Anti-Islam-Film
Produzent enttarnt, Polizei muss sein Haus bewachen
Polizeiautos und Kamerateams zieren derzeit den Vorgarten Nakoulas in der kalifornischen Ortschaft Cerritos. Bilder des Hausherren konnten die Reporter aber noch nicht einfangen. Im in der Einfahrt geparkten Wagen liegen volle Einkaufstüten auf dem Rücksitz - offenbar hatten es der oder die Insassen besonders eilig, ins Haus zu kommen. US-Medien berichten, die Bewohner hätten damit begonnen, Fenster mit Backpapier zu verkleben.
Vom örtlichen Sheriff gab es vorerst nur spärliche Auskünfte. Man sei um Polizeischutz gebeten worden, und da man hier die "Garanten der öffentlichen Sicherheit" verkörpere, sei dieser auch gewährt worden. Laut Reuters stritt Nakoula gegenüber einem koptischen Priester ab, der Filmemacher zu sein. Er kenne den "echten Bacile" bloß und sei selbst Chef einer Filmproduktionsfirma.
Wohnhaus war Drehort für Anti-Islam-Film
"Sam Bacile" hatte am Mittwoch noch Telefoninterviews gegeben und darin seinen dilettantischen Amateurstreifen "Innocence of Muslims", der einzig darauf ausgerichtet ist, Muslime zu beleidigen und islamistische Religionsfanatiker zur Gewalt anzustacheln, verteidigt. "Der Islam ist ein Krebsgeschwür", erklärte Bacile der Nachrichtenagentur AP. Mit seinem Film wolle er das aller Welt vor Augen führen. Denn die USA würden in ihren Kriegen gegen Extremisten in Afghanistan und dem Irak nur Geld und Menschenleben opfern, er aber greife den Islam mit anderen, besseren Mitteln an.
Offenbar sollte der Titel "Innocence of Muslims" (etwa: "Die Harmlosigkeit der Muslime") gläubige Muslime unter einem falschen Eindruck in die Kinos locken, um ihnen sodann das "wahre Gesicht" ihrer Religion vorzuführen. Sein Alter gab "Bacile" je nach Medium einmal mit 52, einmal mit 56 Jahren an. Als die Reporter Nachfrage halten wollten, war die Handynummer deaktiviert.
Ein Journalist der Nachrichtenagentur Reuters erhielt dann am Donnerstag von dem US-amerikanischen Kopten-Aktivisten Morris Sadek, der anfangs zur Verbreitung des Film beitrug, angesichts der Folgen dann aber seine Meinung änderte, eine weitere Telefonnummer "Baciles". Der Anschluss war auf die Adresse Nakoula Basseley Nakoulas gemeldet. Wegen der Ähnlichkeit mit dem Pseudonym "Bacile" schwärmten die Reporter aus. Spätestens vor dem Haus erhärtete sich der Verdacht: Der Eingangsbereich kommt als Filmset in "Innocence of Muslims" vor, auch der Wohnbereich dürfte als Kulisse gedient haben. Die Fenster in Halbmondform seien auch in dem 14-minütigen Filmausschnitt auf YouTube zu sehen.
Nakoula saß wegen Bankbetrugs und Meth-Labor in Haft
Am Mittwoch waren die Darsteller und Set-Mitarbeiter des Films mit Betrugsvorwürfen gegen "Sam Bacile" - den sie als "Sam Bassily" kannten - an die Öffentlichkeit gegangen. Das beim Dreh benutzte Script sei ein harmloses historisches Wüstenabenteuer gewesen, die religiösen Inhalte erst nachträglich mit Synchronstimmen eingefügt worden (siehe Bericht in der Infobox). Die Darsteller drohen dem Produzenten wegen Betruges mit Zivilklagen.
Mit dem Stichwort "Betrug" wird man auch bei Nakoula Basseley Nakoula fündig: Der auf Polizeiberichte und Verhaftungsfotos spezialisierten US-Website "The Smoking Gun" zufolge ist Nakoula vorbestraft und war Anfang 2010 wegen Betruges zu 21 Monaten Haft verurteilt worden. Er hatte unter falschen Namen und geklauten Sozialversicherungsnummern Bankkonten eröffnet und diese dann bis zum maximalen Kreditrahmen ausgeschöpft. Der Schaden betrug fast 800.000 Dollar. Nakoula wurde Ende 2010 unter strengen Auflagen in ein Reintegrationsprogramm entlassen, Ende Juni 2011, wenige Wochen vor Drehbeginn des Filmes, war er mit fünfjähriger Bewährungsfrist wiederum auf freiem Fuß. 1997 war Nakoula außerdem mit Chemikalien zur Metamphetaminherstellung erwischt und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden.
"Media for Christ" holte Drehgenehmigung ein
Die finanziellen Hintermänner des Films, der laut den "Bacile"-Interviews fünf Millionen Dollar gekostet haben soll, sind indes weiterhin nicht ausgeforscht. Eine Gruppierung namens "Media for Christ" hatte bei der Stadt Los Angeles am 8. August 2011 ein Studio im Norden L.A.s für den Dreh des Films angemietet. Die Stadt entfernte die Details der Genehmigung allerdings "aus Gründen der öffentlichen Sicherheit" aus der öffentlichen Datenbank. Laut der Steuererklärung der Gruppierung hatte "Media for Christ" im Jahr 2011 einen Umsatz von weniger als einer Million Dollar.
Die von Bacile aufgestellte Behauptung, er habe von 100 jüdischen Investoren Geld bekommen, wird in US-Medien mittlerweile als Lüge und Ablenkungsmanöver dargestellt. "Bacile" - oder Nakoula - gab sich in Interviews als Israeli aus, vermutlich, um bei den anhaltenden Ausschreitungen im Nahen Osten nicht die Aufmerksamkeit auf koptische Minderheiten u.a. in Ägypten zu lenken.
Droht dem Filmemacher Strafe?
Ob den Filmemachern in den USA Strafen drohen, ist noch unklar. Laut CNN wurde Nakoula bereits vom FBI kontaktiert. Die US-Bundespolizisten wollten aber bloß wissen, ob er Drohungen erhalten habe. Es gebe keine aktiven Ermittlungen gegen den 55-Jährigen. Möglich ist, dass Nakoula mit der mutmaßlichen Täuschung der Filmschauspieler gegen seine Bewährungsauflagen verstieß.
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