Bei der ersten Bregenzer Inszenierung der „Madama Butterfly“ vergangenes Jahr, mussten die Festspiele nach einer knappen Stunde vor einer Gewitterfront kapitulieren. Heuer spielte der Wettergott mit und das Publikum genoss bei lauem Wetter einen stimmig und emotional mitreißenden Opernabend.
Die Inszenierung, die im letzten Festivalsommer zum ausverkauften Publikumsliebling avancierte, soll auch in diesem Jahr bis zu 185.000 Besucher begeistern. „Die Versuchung ist manchmal groß, eine Inszenierung in der zweiten Spielzeit weiterzuentwickeln, doch bei Madama Butterfly bleibt praktisch alles, wie es ist“, erläutert Regisseur Andreas Homoki. Seine Produktion wurde inzwischen mehrfach ausgezeichnet. Schon beim Betreten der Seebühne versprüht die Bühne ihren speziellen Zauber. Bühnenbildner Michael Levine hat sich von japanischer Kultur inspirieren lassen und ein überdimensionales, jedoch zart wirkendes Blatt Papier in den See drapiert. Ein optisches Highlight!
„Madama Butterfly“ wurde von Giacomo Puccini als seine empfindungsreiche Oper, die er je geschrieben habe, bezeichnet. Er sollte Recht behalten, wenngleich die Uraufführung im Jahr 1904 in der Mailänder Scala ein Fiasko war. Nun ja, das Publikum konnte wohl damals mit dem exotischen Stoff nichts anfangen, wenngleich damals wie heute Zwangs-Verheiratungen oder der Verkauf von jungen Mädchen ein Thema waren und noch sind.
Ja, die Oper ist in der Tat Puccinis empfindsamstes Werk, doch sollte man vielmehr sagen: Es ist auch seine farbenreichste Partitur, wenn ein Puccini-Kenner wie Enrique Mazzola am Pult der hervorragenden Wiener Symphoniker steht. Von „Tosca“ kennt man die strengen dynamischen Artikulationsanweisungen, die akribischen Bindebögen und die Phrasierungsvorschriften, doch „Madama Butterfly“, zumeist nur als sentimentale Liebesgeschichte interpretiert, überraschte an diesem Abend mit einer gänzlich unbekannten Klangsprache, die unter die Haut geht. An diesem Abend waren sie zu hören, die spannungsreichen Nuancierungen mit einer großartigen Bogenarchitektur, und das zudem noch hoch-virtuos musiziert. Drama pur aus dem Orchestergraben, das gleichzeitig auf der Bühne sein Echo fand.
Exzellente Sänger verliehen dieser Wiederaufnahme-Premiere das Flair eines ganz großen Opernabends. Für Barno Ismatullaeva scheint die Partie der Cio-Cio-San (genannt Butterfly) perfekt in der Kehle zu liegen. So zeigt sie gekonnten lyrischen Gesang mit innig gebundener Legato-Führung, der manchmal der Wirklichkeit entrückt scheint, dann wieder dramatische Höhepunkte setzen kann. Überhaupt kann Barno Ismatullaeva die Wandlung vom verliebt scheuen Teenager hin bis zur gebrochen Frau überzeugend darstellen.
Tenor Otar Jorjikia ist eine ideale Besetzung für den Verführer Pinkerton. Auch er singt mit schönem Legato, sehr ansprechender Stimmführung sowie schönen Piani.
Annalisa Stroppa (Suzuki) ist ganz mitfühlende Freundin und Dienerin, die gesanglich zudem eine beachtliche Leistung zeigt. Auch Brett Polegato (Sharpless) gehört zu den großen Gestaltern des Abends. Wie alle anderen, zeigt auch er sich den Anforderungen der ungewohnten Phrasierungsaufgaben gewachsen. Das gilt ebenso für die weiteren Protagonisten: Taylan Reinhard (Goro, der Heiratsvermittler), Omer Kobiljak (Fürst Yamadori) sowie Stanislav Vorobyovals Onkel Bonzo. Hamida Kristoffersen gibt der Kate Pinkerton sympathische Züge, anrührend auch Riku Seewald als Kind Dolore.
Tosender Applaus belohnt das gesamte Team für einen bemerkenswerten Opernabend.
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