Mo, 20. August 2018

"Wir leben noch!"

31.10.2012 06:44

New York: Das Leben nach dem Super-Sturm

Nachdem Wirbelsturm "Sandy" über New York City hinweggefegt ist, beginnt das Aufräumen. Schlamm muss weggeschaufelt, Leitungen müssen geflickt und Wasser abgepumpt werden. "Richtige" New Yorker verkriechen sich nicht, sie packen an und erobern ihre Stadt zurück. Kurz nach dem Super-Sturm trauen sich die Menschen schon wieder auf die Straßen. Viele in Gummistiefeln, aber zur Not reicht auch ein Paar Turnschuhe. Die New Yorker wollen mit eigenen Augen sehen, was der Sturm ihrer Stadt angetan hat. Und sie wollen zeigen: Wir leben noch! Wir lassen uns nicht unterkriegen!

Es ist früh am Dienstagmorgen und dunkel, als sich die Straßen langsam mit Leben füllen. Zuerst sind es nur ein paar Hartgesottene, die über den hell erleuchteten Times Square streifen - anders als in den tiefer gelegenen Gebieten gibt es hier Strom. Die Menschen haben die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Es regnet immer wieder und windet. Touristen aus den umliegenden Hotels mischen sich unters Volk.

Während "Sandy" anderswo in New York City und Umgebung große Verwüstungen angerichtet hat, halten sich die Schäden hier in Midtown Manhattan in Grenzen. Blätter und ein paar abgerissene Äste säumen die Straßen. Ein abgeknickter Baukran hoch oben auf einem Hochhaus-Neubau an der 57. Straße wird zum beliebten Fotoobjekt. Der Stahlkoloss drohte schon die ganze Nacht über abzustürzen, doch er ist zäh.

"Das sieht ja aus wie meine Puppenstube"
Einige Blocks weiter südlich ist die Lage schon angespannter. Der Strom ist ausgefallen. Am frühen Morgen liegen ganze Straßenzüge im Dunkeln. Auch die Handynetze funktionieren nicht. Die Ampeln bleiben schwarz. Verkehrspolizisten in warn-gelben Jacken regeln den Verkehr am Union Square. Zumindest in der Früh bleibt ein Verkehrschaos aus: Es fahren kaum Autos. Im Stadtteil Chelsea ist an einem vierstöckigen Haus die Fassade weggebrochen. Drinnen sieht man Lampen von der Decke hängen, ein Bett, die frei stehenden Heizkörper. "Das sieht ja aus wie meine Puppenstube", sagt ein Mädchen, das sich unter die vielen Schaulustigen gemischt hat.

Die Fotoapparate klicken. Oder besser die Smartphones. Für die New Yorker wird der Schrecken zum Abenteuer, ja zur Abwechslung. An jeder Ecke wird fotografiert, was "Sandy" angerichtet hat: Hier ein abgerissener Vorbau eines Supermarkts, dort einige durcheinandergewirbelte Plastikstühle. Die Stimmung ist gelöst. Die Menschen sind erleichtert. Von Chaos oder gar Plünderungen - wie sie mittlerweile aus anderen Stadtteilen gemeldet wurden - keine Spur. Nur selten fahren Krankenwagen, Feuerwehr oder Polizei mit Sirene vorbei.

"Ich wollte endlich mal wieder raus"
Immer mehr New Yorker kommen aus ihren Wohnungen heraus, in denen sie seit den ersten Sturmböen am Montagnachmittag ausharrten. Vor den wenigen offenen Cafés und kleinen Lebensmittel-Geschäften bilden sich lange Schlangen. "Ich habe jetzt so lange zu Hause gesessen, ich wollte endlich mal wieder raus", sagt eine Studentin, die einen Kaffee im Plastikbecher ergattert hat.

Einige Unerschütterliche gehen schon wieder joggen, andere spazieren mit ihren Hunden über die Straße. Nur die Parks und Spielplätze sind noch geschlossen - zu gefährlich wegen der halb abgebrochenen Äste. Sogar die ersten Fahrradfahrer sind unterwegs - keine schlechte Idee, liegt die U-Bahn doch teils unter Wasser und es fährt kein Bus. Auch die sonst allgegenwärtigen Taxis machen sich am Morgen rar. Je später der Tag, desto mehr der gelben Vehikel bevölkern jedoch die Straßen von Manhattan. Es kehrt langsam so etwas wie Normalität ein. Mitarbeiter von Supermärkten beginnen damit, die Regale aufzufüllen. "Wir öffnen heute Mittag. Hoffentlich geht es euch allen gut", steht auf einem Zettel an einer Bäckerei.

Aufräumarbeiten an allen Ecken
Am Union Square hat der Energieversorger Con Edison eine Flotte an Servicewagen in Stellung gebracht. Sie sollen ausrücken, um die Stromversorgung wiederherzustellen. Die Kollegen im nahen Kraftwerk am East River arbeiten derweil daran, die Schäden einer Explosion zu beseitigen, die in der Nacht die Nachbarschaft aufgeschreckt hatte (siehe Video in der Infobox).

Über die 14. Straße fährt eine Kehrmaschine, die Laub und kleinere Äste einsammelt. 50 Straßen weiter nördlich auf der schicken Upper East Side in Manhattan erledigen das die Portiere, die guten Geister der noblen Wohnhäuser. "Damit werde ich wohl noch eine ganze Weile beschäftigt sein", sagt ein Portier auf der Park Avenue. "Aber das muss ja gemacht werden, und ich wollte es schnell erledigen, damit niemand auf den nassen Blättern ausrutscht."

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