ein Hilfspaket für Zypern abzuwarten, berichtete etwa die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Anfang März. Die Tatsache, dass die Zentralbank diese historische Studie nun am Dienstag mit einem kleinen Eintrag auf ihrer Website veröffentlichte, gibt Gerüchten über eine bewusste Strategie hinter der verspäteten Publikation neue Nahrung.
Verstärkt wird das Gefühl, die Studie könnte im Zusammenhang mit der dramatischen Rettungsaktion für Zypern absichtlich zurückgehalten worden sein, auch durch die nun veröffentlichten Resultate: So fällt auf, dass die mittleren Vermögen in Euro-Krisenländern, allen voran Zypern, deutlich größer sind als in eigentlich finanzstarken Ländern wie Deutschland und Österreich. Dies sei zwar aus früheren Untersuchungen bekannt, angesichts der Höhe der Vermögen in Schuldenländern könnte es jedoch Kritik an der Haftungsübernahme zur Euro-Rettung geben, gab die "FAZ" zu bedenken.
Zypern hinter Luxemburg auf Platz zwei der Reichsten
Die Forscher ermittelten im Zuge der Studie einen speziellen Durchschnittswert der privaten Vermögen, den sogenannten Medianwert, der im Gegensatz zum arithmetischen Mittel Ausreißerwerte nach oben und unten nicht so stark bewertet. Besonders reiche oder arme Haushalte fallen also weniger ins Gewicht.
Die höchsten Vermögen besitzen den EZB-Berechnungen zufolge die Luxemburger Haushalte mit 397.800 Euro. Die Menschen in den Euro-Krisenländern wie Griechenland (101.900 Euro), Zypern (266.900 Euro) - das hinter Luxemburg gar den zweiten Platz bei den reichsten Haushalten belegt - oder Spanien (182.700 Euro) verfügen im Mittel über deutlich mehr Geld als die Menschen in Österreich, wo der Medianwert bei 76.400 Euro liegt. Die Deutschen liegen mit 51.400 Euro recht deutlich hinter uns.
Starke Ungleichverteilung der privaten Vermögen in Ö
In Österreich weicht der Medianwert der Vermögensstudie zufolge zudem stark vom arithmetischen Mittel ab. Letzteres betrage 265.000 Euro. Die große Abweichung ist jedenfalls ein deutliches Zeichen für die starke Ungleichverteilung der privaten Vermögen. Dass ausgerechnet Deutschland, das die Hauptlast der Euro-Rettungen Schultern muss, beim mittleren Vermögen sogar den letzten Platz belegt, sorgt bei unseren nördlichen Nachbarn wenig überraschend für große Empörung.
Zu der Frage, "ob bei der Rettung diverser europäischer Länder wirklich alles mit rechten Dingen zugeht, ob da wirklich die Starken die Schwachen stützen", sah sich etwa die "Welt" am Dienstag angesichts der EZB-Zahlen veranlasst. "Doch es wäre voreilig, nun all die Hilfspakete in Europa pauschal als ungerecht zu verurteilen." Schließlich habe die Studie der Notenbanker methodische Eigenheiten, gab die Zeitung aber zugleich zu bedenken.
So würden die hohen Vermögen in Spanien oder Zypern auf die dortige Immobilienpreisblase zurückgehen - die ja eines der Probleme in diesen Ländern darstellt und mitnichten Ausdruck eines nachhaltigen Vermögenszuwachses sei, so die Zeitung. Außerdem beschränke sich die Studie auf Privathaushalte, während die Schulden von Staaten oder Banken unberücksichtigt blieben, heißt es in dem Bericht weiter.
Geringer Eigenheimanteil Grund für schlechtes Abschneiden
Grund für das niedrige mittlere Vermögen in Österreich und auch Deutschland sei die verglichen mit Südeuropa niedrige Zahl an Eigenheimbesitzern, versuchen auch die EZB-Studienautoren die Zahlen zu relativieren. In Österreich und Deutschland besitzen demnach weniger als die Hälfte der Bürger ein Eigenheim, es gebe viel mehr kleine Haushalte. In Ländern wie Zypern oder Malta gebe es hingegen größere Haushalte mit mehr erwachsenen Personen. Diese verfügen häufig über größere Vermögen, insbesondere in Form von Immobilien. Wo das nicht der Fall sei, seien viele Wohnungen im Besitz der öffentlichen Hand. Dann seien zwar die privaten Vermögen geringer, dafür könnten viele Bürger aber relativ günstig Sozialwohnungen mieten, argumentieren die Forscher.
Insgesamt genießen die Menschen in der Währungsunion trotz aller regionalen Unterschiede einen sehr hohen Lebensstandard, wird in der Studie betont. Laut EZB besitzen 60 Prozent von ihnen ein Haus oder eine eigene Wohnung mit einem durchschnittlichen Wert von etwas mehr als 180.000 Euro. Fast ein Viertel hat zusätzlich mindestens eine weitere Immobilie mit einem Wert von etwas mehr als 100.000 Euro. Drei Viertel der Bürger der Euro-Zone verfügen über ein eigenes Auto.
Ungleichheit trotz Relativierung enorm
Die Ungleichheit ist trotz aller Relativierungsversuche enorm: Zehn Prozent der Haushalte besitzen die Hälfte des gesamten Vermögens. Die EZB-Studie belegt somit, dass eine kleine Gruppe Wohlhabender über einen enormen Anteil des Gesamtvermögens verfügt.
Mager sieht es auch bei der privaten Altersvorsorge aus. Nur ein Drittel spart etwa mit einer privaten Renten- oder Lebensversicherung fürs Alter. Wer es sich leisten kann, kauft zudem Wertpapierfonds und Aktien. Dies gilt vor allem für die reichsten 20 Prozent, von denen ein Viertel in Fonds investiert hat und ein Viertel Aktien sein Eigen nennt. Verschuldet sind 44 Prozent der Bewohner der Euro-Zone - entweder im Rahmen einer Hypothek auf das Eigenheim (23,1 Prozent) oder anderer Kredite, etwa Verbraucherkredite (29,3).
Zahlen sorgten bereits im Herbst 2012 für Polit-Streit
Dass die Vermögensdaten ein Politikum sind, musste die Österreichische Nationalbank übrigens bereits im vergangenen Herbst erfahren, als sie ihren Teil der EZB-Studie veröffentlichte. Sofort wurde sie in den Polit-Streit rund um eine Vermögenssteuer gerissen. "Wir sind vereinnahmt worden", sagte OeNB-Sprecher Christian Gutlederer nun gegenüber der "Wiener Zeitung". Dabei habe man ohnehin "keinerlei inhaltliche Interpretation der Studie" geliefert - und habe das auch jetzt nicht vor, wo die gesamten EZB-Daten veröffentlicht sind.
In Österreich verfügen laut der im Oktober 2012 veröffentlichten Notenbank-Studie, die nun in die EZB-Gesamtstudie einfloss, die obersten zehn Prozent über acht Mal so viel Einkommen wie die untersten zehn Prozent. Beim Vermögen allerdings haben die reichsten zehn Prozent das 581-Fache der ärmsten zehn Prozent der Haushalte. Ein Prozent besitzt ein Drittel des gesamten rot-weiß-roten Vermögens.
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