Fr, 19. Oktober 2018

Beweise für Massaker

17.10.2012 09:33

Gadafis Tod "im Gefecht" war ein Rebellen-Gemetzel

Kurz vor dem ersten Todestag von Libyens Ex-Machthaber Muammar al-Gadafi legt "Human Rights Watch" umfassende Beweise vor, dass der Diktator von Rebellen ermordet wurde und nicht, wie offiziell behauptet, während eines Gefechts eine Kugel abbekam. Die Organisation dokumentiert zudem ein Blutbad an Dutzenden Mitgliedern des Gadafi-Konvois in Sirte, die gefangen genommen, gefoltert und hingerichtet wurden. Die libysche Regierung habe die bewaffneten Milizen, die sich während der Revolution bildeten, bis heute nicht unter Kontrolle und ermittle nicht wegen deren Kriegsverbrechen.

Gadafi wurde am 20. Oktober 2011 nach einem NATO-Luftangriff in seiner Heimatstadt Sirte gefasst und starb wenige Stunden später. Die genauen Umstände seines Todes sind bis heute Gegenstand von Spekulationen. Offiziell heißt es, der Diktator starb während eines Gefechts. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass er erst nach seiner Festnahme zu Tode kam. "Die Ergebnisse unserer Untersuchung werfen Fragen zu der Darstellung der Behörden auf, wonach Muammar al-Gadafi in einem Schusswechsel und nicht nach seiner Festnahme getötet wurde", erklärt nun Peter Bouckaert von HRW in einer Videodokumentation seiner Ermittlungen (Achtung: die Aufnahmen zeigen Leichen und die Misshandlung von Gefangenen).

In ihrem 50-seitigen Dossier mit dem Titel "Tod eines Diktators: Blutige Rache in Sirte" wirft Human Rights Watch den Aufständischen vor, am 20. Oktober 2011 zahlreiche Begleiter Gadafis gefesselt, geschlagen und schließlich nahe des Hotels "Mahari" in Sirte erschossen zu haben. Bouckaert war mit einem Team der Nichtregierungsorganisation am Tag nach Gadafis Tod vor Ort und dokumentierte die teils noch mit zusammengebundenen Händen im Sand liegenden Leichen. Laut HRW verübten Rebellenmilizen aus Misrata - jener Stadt, die die Gadafi-Truppen wochenlang und besonders heftig bombardierten - die Kriegsverbrechen.

Rebellen filmten die Gefangenen-Misshandlung
Ein Reporter der Agence France Presse hatte im Oktober 2011 ebenfalls Beweise gefunden, dass auf dem Gelände des Hotels 65 bis 70 Menschen teils mit Kopfschüssen getötet worden waren. HRW beruft sich in seinem Bericht außerdem auf die Aussagen von Rebellen und Überlebenden des Massakers sowie auf Aufnahmen von Handykameras, die die Rebellen selbst erstellt haben und nach Gadafis Tod veröffentlichten. Die Aufnahmen glichen HRW-Mitarbeiter mit Fotos aus Leichenschauhäusern ab. Diese zeigen, dass mindestens 17 Gefangene, die am 20. Oktober 2011 in der Hand der Rebellen waren, am Tag danach tot vor dem Hotel lagen.

HRW fand außerdem Aufnahmen, auf denen Gadafi nach seiner Gefangennahme zunächst lebend mit einer blutenden Wunde am Kopf zu sehen ist. Zudem schien er durch ein Bajonett am Gesäß verletzt worden zu sein. Als er später halb nackt in einen Krankenwagen gebracht wurde, erschien er dagegen leblos. Bouckaert geht davon aus, dass die Rebellen ihn umbrachten und nur mehr zum Schein in einen Krankenwagen legten. Zu Gadafis Sohn Mutassim fand HRW ebenfalls Aufnahmen, auf denen er nach seiner Festnahme rauchend in einem Streit mit Rebellen in Misrata zu sehen ist. Wenige Stunden später wurde seine Leiche mit einer neuen Wunde am Hals gefunden.

Regierung seit einem Jahr untätig
Die Organisation wirft der libyschen Regierung vor, das Problem der bewaffneten Milizen zu ignorieren. Nach Angaben von HRW wurden die gesammelten Beweise kurz nach den Morden an die Behörden übergeben mit der Forderung, eine vollständige und unabhängige Untersuchung einzuleiten. Bei den Verbrechen handle es sich um Kriegsverbrechen, betont die Organisation. Die Behörden sind nunmehr sei einem Jahr untätig. Anlässlich des Jahrestags mahnt Bouckaert erneut eine Untersuchung an. "Diese Massenhinrichtungen vom 20. Oktober 2011 sind die schwersten Verbrechen der Oppositionskräfte" in dem achtmonatigen Konflikt.

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