Neuer Skandal in GB?
Boulevardblatt ‘Sun’ unter Beschuss – Murdoch eilt zu Hilfe
Ging es bei der "News of the World" um das Abhören von Mobiltelefon-Mailboxen (siehe Infobox), ist nun bei der "Sun" Bestechung das Problem: Es drängt sich die Annahme auf, dass die "Sun" in großem Stil mit Hilfe schwarzer Kassen Amtsträger zum Reden gebracht hat, um ihre Seiten mit Exklusivem über Promis, Kriminelle und die Streitkräfte füllen zu können. Und die Informanten sollen dankbar angenommen haben.
Am Samstag wurden mit den Journalisten auch gleich ein Polizist, ein Armeeangehöriger und ein Beamter des Verteidigungsministeriums festgenommen. Schon vor zwei Wochen musste ebenfalls ein Polizist für kurze Zeit hinter Gitter. Inzwischen sind die Verdächtigen gegen Kaution wieder frei.
Murdoch will seiner Redaktion beistehen
Wie brenzlig die Situation für Murdoch schon wieder geworden ist, mag man an der Eile des 80 Jahre alten Medienmoguls ablesen. Noch am Tag der Festnahme versicherte er über seinen Londoner Verlagschef Tom Mockridge der Öffentlichkeit, es werde die "Sun" auch weiterhin geben. "Ich habe heute die persönliche Versicherung von Rupert Murdoch bekommen, dass er sich vollkommen verpflichtet fühlt, weiterhin als Eigner und Verleger der 'Sun' zu fungieren."
Noch in der kommenden Woche will Murdoch persönlich nach London jetten, um der Redaktion des Boulevardblattes symbolisch den Rücken zu stärken.
Murdoch ist der Skandal der vergangenen sieben Monate schon kräftig an die Geldbörse gegangen. Der Milliarden-Deal zur Komplettübernahme des Fernsehkonzerns BSkyB ist gescheitert. Allein im zweiten Quartal des vergangenen Geschäftsjahres musste seine News Corp. wegen des Skandals Einbußen in der Höhe von 66 Millionen Euro verkraften.
Illegale Nachrichtenbeschaffung in England gängig?
Mit dem Überschwappen auf die "Sun" hat sich der britische Skandal um illegale Nachrichtenbeschaffung endgültig ausgeweitet. Schon zuvor waren immer wieder Spekulationen hochgekocht, "die ganze Fleet Street" - die Straße, in der früher Londons große Zeitungsverlagshäuser saßen - sei von dem Virus angesteckt. Der Verlag der "Daily Mail" führt inzwischen einen Zweikampf mit Schauspieler Hugh Grant, der die Zeitung des Abhörens beschuldigt. Und selbst die etablierte "Times" ist ins Visier geraten.
Auch die renommierte Medienwissenschafterin Claire Enders geht davon aus, dass die Murdoch-Medien nicht allein sind. "Es erscheint mir unwahrscheinlich, dass die 'Sun' die einzige Zeitung ist." Gleichwohl glaubt auch sie: "Die 'Sun' wird in den nächsten Jahren immer noch bei uns sein." Die Situation sei mit der der "News of the World" nicht vergleichbar. Die Sonntagszeitung sei nicht mehr rentabel gewesen, Anzeigenkunden seien in großem Stil abgesprungen. All das sei jetzt nicht der Fall.
Größte Boulevardzeitung des Königreichs
Rund acht Millionen Briten schlagen jeden Tag die "Sun" auf. Mit einer verkauften Auflage von inzwischen leicht unter drei Millionen Exemplaren täglich ist sie noch immer die größte Boulevardzeitung des Königreichs.
In der Politik, etwa bei Parlamentswahlen, nimmt die "Sun" massiv Einfluss. Im Wahlkampf zur jüngsten Parlamentswahl 2010 entzog sie dem damaligen Premierminister Gordon Brown von der Labour-Partei die Unterstützung und schlug sich offen auf die Seite des konservativen späteren Wahlsiegers David Cameron.
Festnahmen kommen Cameron gelegen
Dem britischen Regierungschef dürften die neuerlichen Festnahmen übrigens nicht ungelegen kommen: Beweisen sie doch, dass die Regierung in der Sache wie versprochen mit eisernem Besen kehrt.
Cameron war zunächst selbst unter Beschuss geraten. Er hatte den früheren "News of the World"-Chef Andy Coulson als Regierungssprecher in die Downing Street geholt. Anschließend versprach der Premier aber, rückhaltlos aufzuräumen. Inzwischen sind über 800 Opfer identifiziert, mehr als 20 Journalisten, Polizisten und Beamte wurden festgenommen. Eine Reihe von Managern und sogar Londons Ex-Polizeichef Paul Stephenson mussten gehen. Und ein brisantes Archiv von 300 Millionen E-Mails muss erst noch durchforstet werden.
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