02.11.2012 08:00 |

Forscher besorgt

Supervulkan bei Neapel könnte die Stadt zerstören

Ein Supervulkan, der direkt neben Neapel liegt, könnte die italienische Millionenstadt zerstören und weltweite Folgen haben. Sorgen macht den Wissenschaftlern, dass sich die Erde dort seit den 1970er-Jahren immer wieder hebt und senkt - bis zu einen Meter. Für Experten ist das ein Hinweis auf eine Gasblase im Erdinneren.

Eine Studie von Experten aus Neapel sieht Zeichen für einen Anstieg von Gasen im Erdinneren und bestätigt zudem, dass eine riesige Magmablase die sogenannten Phlegräischen Felder (in der Landessprache Campi Flegrei genannt) im Westen der Stadt und den 20 Kilometer entfernten Vesuv im Osten verbindet.

Die Phlegräischen Felder sind ein Gebiet mit hoher vulkanischer Aktivität, das auf einer Fläche von 150 Quadratkilometern Dutzende Eruptionskrater umfasst. Die Region mit den beiden Vulkanen gilt als eine der vulkanisch am meisten gefährdeten Gegenden Europas. Der erste Ausbruch der Phlegräischen Felder vor rund 34.000 Jahren soll mit denen des Tambora anno 1815 und des Krakatau 1883 in Indonesien vergleichbar gewesen sein, die das Weltklima veränderten. Die letzte Eruption gab es 1538, dabei entstand ein neuer Berg.

Forscher wollen Erdinneres erkunden
Mit Bohrungen will ein internationales Forscherteam nun erkunden, was im Erdinneren vor sich geht. "Man sieht, dass das Ganze eine gewisse Bewegung zeigt, das ist beunruhigend", sagt der deutsche Geowissenschaftler Ulrich Harms, der zu dem Team gehört. Im Juli startete unter Leitung von Giuseppe De Natale vom Osservatorio Vesuviano des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) die erste Bohrung. "In den vergangenen 40 Jahren gab es Phänomene, die es vorher nicht gab. Wir verfolgen sehr aufmehrsam die Veränderungen", sagt De Natale.

Auf einem stillgelegten Fabrikgelände im Stadtteil Bagnoli im Westen der Millionenstadt schraubte sich das Bohrgestänge in die Tiefe, zunächst auf rund 200 Meter. Ende November soll es weitergehen bis auf rund 500 Meter. Danach wird über die Tiefe der Hauptbohrung entschieden. Drei Kilometer könnten es werden. Im Bohrloch versenkte Messinstrumente sollen dann Bewegungen in der Erde aufzeichnen.

Die Forscher wollen so allgemeine Erkenntnisse über sogenannte Caldera- oder Supervulkane gewinnen, deren Eruptionen zu kesselartigen Einbrüchen führen. "Es gibt weltweit über 100 Calderen, aber wie aktiv sie sind, weiß man nicht. Denn sie brechen nur sehr selten aus, alle paar zehntausend Jahre", sagt Harms. Zugleich sollen die Messungen Hinweise auf die aktuelle Aktivität des Vulkans geben - und somit auf eine mögliche Gefahr für Neapel.

Bohrprojekt stößt bei Bürgern auf Kritik
Das Bohrprojekt stößt bei einigen Bürgern und neapolitanischen Wissenschaftern jedoch auf Kritik. Die Rede ist von einem "Spiel mit dem Feuer". Die Bohrung finde in dicht besiedeltem Gebiet statt. Giuseppe Mastrolorenzo vom INGV kritsiert, dass trotz der permanenten Gefahr eines Ausbruchs unabhängig von der Bohrung kein Notfallplan bestehe.

Mastrolorenzo und seine Kollegin Lucia Pappalardo fanden neue beunruhigende Signale. Unter anderem schreite die Kristallisierung des Minerals Sanidin schnell voran, schreiben sie im Fachblatt "Scientific Reports". Das sei ein Indikator für den Anstieg von Gasen - was wiederum die Explosionsgefahr erhöhe.

Warnung vor Austritt giftiger Gase
Was die Bohrung der internationalen Gruppe bewirken könne, wisse niemand mit Sicherheit, sagt Mastrolorenzo. Auch andere Wissenschaftler aus Neapel warnen vor einem möglichen Austritt giftiger Gase oder auch Explosionen. "Das ist ein schwer vorstellbares Szenario", sagt hingegen Harms. Ventile würden mögliche heiße Dämpfe stoppen, das Bohrloch könnte verschlossen werden. Die Bohrung sei für den Vulkan nur ein Nadelstich. "Das wäre, wie wenn man einen großen See durch einen Strohhalm entwässern wollte."

Das Projekt soll auch prüfen, ob geothermische Energiegewinnung möglich ist. Italien hat viel Potenzial, Kraftwerke gibt es aber fast nur in der Toskana. Der größte Stromkonzern Enel will die Geothermie ausbauen und "die Grenzen der Toskana überwinden". In den 1970er-Jahren gab es erste Erkundungen bei Neapel, die aber nicht weiterverfolgt wurden.

Forderung nach detailliertem Krisenplan
Immer drängender wird die Forderung nach einem detaillierten Krisenplan. "Ein Notfallplan ist vor über 20 Jahren vom Zivilschutz angekündigt worden und liegt bis heute nicht vor", kritisiert Mastrolorenzo. Vincenzo Figliolia, Bürgermeister der Stadt Pozzuoli nordwestlich von Neapel, rief den Zivilschutz zum Handeln auf. Das Szenario bei einem Ausbruch der Campi Flegrei müsse schnellstmöglich geprüft und neben dem kommunalen Evakuierungsplan in einem nationalen Plan umgesetzt werden - "zum Schutz unserer Bevölkerung".

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